Uniklinikum

Todesfall an der Uniklinik: Transplantations-Arzt in U-Haft

Der Leiter des Transplantations-Programmes an der Uniklinik Essen sitzt in U-Haft.

Foto: Roland Weihrauch

Der Leiter des Transplantations-Programmes an der Uniklinik Essen sitzt in U-Haft.

Essen.   Der Leiter des Transplantations-Programms an der Uniklinik Essen ist in U-Haft. Es geht um nicht erforderliche Operationen mit einem Todesfall.

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Ein leitender Transplantations-Mediziner des Universitätsklinikums Essen sitzt seit Dienstag wegen des Verdachts auf Totschlag in Untersuchungshaft.

Die Ermittlungen wegen möglicher Verstöße gegen die Transplantations-Richtlinien liefen bereits seit vergangenem Jahr, doch die Verhaftung des 61-jährigen Direktors der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie traf das Haus dennoch überraschend. Es gehe nun um „nicht erforderliche Leber-Transplantationen mit einem Todesfall“, teilt die Staatsanwaltschaft Essen mit. Daher habe man einen Haftbefehl wegen „Totschlags in einem Fall und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen“ erwirkt.

Arzt weist Vorwürfe zurück

Der Arzt wurde am Dienstag­vormittag dem Haftrichter vorgeführt, dem gegenüber er die Vorwürfe zurückwies. Er verbleibt jedoch wegen „Flucht- und Verdunkelungsgefahr“ in U-Haft; zumal die ernste Befürchtung bestehe, er könne „weitere Taten ähnlicher Art begehen“.

Konkret geht es um sechs Lebertransplantationen zwischen 2012 und 2015, die medizinisch nicht notwendig gewesen sein sollen. Der Mediziner habe die Eingriffe zugelassen und sei zum Teil selbst daran beteiligt gewesen. Ihm sei dabei bewusst gewesen, dass die Operationen in diesen Fällen nicht angezeigt waren, weil „risikoärmere, alternative Behandlungsmöglichkeiten mit guter Prognose bestanden hätten“.

„Der Patient könnte möglicherweise noch leben“

Das gelte auch für eine Operation im Jahr 2014, an der der Arzt wohl beteiligt war und „die zum Tod des Patienten geführt haben soll“. Der Betroffene hatte offenbar einen Tumor, der so klein gewesen sei, dass es noch andere Therapien gegeben hätte. „Der Patient könnte möglicherweise noch leben“, sagt die Essener Oberstaatsanwältin Anette Milk.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen 2017 durch einen Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission, die Transplantationszentren überprüft. Dabei ging es um Verstöße gegen das Transplantations­gesetz wie die Fälschung von Krankendaten. Die Uniklinik wies die Vorwürfe damals zurück und sprach dem jetzt inhaftierten Mediziner das „uneingeschränkte Vertrauen“ aus.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich nun auf das Gutachten eines „renommierten Sachverständigen“, den sie mit der Auswertung der Krankenakten betraut hatte. Laut Milk dauern die Ermittlungen an. Es gehe auch darum, „ob es zu weiteren Todesfällen gekommen ist“.

Ermittler: Operationen an Essener Uniklinik haben Patienten geschadet 

Diese Vorwürfe wiegen schwer, gehen deutlich über die Verstöße hinaus, mit denen sich das Uniklinikum bereits vergangenes Jahr befassen musste. Für Unruhe sorgte da ein Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission, die im Auftrag von Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen die Transplantationszentren überprüft. In Essen habe man zwischen 2012 und 2015 bei Leber-Transplantationen „willentlich und systematisch“ gegen die Richtlinien verstoßen, hieß es.

Dabei ging es beispielsweise um Verstöße gegen die Dokumentationspflichten sowie um die Frage, ob die Wartelisten korrekt geführt wurden. Auch habe man am Uniklinikum Patienten mit alkoholbedingter Leberzirrhose vor Ablauf der vorgeschriebenen sechsmonatigen Alkoholabstinenz operiert. Ein Vorwurf, den das Uniklinikum damals zurückwies: Man vertrete hier eine andere Rechtsposition und sehe sich durch den Freispruch eines Göttinger Transplantationsmediziners durch den Bundesgerichtshof bestätigt.

Darüberhinaus zweifelte die Klinik die Legitimität der Prüfer an, ging ihrerseits rechtlich gegen die Kommission vor – und sprach dem betroffenen Mediziner das „uneingeschränkte Vertrauen“ aus.

Ein ähnliches Vertrauensvotum spricht die Uniklinik nicht mehr aus. Man ist augenscheinlich von der Verhaftung des Mediziners überrumpelt: Der 61-Jährige wurde am Dienstagvormittag dem Haftrichter vorgeführt und muss wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr in Untersuchungshaft bleiben. Es geht zudem nun um den Verdacht, dass mindestens ein Patient noch leben könnte, hätte man ihn nicht einer unnötigen Lebertransplantation unterzogen. In fünf anderen Fällen lautet der Vorwurf auf gefährliche Körperverletzung. Die zwei Verstöße gegen das Transplantationsgesetz rücken da in den Hintergrund.

Wie es aussieht, hat der von der Staatsanwaltschaft beauftragte Sachverständige herausgefunden, dass man in Essen bisweilen zum Messer griff und Patienten einer belastenden Transplantation unterzog, obwohl es schonendere Behandlungsmöglichkeiten gegeben hätte. Dabei berge der Eingriff selbst immer ein gewisses Sterblichkeitsrisiko, sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk. Und: In den sechs jetzt angeklagten Fällen hätten die Patienten ohne Operation eine „gute Prognose“ gehabt.

Angeschaut haben sich die Ermittler den Zeitraum bis 2015. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es danach ähnliche Fälle gegeben hätte, sagt Milk. Auch die nun bekannt gewordenen Fälle dürften ein Rückschlag sein im Werben um Organspender. Das Uniklinikum mochte sich mit Blick auf das laufende Verfahren am Dienstag nicht zu den Vorwürfen äußern. Ein Sprecher versicherte nur, man werde „vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft Essen kooperieren“.

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