Blindgängerfunde

Stadt Essen kritisiert Aufwand bei Bombenentschärfungen

Kann der immense Aufwand bei Bombenentschärfungen – hier am Mittwoch Abend in Altenessen – wieder auf ein noch sachgerechtes Maß reduziert werden? Diese Frage stellt sich Ordnungsdezernent Christian Kromberg.

Foto: Filzen

Kann der immense Aufwand bei Bombenentschärfungen – hier am Mittwoch Abend in Altenessen – wieder auf ein noch sachgerechtes Maß reduziert werden? Diese Frage stellt sich Ordnungsdezernent Christian Kromberg. Foto: Filzen

Essen.  Bei Bombenfunden muss „unverzüglich“ evakuiert werden, was Anwohnern viel Ärger beschert. So ist der Evakuierungs-Radius in Essen größer als etwa der in Bochum.

Rund 1900 Menschen eilig evakuiert, über 14.000 Anwohner insgesamt betroffen, 360 Profis und Freiwillige im nächtlichen Hilfseinsatz – und das alles für einen Bomben-Blindgänger, der seit mehr als 70 Jahren in acht Meter Tiefe steckte und nach menschlichem Ermessen wohl kaum binnen Stunden zur tödlichen Gefahr geworden wäre. Ordnungsdezernent Christian Kromberg hat am Mittwochabend in Altenessen zwar den in solchen Fällen seit 2014 üblichen Einsatz angeordnet, will aber bei nächster Gelegenheit in den Gremien des Städtetags kritische Fragen zur geltenden Praxis bei Bombenentschärfungen diskutiert wissen: „Meine Leute gehen mittlerweile auf dem Zahnfleisch.“

Evakuierung von Kranken und Pflegefällen birgt Gesundheitsrisiken

Stressfaktor Nummer 1 ist dabei der Begriff „unverzüglich“: Seit 2014 hat jeder Bombenfund die Pflicht zur „unverzüglichen“ Entschärfung zur Folge, was dann zu extremer Betriebsamkeit führt: Alle Bewohner innerhalb eines Radius von 500 Metern müssen binnen Stunden ihre Häuser verlassen, auch Kranke und Pflegefälle. Selbst wenn sich alle Beteiligten größte Mühe geben, sind gerade betagte Anwohner durch Stress und Zeitdruck echten Gesundheitsrisiken ausgesetzt.

„Wenn der Kampfmittelräumdienst sagt, er müsse sofort tätig werden, könnte ich zwar theoretisch sagen: heute nicht mehr“, sagt Kromberg. Die Verantwortung, die mit dem Ignorieren des Expertenrats verbunden ist, sei er aber nicht bereit auf sich zu nehmen – selbst dann nicht, wenn es wie in Altenessen erkennbar nur ein sehr überschaubares Risiko gebe. Die Frage, die sich Kromberg daher stellt: Muss es wirklich immer „unverzüglich“ sein oder würde nicht auch eine flexiblere Vorschrift ausreichen, die auch ihm dann flexibles Agieren ermögliche?

Bis 2014 reichte es, die Fundstelle zu sichern - und einige Tage später zu entschärfen

Bis 2014 war es schließlich normale Praxis, die Gefahrenstelle zu sichern und mit dem Entschärfen der Bombe bis zum Wochenende zu warten. Anwohner konnten sich dann in Ruhe auf die Evakuierung vorbereiten, sich beispielsweise einfach etwas Außerhäusiges vornehmen. Altenheime waren in der Lage, einen Ausflug zu planen, und auch der Berufsverkehr durfte erst einmal fließen.

Ein Unglück passierte auch vor 2014 nie, dennoch hielten die Bezirksregierungen in NRW eine Verschärfung für erforderlich, die nun regelmäßig ganze Stadtteile oder gar Städte lahmlegt. Kromberg zufolge habe man gut mit der alten Regelung gelebt. „Ausnahme sind Bomben mit Säurezünder, da dürfen wir tatsächlich keine Zeit verlieren.“

In Bochum genügen 250 Meter Evakuierungs-Radius, in Essen müssen es 500 sein

Merkwürdig ist auch, dass in NRW unterschiedliche Standards gelten, was erhebliche Konsequenzen hat. Während die Bezirksregierung Arnsberg eine Evakuierung in einem Radius von 250 Metern für völlig ausreichend hält, legte die Bezirksregierung Düsseldorf einen Radius von 500 Meter fest, im Bereich von weiteren 500 Metern dürfen die Bewohner während der Entschärfung ihre Häuser nicht verlassen.

Kuriose Folge: In Bochum (BR Arnsberg) war vor gut einer Woche der Evakuierungsaufwand bei der Entschärfung einer gefährlichen, zehn Zentner schweren Säurezünder-Bombe weit geringer als am Mittwoch in Essen (BR Düsseldorf) bei einem Standardexemplar mit ebenfalls zehn Zentnern. Und während die Bochumer Bombe knapp unter dem Asphalt lag, befand sich die Essener eben sogar in acht Meter Tiefe, war ebenfalls potenziell weniger gefährlich für Anwohner war. Die beiden Fälle könnten nach Ansicht von Kromberg Anlass sein, darüber nachzudenken, ob nicht die niedrigeren Standards genügten.

Auch Hilfsorganisationen und Feuerwehr fragen: Muss das alles so aufwendig sein?

Der Ordnungsdezernent lobt zwar, am Mittwoch habe in Altenessen wieder einmal alles einwandfrei geklappt, gerade auch dank der rund freiwilligen 300 Helfer von DRK und Co. „Dennoch haben mehrere Hilfsorganisationen und auch die Feuerwehr die Frage aufgeworfen, ob diese Einsätze wirklich immer in diesem Umfang sein müssen“, so Kromberg.

Leserkommentare (20) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik