Medikamentenmissbrauch

So litten Essener Heimkinder unter den „Betonspritzen“

Das Franz Sales Haus im Jahre 1959: Anstaltsarzt Dr. Waldemar Strehl untersucht junge Bewohner. Um sie zu disziplinieren, setzt er starke Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen ein.

Das Franz Sales Haus im Jahre 1959: Anstaltsarzt Dr. Waldemar Strehl untersucht junge Bewohner. Um sie zu disziplinieren, setzt er starke Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen ein.

Foto: Franz Sales Haus

Essen.  Ein Anstaltsarzt hat Essener Heimkinder vor 50 Jahren mit starken Medikamenten diszipliniert. Bochumer Wissenschaftler haben ihr Leid untersucht.

Die Pharmazeutin und Medizinhistorikerin Dr. Sylvia Wagner hat den Aufsehen erregenden Fall vor vier Jahren aufgedeckt: Dr. Waldemar Strehl, einst Anstaltsarzt des Franz Sales Hauses, einer traditionsreichen Einrichtung in Essen für Menschen mit Behinderung, hat in den 1950er- und 60er-Jahren für die Pharmaindustrie Medikamente an Kindern und Jugendlichen getestet und überhaupt gerne Psychopharmaka verabreicht – und dabei schlimme Nebenwirkungen in Kauf genommen.

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Die Direktion hat daraufhin zwei Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum damit beauftragt, den Medikamentenskandal gründlich aufzuarbeiten. Das Ergebnis ihrer aufwendigen Untersuchung liegt jetzt in Buchform vor: Unter dem sachlich klingenden Titel „Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz Sales Hauses“ (Aschendorff Verlag Münster) haben die Autoren Katharina Klöcker und Uwe Kaminsky auf 270 Seiten viel Licht in das erschütternde wie dunkle Kapitel über die Macht der Medikamente im Heim gebracht.

Die 1950er Jahre: Die Wunden des Weltkrieges schmerzen immer noch und die Schrecken der Hitler-Barbarei werden gerne verdrängt. Dafür wächst im Wirtschaftswunderland der Glaube an den Fortschritt – erst recht in der Medizin. 1955 steigt Dr. Waldemar Strehl auf zum Anstaltsarzt des Franz Sales Hauses. Die Ordensschwestern himmeln den Doktor an als Herrgott in Weiß – Tabletten und Spritzen gehören in den nächsten 14 Jahren zum Alltag. Die Wirkung seiner Arzneien ist so stark, dass von „Kotz- und Betonspritzen“ die Rede ist.

58 Prozent der Heimkinder müssen Psychopharmaka schlucken – oft gegen ihren Willen

Die Wissenschaftler haben 100 Heim-Akten ausgewertet und finden heraus: etwa 58 Prozent der Kinder und Jugendlichen müssen damals Psychopharmaka schlucken: Neuroleptika, Antidepressiva, Tranquilizer. Jeden Tag Tabletten. Jeder dritte Bewohner nimmt obendrein starke Beruhigungsmittel. Jeder zehnte bekommt Mittel gegen Epilepsie, obwohl gar keine Epilepsie vorlag.

In aufschlussreichen Interviews schildern ehemalige Heimkinder grausame Details des Tabletten-Wahnsinns. Mehr als 79 von ihnen geben an, dass sie die Medikamente zum Teil gegen ihren Willen nehmen mussten. Die Pillen dienen vor allem dazu, sie zu bestrafen. Oder sie müde zu machen. Einige geben zu Protokoll, dass sie mit Tabletten und Spritzen bestraft worden sind, wenn sie sexuelle Dienstleistungen verweigerten.

Klaus Kitz (Name anonymisiert) war von 1960 bis 1970 Heimkind. Die Autoren schreiben: „Er erinnerte sich, dass alle in der Station mehr oder weniger unfreiwillig Medikamente bekommen haben. Manchmal waren die Mittel sogar unter dem Brotaufstrich versteckt. Die Jungen seien zum Teil auch dazu gezwungen worden, andere festzuhalten, damit die Schwester ihnen gewaltsam Medikamente verabreichen konnte. Die Erinnerung quält Klaus Kitz bis heute.“

Arzt über Nebenwirkungen: „Plötzlich Schreikrämpfe, Nackenstarre, li. Hand kalt“

1957/58 beginnt Strehl mit Medikamentenerprobungen, er testet das Präparat „T 57“ des Pharma-Herstellers Merck, das später als Neuroleptikum „Decentan“ auf den Markt kommen wird. Dass es starke Nebenwirkungen verursacht, ist damals schon bekannt. Auch Strehl notiert: „Plötzlich Schreikrämpfe. Die li. Seite war wie gelähmt, der Mund schief, die li. Hand kalt und weiß, feucht. Schlief mehrere Stunden. Abds. ohne weiteres Mittel Schreikrämpfe. Am nächsten Morgen in der Schule Wiederauftreten mit Nackenstarre, unsicherem Gang, feucht-kalten Händen.“ In einem anderen Fall beschreibt er die tägliche Dröhnung so: „Schrei- und Blickkrämpfe, Torsionsspannungen.“

Es gibt offenbar niemanden, der den furchtbaren Doktor bremst und den wehrlosen Kindern hilft. Einwilligungen etwa von Eltern für die Arzneimittelerprobungen müssen damals nicht eingeholt werden. Und selbst über die Empfehlungen von Merck setzt er sich rigoros hinweg. Sogar Siebenjährigen verabreicht Strehl erhebliche Überdosierungen, manchmal drei- bis viermal mehr, als Merck empfiehlt. Aus Sicht der Wissenschaftler passiert die Vergabe in einer „rechtlichen Grauzone“: „Kindern neue Medikamente zu geben, war damals nicht grundsätzlich verboten.“

Überforderte Ordensschwestern sind Verbündete des Anstaltsarztes, nicht der Kinder

Hätten nicht die Ordensschwestern ihre schützende Hand über die Schutzbefohlenen halten müssen? Offenbar tun sie das exakte Gegenteil. „Wenn auf der Station die Situation eskaliert ist, haben die Schwestern den Anstaltsarzt um Hilfe gerufen. Und Strehl hat auch geprügelt“, heißt es im Franz Sales Haus. Der Arzt und die Schwestern – sie sind Verbündete.

Sozialpädagogik ist in jener Zeit ein Fremdwort, die Erziehung ist autoritär, nicht selten brutal. Hinzu kommt: Die Schwestern im Franz Sales Haus sind völlig überfordert. 15 Kinder sollen in einer Gruppe sein, doch oft sind es 30. Es herrschen Personalmangel und Unterfinanzierung, schlecht ausgebildet sind die überalterten Ordensschwestern obendrein. Da kommt der Doktor mit seinen Tabletten genau recht. Die Medikamente, so die Erkenntnis der Wissenschaftler, dienen „als Disziplinierungsmittel zur Aufrechterhaltung der Heimstruktur“.

Oder anders formuliert: Was früher der Rohrstock oder die Ohrfeige alleine erledigten, schafft nun auch die Tablette.

Katharina Klöcker, die Ethikerin, geht abschließend hart ins Gericht mit Dr. Waldemar Strehl. Sie ordnet den zum Teil exzessiven Medikamenteneinsatz als Missbrauch ein und macht den Anstaltsarzt in hohem Maße dafür verantwortlich, „dass den Heimkindern im Franz Sales Haus durch moralisch nicht zu rechtfertigende Medikamentengaben großes Leid widerfuhr.“ Über das Heimsystem spricht sie Klartext: „Aus heutiger Sicht skandalös und menschenverachtend.“

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