Kinderarmut in Essen

Land gibt gut 1 Million Euro für den Kampf gegen Kinderarmut

Scheckübergabe: Staatssekretär Edmund Heller (l., stehend) überreicht Essens OB Thomas Kufen (M.) rund eine Million Euro. Ein Teil des Geldes fließt in die Kita Seumannstraße, die von Christiana Haase (r.) geleitet wird.

Scheckübergabe: Staatssekretär Edmund Heller (l., stehend) überreicht Essens OB Thomas Kufen (M.) rund eine Million Euro. Ein Teil des Geldes fließt in die Kita Seumannstraße, die von Christiana Haase (r.) geleitet wird.

Foto: Tassos

Essen.   Ein Drittel der Essener Kinder lebt von Hartz IV. Nun hilft das Land der Stadt mit einer Finanzspritze im Kampf gegen Kinderarmut.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Inoffiziell trägt Essen einen Titel, den niemand haben will: „Hauptstadt armer Kinder“: 34 Prozent der Kinder leben hier von Hartz IV, landesweit sind es 19 Prozent. Es ist ein stiller Skandal, der nicht nur den Kindern die Zukunft raubt, sondern auch der Stadt. Nun will die mit einem neuen Programm – und nennenswerter Zuwendung durch das Land – den zähen Kampf gegen Kinderarmut forcieren.

Bis 2020 werden fünf Projekte im Norden, Westen und in der Mitte der Stadt mit insgesamt 1,15 Millionen Euro gefördert. Die Bandbreite reicht von der Schwangerenberatung bis zur Förderung für Schüler (Text unten); beteiligt sind etwa Jugendamt, Sozialverbände, Stadtteilprojekte und die Uni. All jene, die vor Ort aktiv sind, sich dort vernetzen. „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“ heißt das Landesprojekt, Oberbürgermeister Thomas Kufen spricht von den „Graswurzeln“, bei denen man beginnen müsse. So könne man Stadtteile entwickeln, „Heimat für die Menschen schaffen“.

Diskussionen zwischen Stadt und Landesministerium

Zum Beispiel in der städtischen Kita an der Seumannstraße in Altenessen, in der am Montag Staatssekretär Edmund Heller aus dem NRW-Arbeitsministerium einen Scheck ans Stadtoberhaupt übergibt. Essen erhalte damit den ersten Förderbescheid des insgesamt mit jährlich acht Millionen Euro ausgestatteten Programms, denn die Stadt habe sich „in beispielhafter Weise auf den Weg gemacht“: Habe zahlreiche Daten ausgewertet, bevor sie Quartiere und Projekte auswählte. Dabei habe es, das verschweigt Heller nicht, auch „kontroverse Diskussionen“ gegeben.

Während nämlich das Ministerium das Programm ganz auf Kinderarmut zugeschnitten hat, hätte sich die Stadt ein breiteres Profil gewünscht: eins, das Stadtteilarbeit allgemein stärker gewürdigt hätte. Denn mit der Vernetzung von städtischen Angeboten und anderen Trägern vor Ort arbeitet Essen auch auf anderen Feldern, etwa bei der Integration von Zuwanderern.

100 der 125 Kinder haben einen Migrationshintergrund

Letztlich tragen indes auch die nun ausgewählten Projekte zur Integration bei: So wird die Kita Seumannstraße von 125 Kindern besucht – „und 100 haben einen Migrationshintergrund“, sagt Leiterin Christiana Haase. Ein paar der Eltern hätten noch sprachliche Schwierigkeiten oder seien mit dem hiesigen Gesundheitssystem nicht so vertraut. Sie nehme man schon immer an die Hand und informiere sie über Angebote im Stadtteil. Mit dem neuen Projekt „Mittendrin und rundum gesund“ wird die Kita an der Seumannstraße in puncto Gesundheit nun zur Anlaufstelle für Familien aus dem gesamten Quartier: Ein Sozialarbeiter soll Eltern den Wert von Bewegung und Vitaminen vermitteln, Vorsorgeangebote vorstellen und sie gegebenenfalls auch mal zum Arzt begleiten. Schließlich, so steht es in der Projektbeschreibung, leiden viele Kinder im Quartier unter einem „unzureichenden bis schlechten Gesundheitszustand“. Und zwar weil die Eltern nicht ausreichend informiert seien, nicht weil sie sich nicht kümmerten. Das Projekt soll die Gesundheitsvorsorge also langfristig verbessern und dazu beitragen, dass alle Kinder im Stadtteil gesund aufwachsen können.

Kleine Schritte sind das. Doch Turgay Tahtabas vom Zukunft Bildungswerk, das ebenfalls in die neue Projektarbeit eingebunden ist, weiß aus eigenem Erleben, wie wichtig solche Ermutigung ist. Darum spricht er an diesem Tag von einem „Meilenstein“.

>>> STARTHILFE FÜR DIE KLEINSTEN

Das Land fördert folgende fünf Projekte in Essen:

„Kindergesundheit frühzeitig im Blick“ in Altendorf, Altenessen-Süd, Bochold, Stadtkern/angrenzende Viertel. Ziel/Zielgruppe: Sprechstunde für Schwangere und junge Eltern, um sie zu stärken. Träger: Das Jugendamt kooperiert u.a. mit Schwangerenberatungsstellen.

„Mittendrin und rundum gesund“ im Norden der Stadt. Zielgruppe: Kita-Kinder und ihre Eltern in prekären Lebenssituationen. Ziel: Information über Gesundheit und Gesundheitssystem, Begleitung bei Arztbesuchen. Träger: Jugendamt, soziale Dienste, Kitas, Familienbildungsstätten u.a.

„Kinder gesund und stark machen“ in Altendorf und Bochold. Zielgruppe: Kita-Kinder ab zwei Jahren und ihre Eltern. Ziel: Gleiche Chancen in puncto Schullaufbahn mit Hilfe gezielter Förderung. Träger: Jugendamt, Kitas, Plan B. . .

„Teilhabe durch Bildungsbegleiter“ im Stadtkern und in Altenessen-Süd. Zielgruppe: benachteiligte Kinder in Kitas und Grundschulen. Ziel: Hilfestellung für Kinder und Eltern. Träger: Kitas, Schulen, Stadt, Uni, Zukunft Bildungswerk.

„Lernwelten entdecken“ in Altenessen-Süd. Zielgruppe: Kinder in Kitas/Grundschulen mit Lernschwächen. Ziel: mehr Teilnahme am Unterricht. Träger: Kitas, Schulen, Stadt, Kinderschutzbund u.a.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben