Ausstellung

Rimini Protokoll bittet zum Quallen-Ballett auf Zollverein

Die Künstlerin Helgard Haug vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll und das Quallenballett auf Zollverein.

Die Künstlerin Helgard Haug vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll und das Quallenballett auf Zollverein.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Künstlerkollektiv Rimini Protokoll zeigt auf Zollverein die Arbeit „win >< win“. Es geht um den Klimawandel und die Folgen für Mensch und Qualle.

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Sie lieben das Bad im immer wärmer werdenden Meereswasser, arrangieren sich mit dem sinkenden Sauerstoffgehalt. Und selbst der ganze Plastikmüll in den Ozeanen kann ihnen nichts anhaben. Mit ihrer geradezu furchteinflößenden Anpassungsfähigkeit sind Quallen offenbar die Spezies der Zukunft und deshalb auch die Hauptdarsteller in der aktuellen Installation von Rimini Protokoll „win >< win“ auf der Essener Welterbezeche Zollverein.

„Quallen profitieren anscheinend von all dem, was wir anrichten“

In der Halle 5 hat das Künstlerkollektiv den Ohrenquallen, Fachbegriff Aurelia, ein 600 Liter Wasserbecken eingerichtet, für artgerechte Fütterung und Haltung gesorgt und zwei Zuschauerpodeste in dem verdunkelten Publikums-Aquarium dazugestellt. Man schaut auf das sanft dahingleitende Quallenballett und gleichzeitig auch in den Spiegel: Wer von euch wird noch am längsten leben?, tönt es durch die Kopfhörer. Ziemlich unmissverständlich konfrontiert Rimini Protokoll die Besucher anhand von wissenschaftlichen Aussagen und aktuellen Forschungsergebnissen mit dem möglichen Aus für die menschliche Spezies und mit der Frage, was nach uns kommt: „Quallen profitieren an­scheinend von all dem, was wir anrich­ten“, sagt Helgard Haug von Rimini Protokoll.

„Rimini Protokoll“ zeigt ähnliche Arbeiten auch in Moskau und London

Das Leben auf dem Planeten geht weiter – nur leider nicht mit uns. Das ist die ebenso alarmierende wie nachdenklich stimmende Botschaft, die dieser sacht im Kreis treibende Quallenschwarm übermittelt. Dass es ausgerechnet diese wirbel- und gehirnlose, glibbernde Zellmasse ist, die die hochentwickelte Spezies Mensch überleben wird, ist der Kniff der Installation. „Es korrigiert unser egozentrisches Denken“, sagt Helgard Haug.

Ihre These bekommt dabei Unterstützung von Tierpflegern und Meeresbiologen wie der australischen Quallen-Expertin Lisa-Ann Gershwin: „Wir sind in der verrückten, unerwarteten und unverständlichen Situation, dass wir im Wettbewerb mit den Quallen stehen. Und sie sind dabei zu gewinnen“, heißt es in der Installation, deren Textschleife etwa alle 15 Minuten neu ansetzt.

Diese verstörende Botschaft von der Übermacht der Medusen verbreitet sich derzeit weltweit: „win >< win“ ist in Zeiten globaler Erderwärmung auch zum global gefragten Ausstellungsprojekt geworden. Rimini Protokoll lässt seine Quallenballett derzeit nicht nur in Essen schwimmen. Ähnliche Installationen sind zeitgleich in Moskau, Singapore und in der Londoner Royal Academy of Arts zu sehen.

Auch wenn die Alltags-Experten von Rimini Protokoll dem Zuschauer diesmal eine eher passive Rolle zuweisen, will „win >< win“ doch eine Bewusstseinsänderung herbeiführen. „Mach Platz für die kommende Generation“ heißt es am Ende des Loops. Wer auf die Bedrohungen durch die globale Erwärmung am besten vorbereitet ist, wird sich zeigen. „Es könnten“, sagt Helgard Haug, „auch Kakerlaken sein.“

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