Leben am Krupp-Park

Neue Straßen werden nach legendären Krupp-Lkws benannt

Der „Mustang“ war mit seinen 145 PS etwas schwächer als der „Titan“, fand beim Treffen 2008 aber ebenfalls Bewunderer. Er wurde rund 3000 Mal gebaut.

Der „Mustang“ war mit seinen 145 PS etwas schwächer als der „Titan“, fand beim Treffen 2008 aber ebenfalls Bewunderer. Er wurde rund 3000 Mal gebaut.

Foto: Remo Bodo Tietz

Essen-Westviertel.   50 Jahre lang wurden Titan, Mustang oder Tiger bei Krupp gebaut. An diese deutsche Lkw-Geschichte sollen Namen im neuen Wohngebiet erinnern.

Es ist eines der Geräusche, die bei manchem seit der Kindheit im Ohr nachklingt: das kraftvolle Fauchen der Krupp-Lastwagen. Diese Giganten des Wirtschaftswunders hießen Titan, Tiger, Elch, Widder, Büffel oder Mustang und machten ihren tierischen Namensgebern alle Ehre: Wenn ein Lastwagenfahrer so richtig aufs Gaspedal trat, kam es bedrohlich und aggressiv aus der geriffelten Motorhaube mit den drei Ringen. „Mustang“ oder „Titan“ aus den Essener Krawa-Werken zeigten dann ihre ganze Kraft.


Am Ort der früheren Fabrik im Westviertel errichtet die Bezirksvertretung I ihnen jetzt ein kleines Denkmal: Sie benennt drei Straßen des künftigen Wohngebiets „Leben am Krupp-Park“ nach ihnen. Zusätzlich gibt es noch einen „Südwerkeweg“, denn von 1946 bis 1954 wurden die Lastwagen und Busse nicht in Essen, sondern in Franken produziert, wo die Fabriken während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert waren.

Die Namensnennung ist eine schöne Idee des Stadtteilparlaments, denn dass in Essen einmal Lastwagen gebaut wurden – und zwar immerhin noch bis ins Jahr 1968 – wissen nicht mehr viele. Ganz freiwillig geschah diese unternehmerische Entscheidung von Firmenchef Gustav Krupp-von Bohlen und Halbach übrigens nicht.

Nach der Rüstung musste Neues her

Nach dem Ersten Weltkrieg musste sich Krupp rasch etwas Neues einfallen lassen, um wieder Geld zu verdienen und die Menschen zu beschäftigen. Die bis dahin sehr bedeutende Rüstungssparte musste von einem auf dem anderen Tag ihre Produktion einstellen und wurde von den alliierten Siegern strikt reglementiert und reduziert.


Die Krupp-Ingenieure bewiesen aber Flexibilität und konzipierten eine ganze Palette von Maschinen, Gebrauchsgütern und Fahrzeugen, darunter eben auch Lastwagen. Nicht zuletzt dank des Qualitäts-Nimbus, den Krupp sich erarbeitet hatte, wurde die Fahrzeug-Linie rasch ein Erfolg. Da die eigene Fertigungsfabrik 1919 errichtet wurde, könnte im nächsten Jahr sogar 100-jähriges Jubiläum gefeiert werden.

Krupp kam zugute, dass man schon früher mit dem Erfinder Rudolf Diesel zusammengearbeitet hatte, und produzierte zunächst Spezialfahrzeuge wie etwa Feuerwehrautos. Später wurde das Essener Traditionsunternehmen dann einer der größten deutschen Lkw-Hersteller, ab den 1930er Jahren dann verstärkt ergänzt durch eine Militärsparte. Den Zweiten Weltkrieg überlebte die Lkw-Montage in fränkischen Kleinstädten wie Kulmbach, wo sie zum Schutz vor der Bombardierung ausgelagert wurde. Daher die Bezeichnung „Südwerke“, die auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst sogar als Firmen-Name beibehalten wurde. Später dann wurde die „Krawa“, wie das Krupp-Kraftwagenwerk kurz hieß, wieder in Essen errichtet.

Kennzeichen und größtes Problem von Krupp bis weit in die 1960er-Jahre waren zu viele Produktionen in kleinen Serien, die wegen ihrer hohen Stückkosten nicht rentabel waren und die Firma immer tiefer ins Defizit rutschen ließen. Auf dem deutschen Lkw-Markt konnte Krupp mit den bald weit enteilten Marktführern Daimler-Benz und MAN nicht mehr mithalten. Zuletzt produzierten und vermarkteten 3200 Mitarbeiter gerade mal 1500 Lastwagen – es war klar, dass das nicht ewig weitergehen konnte.


Kurz nach dem Tod von Alfried Krupp und im Zuge der existenziellen Finanzkrise des Unternehmens kam 1968 dann der Stilllegungsbeschluss, der erstmals bei Krupp trotz sozialverträglicher Lösungen von heftigen Protesten begleitet war. Im Jahr darauf standen die Bänder dann nach genau 50 Jahren endgültig still, die Mitarbeiter wurden auf andere Krupp-Werke verteilt, gingen in Frühpension oder zur Konkurrenz: Daimler-Benz lockte einige Essener Fachleute nach Süddeutschland.

Oldtimer-Treffen am historischen Ort

Noch etliche Jahre danach gehörten die Lastwagen und Busse mit den drei Ringen am Kühler zum Straßenbild, längst aber sind die schweren Diesel mit der amerikanisch anmutenden, weit vorgezogenen Kühlerhaube Oldtimer-Raritäten. Noch vor einem Jahrzehnt gab es an der alten Produktionsstätte ein Treffen dieser Giganten, das Hunderte Freunde alter Lkws anzog.

Wenn nahe der Dickmannstraßin Altendort demnächst etwa 200 Reihen- und Mehrfamilienhäuser stehen, werden die Bewohner also die neuen Adressen bekommen. Eine der neuen Häuserreihen liegt allerdings an der altbekannten Ehrenzeller Straße, die über die Helenenstraße verlängert wird. Da, wo früher die Krawa war, ist seit langem eine Brachfläche, auf der kürzlich der Zirkus Flick-Flack seine Zelte aufgebaut hat. Und nach 50 Jahren gibt es nun endlich eine bauliche Neunutzung.

>>> INFO: Wohnen auch auf dem alten Fabrikgelände

  • Im Zuge des Umzugs der ThyssenKrupp-Zentrale an den historischen Ursprungsort von Krupp wurde das riesige frühere Fabrikgelände großflächig neu überplant. Auch das Wohnen ist im „Krupp-Gürtel“ vorgesehen.
  • Die Namensschilder Titanweg, Mustangweg und Südwerkeweg sollen mit kurzen Erklärungen versehen werden, so dass der historische Bezug ersichtlich ist.

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