Innenstadt-Studie

Schlechtes Zeugnis für Essens Innenstadt: kühl und leblos

Die Limbecker Straße in der Essener Innenstadt.

Die Limbecker Straße in der Essener Innenstadt.

Foto: S. Tassos

Essen.   Den Besuchern fehlen laut Studie in der Essener City Orte des Verweilens und der Gastlichkeit. Das sind aber nicht die einzigen Kritikpunkte.

Eine aktuelle Studie zur Innenstadt bescheinigt ihr wie erwartet kein gutes Zeugnis: „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass den Besuchern Orte fehlen, die man auch jenseits des Einkaufs gerne aufsucht, die Gastlichkeit ausstrahlen, und eine Möglichkeit bieten, ein Wir-Gefühl zu entwickeln“, erklärte Stephan Grünewald, Geschäftsführer des federführenden Rheingold-Instituts. Die zentralen Plätze würden die Befragten eher als Freiflächen und Durchgangszonen wahrnehmen, nicht aber als Plätze zum Verweilen. Sie hätten zudem ein gestörtes Sicherheitsempfinden und bemängelten die Sauberkeit.

Die Studie in Auftrag gegeben hat die städtische Essen Marketing Gesellschaft (EMG). Sie will aus den gewonnenen Erkenntnissen nun ihr Innenstadt-Konzept weiter entwickeln. „Jetzt liegt die Wahrheit auf dem Tisch. Es geht nicht nur um Kaugummis auf dem Boden, fehlende Toiletten und ungepflegte Baumbeete, es geht um etwas viel Größeres und Wichtigeres: Die Bedeutung der Innenstadt als Zentrum von Essen. Und das kann und darf nicht nur Einkaufen sein“, kommentierte EMG-Geschäftsführer Richard Röhrhoff die Ergebnisse. Die Innenstadt müsse viel stärker als bislang zu einem Ort der Begegnung werden. Denn auch das habe die Studie gezeigt: Die kritische Wahrnehmung der Innenstadt sei bei großen Veranstaltungen wie dem Weihnachtsmarkt oder dem Essen Light Festival kaum vorhanden. „Ohne Anlässe jedoch wirkt der Tisch kühl und leblos und jeder Fleck fällt besonders auf“, bestätigte das Institut in seiner Analyse.

67 Personen zur Innenstadt befragt

Das Rheingold-Institut hat für die Studie zwischen September und Dezember 2018 mit insgesamt 67 Personen sogenannte Tiefeninterviews geführt. Diese dauerten in der Regel zwei Stunden. Ausgewählt wurden dafür zunächst 50 Männer und Frauen zwischen 25 und 65 Jahren, die aus Essen und den benachbarten Städten kommen und mindestens einmal im Monat die Essener Innenstadt besuchen. Hinzu kamen Gespräche mit Vertretern aus Politik, Verwaltung, Handel und Gastronomie. „Das Ergebnis ist so eindeutig, da braucht es keine weiteren Interviews mehr“, betonte Institutschef Grünewald.

Die Studie zeige, dass die Bürger die Essener Innenstadt nur als einen eindimensionalen Ort wahrnehmen, der primär zum Einkaufen genutzt wird. „Sie suchen gezielt Geschäfte auf, arbeiten die Einkaufsliste ab und verlassen die City dann wieder.“ Das habe jahrelang gereicht, zumal Essen als „die“ Einkaufsstadt galt. In Zeiten des Online-Handels und der Globalisierung habe dieses Konzept allerdings an Magnetwirkung und Glanz verloren. Diese Erkenntnis treffe zwar auf alle Städte zu, in Essen werde dies allerdings besonders deutlich. Lange habe das große Einkaufsangebot die fehlende Aufenthaltsqualität überdeckt, die jetzt immer stärker zu Tage tritt, so Grünewald.

Mehr Showrooms für Online-Konzepte

Oberbürgermeister Thomas Kufen sagte zu den gewonnenen Erkenntnissen: „Der gestiegene Anteil des Online-Handels, die demographische Entwicklung und ein geändertes Freizeitverhalten zwingen uns, das Angebot in unserer Innenstadt neu zu bewerten. Mehr Sauberkeit und Präsenz unseres Ordnungsdienstes sind bereits in Planung. Jetzt setzen wir mit allen wichtigen Akteuren ein Handlungskonzept auf, das sich vor allem an den Wünschen der Bürger orientiert.“

Wie Wege aussehen könnten, umriss Innenstadtkoordinator Dieter Groppe: Neben Aktionen und Veranstaltungen soll es neue Konzepte geben, um Online-Händler anzusiedeln. „Die Innenstadt kann als Erlebnis-Ort, aber auch als Showroom punkten.“

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