Illegale Autorennen

Unfall am Berliner Platz: Die Crash-Fahrer schweigen

Der Berliner Platz wurde am Samstag für mehrere Stunden gesperrt.

Der Berliner Platz wurde am Samstag für mehrere Stunden gesperrt.

Foto: Brosch

Essen.   Nach dem Unfall am Berliner Platz, dem vermutlich ein illegales Autorennen vorausging, schweigen die Fahrer. Zeugen machen eindeutige Aussagen.

Die Essener Innenstadt ist umgeben von einem vierspurigen Straßenring, der regelmäßig junge Auto-Raser anzieht. Jetzt ist es erstmals zu einem folgenschweren Unfall gekommen. Der pure Zufall wollte, dass es keine Toten gab.

Es ist 18.15 Uhr am Samstag, Berliner Platz, und am Fußgänger-Überweg, der nahe am Kreisverkehr direkt ins beliebte Einkaufszentrum „Limbecker Platz“ führt, warten Passanten auf grün. Ein schwarzer Fünfer-BMW mit Gelsenkirchener Kennzeichen kommt von der mittleren Spur ab, drängt nach rechts, dort ist ein silberner Mercedes CLK 320 unterwegs.

Ein Siebenjähriger muss danach ins Krankenhaus

Der Mercedes weicht nach rechts aus und donnert in die Menge der Fußgänger hinein. Einen Ampelmasten und einen Poller reißt das Auto zuvor direkt um, das Fahrzeug kommt erst vor einem Baum zum Stehen. Ein Junge (5) wird leicht verletzt, ein anderer Junge (7) schwer. Drei weitere Erwachsene erleiden teilweise so schwere Blessuren, dass auch sie ins Krankenhaus müssen. Von Kopfverletzungen ist die Rede.

Während die Polizei am Tag danach noch zögert, von einem illegalen Autorennen zu sprechen und zunächst einen Gutachter einschaltet, liefern Augenzeugen eindeutige Hinweise: „Der Mercedes war viel zu schnell“, berichtet Taxifahrer Tobias Pröbstl (31). „Ich hatte zunächst quietschende Reifen gehört und mir nichts dabei gedacht – das ist ja normal hier.“

Nachts sind die meisten Rennen

Er stand, auf Kunden wartend, an seinem Taxi direkt am Unglücksort vor dem „Cinemaxx“. Dort steht Pröbstl oft. „Her fahren junge Männer immer wieder mit großen, teuren Autos illegale Rennen – vor allem nachts.“

Am Schauplatz ist auch die U-Bahn-Station „Berliner Platz“, die von einem privaten Sicherheits-Dienst bewacht wird. Dessen Mitarbeiter beobachten seit Jahren, während sie im Freien Zigarettenpause machen, was auf dem City-Ring passiert: „Das sind fast immer dieselben Autos, wir kennen die schon“, sagt ein Mann. „Ein schwarzer Audi R8 Cabrio ist dabei, dann gibt es noch einen anderen R8 in fleckigen Tarnfarben, und einen schwarzen BMW M5 sieht man auch oft. Stellen Sie sich mal samstagsnachmittags bei schönem Wetter hier hin, da können Sie immer Rennen erleben. Es ist ein Wunder, dass so ein Unfall nicht schon früher passiert ist.“

Bislang hatte es tatsächlich nur Blechschaden gegeben, das war bei einem Unfall auf der Schützenbahn. Im Frühjahr 2017 hatte die Essener Polizei verstärkte Kontrollen angekündigt und diese auch durchgezogen.

Der Kreisverkehr am Berliner Platz zieht junge Raser an

Was den City-Ring so attraktiv für junge Raser macht – Taxifahrer Pröbstl kann es genau erklären: „Die enge Bebauung sorgt für ausreichend Schall. Das törnt die Fahrer an.“ Und: Der Kreisverkehr direkt am Einkaufszentrum „Limbecker Platz“, vor genau zehn Jahren errichtet, fordert die jungen Raser heraus – es geht ums „Driften“, also die Kurven so schneidig zu nehmen, dass das Heck ausbricht.

Nach dem Unfall am Samstag nimmt die Polizei die beiden Gelsenkirchener Fahrer, beide 22 Jahre jung, vorläufig fest. Ob sie schon eine Akte bei den Behörden haben, ist bis dahin nicht bekannt. Sie werden nach der Vernehmung wieder freigelassen. Sie lassen sich durch Anwälte vertreten und schweigen, heißt es am Sonntag. Alkohol, steht früh fest, sei nicht im Spiel gewesen. Es handelt sich um Deutsche mit türkischem Hintergrund.

Blut liegt getrocknet auf dem Asphalt

Noch am Sonntagmittag sind am Schauplatz viele Spuren zu sehen: Eine Fußgängerampel ist komplett abgerissen. Eine Ampel für Autofahrer ist kaputt. Krustige Blutlachen der Opfer sind auf dem Asphalt zu erkennen, und Farbmarkierungen der Polizei, sie leuchten grün auf dem Bürgersteig. „Ein Trümmerfeld“ sei das gewesen, sagen manche, die erste Hilfe leisteten, so gut wie es ging.

Nächstes Mal müssen sie vielleicht auch den Leichenwagen dazurufen.

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