Sportgeschichte

Stadion Mathias Stinnes: Fußball-Tempel für die Zechen-Bosse

Bewegte Geschichte: das Mathias-Stinnes-Stadion

Bewegte Geschichte: das Mathias-Stinnes-Stadion

Foto: FUNKE Foto Services

Essen.   Das Stinnes-Stadion in Essen-Karnap galt in den 50er Jahren als große Sportadresse – mit Tribüne und Stehplätzen für 30.000 Zuschauer.

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Für diese wunderschöne Sportarena hat keiner Unterschriften gesammelt. Der Masterplan Sport sah keine Verwendung mehr vor für das Stadion Mathias Stinnes, der jährliche Unterhalt kostete zuletzt gut 115.000 Euro. Im Sommer 2012 war Schluss. Die alte Holzhütte, in der einst nach dem Krieg der Hauer Hennes Sittek eine neue Bleibe und eine Arbeitsstelle als Platzwart abseits der Zeche fand, in der er mit seiner Frau lebte und zwei Kinder großgezogen hat, mit einem Klo in der Mitte, dafür aber ohne Bad, wurde sofort abgerissen, später folgte der Rest. Als die Stadt im Herbst 2015 händeringend nach Plätzen für Flüchtlingscamps suchte, wurden beide Fußballfelder eingeebnet, nur der Haupteingang mit den Kassenhäuschen blieb erhalten.

Bis zu 10.000 Zuschauer bei der TSG Karnap 07

Wer hätte sich das vor 60 Jahren träumen lassen: Die Zeche Mathias Stinnes bestimmte in den 50er Jahren den Herzschlag im Norden der Stadt, so wie vielerorts zwischen Kettwig und Karnap die Zechen das Leben prägten. 1950 kaufte das Bergwerk Mathias Stinnes den Grund und ließ den dortigen Sportplatz von 1925 in ein repräsentatives Stadion umbauen, mit Tribüne und Stehplätzen für knapp 30.000 Zuschauer, mit einem Sportheim, über das später noch ein Casino gesetzt wurde, damit sich die Stinnes-Bosse mit Zigarre und Pils in der Hand das Spiel ansehen konnten. Heute würde man das eine Loge nennen.

Dass der Platz unterhalb des mächtigen Kohlekraftwerks mit seinen riesigen Schornsteinen lag, dass sich auf der anderen Seite der Arenbergstraße das Tanklager erhob, störte nicht wirklich. Schornsteine, Industrie, das gab in der Nachkriegszeit Arbeit und Brot. Und Spiele: Jede Zeche unterhielt einen Fußballverein, im Stinnes-Stadion war das der TSG Karnap 07, in der Saison 1956/57 immerhin eines der Gründungsmitglieder der Verbandsliga Niederrhein, damals die dritthöchste Spielklasse in Deutschland. Die TSG war eine gute Adresse, zu den Spielen gegen Helene oder BVA kamen manchmal 10 000 Zuschauer. Sehr viel mehr Einwohner hatte Karnap damals auch nicht. Aber auch der FC Schalke, RWE, die „Emscherhusaren“ aus Horst oder RWO gastierten an der Arenbergstraße. Und am 23. September 1956 besiegte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hier bei ihrem ersten Länderspiel die Niederlande und irgendwie auch den DFB, der Frauenfußball verboten hatte.

Später gab es viele Pläne für die Anlage, die allesamt scheiterten: Egal ob Reiterhof, Alten- oder Jugendtreff, ein Haus des Sports, ein großes türkisches Zentrum oder eine Gastronomie – die Zukunft des riesigen Areals im Schatten des Müllheizkraftwerkes blieb ungewiss, oft eben auch, weil RWE die Erweiterungsfläche nicht hergeben wollte. Das baufällige Sportheim wurde schließlich abgerissen.

Geschichtsverein Carnap hofft auf Erhalt der Erinnerungsstücke

Vom Stadion Mathias Stinnes sind heute nur noch das Eingangstor mit den beiden Kassenhäuschen und Teile der Nordtribüne mit deren einzigartigen Tonnenbögen erhalten. Wenn im November das Flüchtlingscamp wie von der Stadt geplant wieder abgebaut wird, geht die Fläche zurück an RWE, den Eigentümer des Stadions. Wie es dann unterhalb des Kraftwerk-Schornsteins weitergehen soll, steht noch in den Sternen. Der Geschichtskreis Carnap hofft, dass wenigstens die letzten baulichen Erinnerungsstücke der Sportgeschichte erhalten bleiben, „das würde der Verwertung des Innenbereichs nicht entgegenstehen“, sagt Bettina von der Höh.