Welterbe Kokerei Zollverein

Nicht auf Sand gebaut: Investor wirbt für Zollverein-Campus

Den denkmalgeschützten Gasomter auf der Kokerei Zollverein hat Investor Reinhard Müller vorübergehend in einen Beachclub verwandeln lassen. 

Den denkmalgeschützten Gasomter auf der Kokerei Zollverein hat Investor Reinhard Müller vorübergehend in einen Beachclub verwandeln lassen. 

Foto: EUREF

Essen.   In Beachclubatmosphäre hat Investor Reinhard Müller für den Zukunfts-Campus auf Zollverein geworben. Den Denkmalschutz will er zufrieden stellen.

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Der Algencocktail schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig. Aber der Beachclub, den die Leute von Euref in den Gasometer der Kokerei gezaubert haben, verheißt wie versprochen Berliner Lebensgefühl im Hochsommer: 800 Tonnen feinster Sand, dazu Palmen, Sonnenstühle und ein Wetter wie bestellt. Fehlt nur der Blick auf die Museumsinsel. Sollte allein der „Euref Beach Zollverein“ von den vielversprechenden Plänen des Investors Reinhard Müller übrig bleiben, für das Welterbe wäre das schon ein Gewinn.

Reinhard Müller will mehr. Und er geht davon aus, dass alle anderen das Gleiche wollen. Hatte ihn doch Werner Müller, seinerzeit Vorsitzender der RAG-Stiftung persönlich aufgefordert, nach Zollverein zu kommen, als der 2016 den Euref-Campus seines Namensvetters in Berlin-Schöneberg besuchte. Projektentwickler Reinhard Müller hat dort ein Versuchslabor für Unternehmen und Start-ups. Es geht um Zukunftsthemen: um den Klimawandel, die Energiewende, um intelligente Mobilität. 2500 Arbeitsplätze sind entstanden. „Das will ich auch“, soll Werner Müller nach dem Rundgang gesagt haben. So erzählt es Reinhard Müller am Dienstagabend den geladenen Gästen.

Stadt und Investor haben sich inzwischen auf ein Konzept verständigt

Es soll der Auftakt sein für „Euref Campus Zollverein“. Dass noch vor dem Startschuss der Denkmalschutz Bedenken äußert, wirft Müller nicht um. Überrascht ist er doch, soviel klingt im persönlichen Gespräch durch. Die Pläne seien der RAG, der RAG-Stiftung und der Stiftung Zollverein seit eineinhalb Jahren bekannt. Zweimal habe er mit dem Gestaltungsbeirat zusammengesessen. „Vor der dritten Sitzung hat man uns ausgeladen. Das können Sie ruhig schreiben.“

Inzwischen haben sich Investor und Stadt Essen auf ein Konzept verständigt, berichtet Hans-Jürgen Best, Stadtdirektor und Planungsdezernent. Ein geplantes U-förmiges Gebäude soll soweit geöffnet werden, dass es der denkmalgeschützte Gasbodenfackel nicht zu nahe kommt. Ein weiteres Gebäude an den ehemaligen Kühltürmen soll verkürzt, die Geschossflächen womöglich anderswo aufgestockt werden. Abwarten. Mit dem Denkmalschutz müssten die Änderungen noch abgestimmt werden, räumt Best ein. „Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass die Behörde zustimmen wird.“ Und irgendwie hätten sie es auf Zollverein doch noch immer hingekriegt. Es klingt so, als ginge es nur um ein paar lästige Details.

50 Millionen Euro will Reinhard Müller auf dem Kokereigelände investieren. Es wäre das erste große private Investment auf dem Welterbeareal. Eines, auf dass sie dort schon so lange warten. Subventionen wolle er nicht haben, betont Müller offenbar adressiert an jene, die glauben, da käme ein Glücksritter, der nur öffentliches Geld abschöpfen will. Was zieht ihn nach Zollverein? Seine Antwort: „Ohne Welterbe wäre ich nicht hier.“ Und ohne Werner Müller wohl auch nicht.

Man darf annehmen, dass ihm die RAG-Stiftung und die Stiftung Zollverein für das 30 000 Quadratmeter große Grundstück auf der Kokerei, das er kaufen beziehungsweise in Erbpacht übernehmen will, ein mehr als akzeptabeles Angebot gemacht haben. Im Ruhrgebiet mit seinen 260 000 Studenten sieht Müller großes Potenzial für Start-ups. Sein Geschäftsmodell klingt simpel: Müller vermietet auf seinem Campus Räume an innovative Unternehmen und Newcomer, auf dass ein inspirierender Ort entsteht, wo sie sich etablierte Firmen und Start-ups gegenseitig befruchten.

Ein inspirierender Ort für innovative Unternehmen soll entstehen

Auf dem Euref-Campus in Berlin geht das Geschäftsmodell offenbar auf, Büros gehen weg wie geschnitten Brot in der Bäckerei. Berlin ist schick, Berlin ist in. Aber Berlin ist teuer. Die Mieten steigen. Für Start-ups, die nicht viel zahlen können, könnte es da auf Sicht schwer werden, für kleines Geld geeignete Mitarbeiter zu finden. Schick sein allein reicht nicht. Anders im Ruhrgebiet, wo die Mieten günstig und die Lebenshaltungskosten vergleichsweise niedrig sind.

„Wir haben über 20 Firmen, die hierher kommen wollen. Geben wir ihnen eine Chance“, sagt Reinhard Müller. Es klingt wie ein Appell. Was da auf Zollverein entstehen könne, darauf geben Gründer und Fortgeschrittene vom Berliner Campus einen Vorgeschmack: Algenzüchter, Bootsbauer, die auf den Antrieb per Brennstoffzelle setzen, Fundraiser, die Millionen für Start-ups einsammeln.

Die Zuhörer staunen andächtig. Nur der Koch, den Müller aus der Hauptstadt mitgebracht hat, tischt dann doch etwas zu dick auf. Die Berliner Currywurst soll besser sein als die im Ruhrgebiet? Na ja!

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