Landtagswahl 2017

Ortsbesuch nach der Wahl in der AfD-Hochburg Essen-Karnap

Eigenheim-Idylle auf der Gravelottestraße in Karnap: Wilhelm Glettenberg hat die Linke gewählt. Seine Frau Dagmar nimmt Guido Reil übel, dass er den Stadtteil durch den Dreck ziehe. Rechts: Tochter Jennifer Heyden mit Sohn Dominik.

Foto: Socrates Tassos

Eigenheim-Idylle auf der Gravelottestraße in Karnap: Wilhelm Glettenberg hat die Linke gewählt. Seine Frau Dagmar nimmt Guido Reil übel, dass er den Stadtteil durch den Dreck ziehe. Rechts: Tochter Jennifer Heyden mit Sohn Dominik. Foto: Socrates Tassos

Essen.   In Karnap und Vogelheim erzielte die AfD mehr als 20 Prozent. Jeder kennt hier Guido Reil, aber nicht alle stimmen ihm zu. Ein Ortsbesuch.

Karnap am Tag nach dem AfD-Erdbeben, am Tag nach Guido Reils fulminantem 20-Prozent-Erfolg. Die Glettenbergs haben es sich Montagnachmittag auf der Terrasse ihres Reihenhauses in der Gravelottestraße gemütlich gemacht. Sie schauen zufrieden auf junge Äpfel- und Birnenbäume, die sprießenden Erdbeeren, Blaubeeren und Trauben.

Die Sonne strahlt , trotzdem verfinstert sich Dagmar Glettenbergs Miene. „Als SPD-Mann hat Guido Reil Karnap in den Himmel gehoben, jetzt als AfD-Politiker zieht er unser Karnap durch den Dreck.“

Privatisierte Reihenhäuser komplett durchsaniert

Ihr Mann Wilhelm, Gaswasserinstallateur und Bauklempner, hat das Reihenhaus, Baujahr 1939, 1993 gekauft und aufgehübscht. „Die Fassade ist neu und das Dach gedämmt, drinnen habe ich komplett durchsaniert“, sagt der 60-Jährige. Vor der Privatisierung hätten hier Ruhrglasmitarbeiter gewohnt, weshalb das Quartier im Volksmund „Scherbensiedlung“ heiße. Gepflegte Vorgärten, mal bürgerlich, mal Arbeitermilieu mit einem kräftigen Schuss Multikulti.

20 Prozent für Guido Reil in seiner Hochburg: „Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt Wilhelm Glettenberg, der kein Geheimnis daraus macht, dass er am Sonntag sein Kreuz bei der Linken gemacht hat. An der AfD störe ihn besonders der Stress, den sie gegen Ausländer machten. „Da sind ein paar ganz fiese Möpps dabei.“

Die Menschen wirken gereizt

Egal wen man hier oben im Norden anspricht: Die Menschen sind hochpolitisiert und oft gereizt. Ehrliche Leute, die sagen, wo der Schuh drückt. Ganz nach dem Ruhrgebietsklischee: Schnauze mit Herz.

„Die 20 Prozent waren vorhersehbar, weil Guido Reil in Karnap so bekannt ist“, findet Frank Seeger aus der Beisekampsfurth. Von seinem Reihenhaus schaut er aufs Mathias-Stinnes-Stadion, wo auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle eines der größten Zeltdörfer stand. „Das Zeltdorf ist weg, aber der Norden wird weiter mit Flüchtlingen belastet“, ärgert er sich.

„Die sollen ihre Nazi-Parolen weglassen“

Seeger sagt, er sei kein Freund der AfD. „Aber der Reil hat die Wahrheit ausgesprochen“, fügt er hinzu. „Zum Beispiel, dass die Menschen in der Asyl- und Flüchtlingsfrage von den Politikern veräppelt werden.“ Seeger findet, dass die AfD keine Lösungen anbietet. Aber wenn es ihr gelänge, mehr Substanz in ihre Politik zu bringen, „dann holen sie noch mehr Stimmen.“

Im Café am Rewe-Markt sitzen vier Türken am Tisch. Ismet Altun, von Beruf Schlosser, ist in Altenessen aufgewachsen und lebt seit 1993 in Karnap. „Von Guido Reil halte ich nichts, der ist eine Marionette, aber seiner Partei würde ich eine Chance geben“, sagt der 44-Jährige. Nur eines störe ihn: „Die sollen ihre Nazi-Parolen weglassen.“ Seine Sympathie für die AfD kommt nicht von ungefähr. Er gibt offen zu, Sympathisant der rechtsextremen, nationalistischen Grauen Wölfe zu sein. Was er Sonntag selbst gewählt habe? „Gar nichts, ich habe nur einen türkischen Pass.“

Türken in der Parallelwelt

Sein Freund Aydogan Saka (43) ist in Karnap geboren. Guido Reil zeige er demonstrativ die kalte Schulter. „Mich interessiert der Typ nicht, er könnte sich etwas gebildeter ausdrücken.“ Der Bergmannssohn hat die Hauptschule in Karnap besucht, seine älteste Tochter macht bald Abi, die jüngere besucht das Leibniz-Gymnasium. Eine klassische Einwanderer-Aufsteiger-Story. Doch angekommen ist Saka in Deutschland immer noch nicht. Im Gegenteil. „Ich wähle nur in der Türkei.“

Es ist fast schon kurios: Obwohl die AfD in Karnap das zweitbeste Stadtteil-Ergebnis holte, hält sich die Sympathie für den Arbeiterführer Reil in Grenzen. „Er macht auf Kumpel, ist aber kein Kumpel“, ätzt einer. Und ein Geschäftsmann ärgert sich darüber, dass Reil mitunter drei Mal am Tag mit Fernsehteams im Schlepptau durch Karnap ziehe, Hasstiraden verbreite und den Stadtteil schlechtrede. „Ein Schauspieler, der mit Politik nur Geld verdienen will“, fügt er hinzu.

Durch Guido Reil SPD-Mitglied geworden

Das mit Abstand entspannteste Verhältnis zu Guido Reil pflegt ausgerechnet ein treuer Sozialdemokrat. „Ich bin vor vier Jahren durch Guido Reil in die SPD gekommen“, sagt Detlev Venjakob (70). Noch immer fahre man zusammen den AWo-Einkaufsbus für Senioren. noch immer treffe man sich zu einem Bier. „Wir sind Freunde geblieben, meiden aber privat das Thema Politik.“

Wie die meisten anderen stört auch Venjakob, dass Karnap im Fernsehen jetzt ständig durch den Dreck gezogen werde. „Dabei gib’s so viele schöne alte Zechenhäuschen, die liebevoll renoviert worden sind.“ Dass die AfD-Gewinne zu Lasten der SPD gehen, liege auf der Hand. „Die Menschen im Norden ärgern sich über die Flüchtlingspolitik der SPD, auch ich fühle mich manchmal im eigenen Land wie ein Ausländer.“

>>>DIE AFD UND GUIDO REIL IM ESSENER NORDEN

  • Der frühere Sozialdemokrat Guido Reil aus Karnap gehört zu den Zugpferden der AfD-NRW.

  • Im Nordwahlkreis 65 holten Reil und die AfD auf Anhieb ein zweistelliges Ergebnis: 13,3 Prozent Erst- und 13,1 Prozent Zweitstimmen.

  • Die besten Stadtteilergebnisse erzielte Reils AfD in Vogelheim(22,1) und Karnap (20,3)

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