Theater

Essener Theater entdeckt Filmklassiker über Verrücktsein neu

Verfolgen ein imaginäres Baseballspiel: Sebastian Hartmann als McMurphy, Kalle Spies als Häuptling, Hans Rodehüser als Scanlon und Yannic Krämer als Billy (v.l.) in „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Verfolgen ein imaginäres Baseballspiel: Sebastian Hartmann als McMurphy, Kalle Spies als Häuptling, Hans Rodehüser als Scanlon und Yannic Krämer als Billy (v.l.) in „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Jubiläumsspielzeit in der Studio-Bühne: Regisseurin Kerstin Plewa-Brodam entdeckt den packenden Stoff von „Einer flog über das Kuckucksnest“ neu.

Mit Tatendrang blicken die Macher der Studio-Bühne in die Zukunft. „Wir haben richtig Lust auf neue Stücke“, sagt der Vorsitzende Michael Steinhorst. Und davon bietet das ambitionierte Theater nach monatelanger Renovierung und Wiedereröffnung mehr als genug in der Jubiläumsspielzeit. Den Auftakt macht im Oktober „Einer flog über das Kuckucksnest“. „Es ist eine Herausforderung“, befindet Regisseurin Kerstin Plewa-Brodam über ihre 26. Inszenierung.

Es geht um einen Stoff, dem Miloš Forman („Amadeus“) 1975 in seiner Verfilmung mit fünf Oscars zu Weltruhm verhalf ebenso wie dem Hauptdarsteller Jack Nicholson. Fast jeder über 50 hat zu dieser Geschichte über eine menschenunwürdige Psychiatrie Bilder im Kopf wie das imaginäre Baseballspiel vor einem abgeschalteten Fernseher. Eindringlicher kann ein Aufstand nicht geprobt werden.

„Wir hoffen, dass sich die Zuschauer auf die Inszenierung einlassen“, betont die Regisseurin, die bereits mit „Tod auf dem Nil“ einen Filmklassiker auf die Bühne brachte. Das Theaterstück von Dale Wasserman, das erst nach dem Filmerfolg von „Einer flog über das Kuckucksnest“ Bekanntheit erlangte, orientiert sich verstärkt an Ken Keseys aufrüttelndem Roman von 1962. Der erzählt aus der Perspektive des Häuptlings. Die Kernsituation bleibt.

Stück über Machtmissbrauch und Rebellion

Der vorbestrafte McMurphy schwindelt sich in eine Irrenanstalt, um dem Knast zu entgehen. Mit der diktatorischen Oberschwester Ratched, die ein extrem reglementiertes System beherrscht, hatte er nicht gerechnet. Seine ungebrochene Aufmüpfigkeit reißt die eingeschüchterten Patienten aus der Lethargie, was rigorose Bestrafung zur Folge hat.

Für Kerstin Plewa-Brodam ist es mehr als packendes Stück über Machtmissbrauch, Manipulation und Rebellion. „Die Psychiatrie steht für den Zustand unserer Gesellschaft“, erklärt die 59-Jährige. Sie entdeckte vor dem Hintergrund der „Me-too-Debatte“ die ausgeprägten Geschlechterrollen: „Die Männer haben ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Es ergibt sich eine Umkehrung von Macht. Ihr männliches Selbstverständnis ist ,ver-rückt’“, erklärt Kerstin Plewa-Brodam.

Ihre Inszenierung ist filmisch angelegt. Mit Schnitten erzählt sie die Geschichte, die im Heute angesiedelt ist. Elektroschocks und hirnchirurgischer Eingriff, die aus der modernen Psychiatrie verschwunden sind, kennzeichnet bei ihr ein Sinnbild für Unterdrückung. „Ich wollte keine historische Richtigkeit.“ Es geht vielmehr um eine tragikomische Fallhöhe. Beklemmende Momente wechseln sich mit der Leichtigkeit zum Durchatmen ab. „Es sollen zweieinhalb Stunden gute Unterhaltung werden.“

Regisseurin setzt auf eine typgerechte Besetzung

So viele Mitspieler wie möglich sollten an der Produktion beteiligt werden, bei der Grillo-Gewandmeisterin für die passenden Kostüme sorgte. 13 gehören zu der absolut typgerechten Besetzung, darunter Sebastian Hartmann als cooler McMurphy, Grillo-Bühnenmeister Kalle Spies als schweigender Häuptling und Student Yannic Krämer als stotternder Billy Bibbit.

„Die Zeit für die Entwicklung der Figuren war viel zu knapp. Aber alle kamen super vorbereitet zu den Proben“, erzählt Kerstin Plewa-Brodam. Bei dem 22-Jährigen Yannic fällt das sofort auf. Er hat die verklemmte Körperhaltung mit ineinander verschlungenen Beinen schon in den Alltag übernommen. Und auch das Stottern hat er monatelang geübt. Selbst an der Uni. Nur den Film hat er sich zur Vorbereitung nicht angeschaut: „Ich wollte glaubwürdig sein und mich nicht beeinflussen lassen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben