Theater

Khemiri-Stück: Glücksucher auf dem Klettergerüst des Lebens

Regisseurin Magz Barrawasser im Bühnenbild der aktuellen Produktion „≈ [ungefähr gleich]“

Regisseurin Magz Barrawasser im Bühnenbild der aktuellen Produktion „≈ [ungefähr gleich]“

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Ökonomie als Theaterthema: Magz Barrawasser inszeniert am Schauspiel Essen das Stück „≈ [ungefähr gleich]“ von Jonas Hassen Khemiri.

Oben ist an diesem Abend, wo das Baugerüst zu Ende ist: Das Leben als stete Kletterübung am Aufstiegsprovisorium – so inszeniert Magz Barrawasser „≈ [ungefähr gleich]“, das Stück von Jonas Hassen Khemiri. Khemiri ist nicht nur einer der bekanntesten schwedischen Gegenwartsautoren, sondern auch studierter Ökonom. Wie es um die persönliche Freiheit in der „freien“ Marktwirtschaft bestellt ist, davon handelt sein Episodenstück, das heute Abend in der Casa des Schauspiel Essen Premiere hat.

In rund zwei Dutzend Szenen versammelt der Autor Figuren am unteren Ende der Einkommensleiter, die der Zufall und die Ökonomie in diesem Stück zusammenbringen. Während Andrej noch verzweifelt versucht, einen guten Job und damit Anschluss ans System zu finden, träumt Martina längst schon den Traum vom Aussteigen. System-Verweigerer Peter bezahlt für die vermeintliche Freiheit wiederum mit einem Leben auf der Straße, dem Freja mit kämpferischen Konkurrenzdenken noch unbedingt entgehen will. Während Mani den Studenten in seinen Vorlesungen das Wissen einiger in Vergessenheit geratener Ökonomen predigt.

Zwischen Anpassung und Rebellion

„Ich mag sehr, dass das Stück so viele Facetten und Widersprüche in sich trägt“, sagt Regisseurin Magz Barrawasser. Ihr „Pussy Riots“-Abend hat in der Spielzeit 2016/2017 bereits für reichlich Furore gesorgt und wurde sogar zum Heidelberger Stückemarkt 2018 eingeladen. Nach den drei wilden Rock-Rebellinnen in der Moskauer Erlöserkirche beschäftigt sich die 34-jährige Theatermacherin und ehemalige Grips-Theater-Mitarbeiterin nun erneut mit Figuren zwischen Anpassung und Auflehnung.

Wie sich die einzelnen Leben und Themen dabei miteinander verzahnen, wie Alltag und Wirtschaftstheorien ineinandergreifen, das erlebt man auf der Bühne von Friederike Külpmann, die genauso offen und durchlässig ist wie das Stück. „Es gibt keinen Graben zwischen Bühne und Publikum, man wird direkt abgeholt“, erzählt Barrawasser. Das Stück sei nah am Leben dran, und die Sprache sei in ihrer schnörkellosen Alltäglichkeit dabei gar nicht so einfach zu lernen für das Ensemble.

Ungefähr gleich sind die Glückssucher und Aufstiegsträumer dabei vor allem in ihrer Aussichtslosigkeit, im System doch noch die Aufstiegsleiter nach ganz oben zu finden. „Ich lese das Stück schon ganz klar als Kritik am ökonomischen System“, sagt die Regisseurin. Durch die Vielfalt der Figuren ermögliche das Stück aber auch, aus immer neuer Perspektive auf die Zusammenhänge zu blicken. Und auch auf andere Weise dürfte der Abend sich bezahlt machen. Nebenbei liefert er nämlich auch noch die Formel für die Berechnung des Unterhaltungswertes eines Theaterabends.

Infos zu den Tickets und Terminen

Das Stück „≈ [ungefähr gleich]“ hat heute, 19 Uhr, in der Casa des Schauspiel Essen, Theaterpassage, Premiere (ausverkauft). Weitere Vorstellungen gibt es am 6., 18., 27. Dezember und am 9. Januar 2019, jeweils 19 Uhr. Tickets unter 8122-200 und www.schauspiel-essen.de


Es spielen Alexey Ekimov, Henriette Hölzel, Melanie Lüninghöner, Stefan Migge, Philipp Noack und Sven Seeburg.

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