Unfall

Junge von U-Bahn mitgerissen: Not-Signal kam zu spät

Auf der Strecke U11 zwischen den Haltestellen II. Schichtstraße und Karlsplatz in Essen-Altenessen hat es am Donnerstagmorgen einen schweren Unfall gegeben.

Auf der Strecke U11 zwischen den Haltestellen II. Schichtstraße und Karlsplatz in Essen-Altenessen hat es am Donnerstagmorgen einen schweren Unfall gegeben.

Foto: ANC-News

Essen.   Der Junge, der in Essen von einer U-Bahn mitgerissen wurde, schwebt noch in Lebensgefahr. Jetzt werden neue Details der Unglücksfahrt bekannt.

Nach einem dramatischen Unfall am U-Bahnhof „II. Schichtstraße“ in Essen-Altenessen schwebt ein 13-jähriger Schüler am Freitagmorgen immer noch in Lebensgefahr. Dem Vernehmen nach soll er eine Kopf-Operation überstanden haben, weitere medizinische Eingriffe stünden bevor.

Der Junge wurde am Donnerstagmorgen von einer U-Bahn der Linie U11 rund 200 Meter mitgeschleift, weil sich seine Hand in der Tür verfangen hatte. Mit schwersten Kopfverletzungen wurde der Schüler ins Essener Uniklinikum eingeliefert.

Sofort-Stopp nur acht Sekunden lang möglich

Mittlerweile werden weitere Details der Unglücksfahrt bekannt, die erklären, warum die Bahn nicht gehalten hat, obwohl sich der Junge in der Tür verfangen hatte.

Nach Angaben von Ruhrbahn-Sprecher Nils Hoffmann kann eine Bahn nur in den ersten acht Sekunden nach Abfahrt durch die Notbremse gestoppt werden. So lange hat der Fahrer keinerlei Einfluss auf ein Bremsmanöver. Wenn die acht Sekunden verstrichen sind, erhält der Fahrer zwar weiter ein Not-Signal, muss aber den nächsten Bahnhof anfahren – aus Sicherheitsgründen. Denn oft geht es um mögliche Rauchentwicklung in einem Waggon, und Evakuierungen von U-Bahnen sind nur an Bahnhöfen sicher möglich.

Not-Signal kam erst 21 Sekunden nach Start

„Das Not-Signal bei der Unglücksfahrt ging erst 21 Sekunden nach der Abfahrt bei dem Fahrer ein, die Bahn war zu diesem Zeitpunkt schon im Tunnel der nächsten Haltestelle“, berichtet Ruhrbahn-Sprecherin Silvia Neumann am Freitagmorgen. Entsprechend habe der Fahrer korrekt gehandelt.

Darüber hinaus habe die Polizei unmittelbar nach dem Unglück wiederholt die Tür getestet, die nicht wieder aufgesprungen war, obwohl der Junge offenbar seine Hand zwischen den Flügeln eingeklemmt hatte. „Wir haben getestet mit purem Stoff und auch mit Armen, die Tür ist nach jetzigem Stand nicht defekt, wir haben keine Hinweise auf eine Störung“, betonte Nils Hoffmann bereits am Donnerstag.

Was am Donnerstagmorgen passiert ist: Es war gegen halb acht am Morgen, der Bahnsteig voll mit Jugendlichen, die zu ihren Schulen in der Innenstadt fahren wollten. Der Schüler betritt den hinteren der beiden U-Bahn-Wagen, kommt aber nicht hinein, denn dort stauen sich gerade die Fahrgäste. Er tritt wieder heraus, will durch eine andere Tür hinein, kehrt jedoch nach halbem Weg um und will wieder durch die Tür hinein. Die schließt in dem Moment, der Schüler bleibt offenbar mit der Hand hängen, die Tür geht nicht auf – die U-Bahn fährt los. Der gesamte folgenschwere Vorgang ist auf Video dokumentiert; am Bahnsteig und in der U-Bahn sind Überwachungskameras.

Polizisten bargen den Jungen im Gleis

Rund 200 Meter wird der Schüler mitgerissen, die Bahn fährt von der Haltestelle „II. Schichtstraße“ in Richtung Süden zum Karlsplatz, fährt in einen Tunnel, die Strecke führt dort in die Erde. Etwa 100 Meter nach dem Tunneleingang muss der Junge von der Bahn losgekommen sein.

Er wird schwer verletzt geborgen, ein Helikopter fliegt ihn ins Uniklinikum, die Ärzte kämpfen um sein Leben.

In der Bahn bekommen die Fahrgäste, die im hinteren Waggon sitzen, den Vorgang mit, jemand drückt den Notknopf, viele schreien, die Bahn soll anhalten. Doch der Fahrer, erklärt Ruhrbahn-Sprecher Nils Hoffmann später, ist dazu verpflichtet, die Bahn bis in den nächsten Bahnhof zu steuern. Denn nur in einem Bahnhof kann man eine Bahn evakuieren, zum Beispiel im Fall eines Feuers. Und die Schreie der Mitschüler hört der Fahrer nicht: Er sitzt im anderen, vorderen Waggon, beide Gefährte sind voneinander getrennt. „Der Fahrer ist 62 Jahre alt und 38 Jahre im Dienst, er ist sehr erfahren“, betont Hoffmann. Auch im Rückspiegel habe der Fahrer nichts sehen können: „Zwischen Fahrer und letzter Tür sind 60 Meter Distanz“, sagt Hoffmann.

Polizei hat die Bahn beschlagnahmt

Die Polizei hat die Unglücksbahn beschlagnahmt zur Sicherung von Spuren. Das Gefährt stammt aus dem Jahr 1986, wurde von der Ruhrbahn 1994 gekauft und umgebaut. „Die Wagen werden alle drei Wochen überprüft, der letzte Check fand vor fünf Tagen statt“, sagt Hoffmann.

Die Polizei sucht jetzt weitere Zeugen, die den Vorgang unmittelbar mitbekommen haben. Geklärt werden muss vor allem die Frage, wieso der Junge seine Hand nicht aus der Tür bekam, und warum die Tür nicht - wie im Normalfall - von selbst öffnete. Hinweise an 0201 8290.

Video: Das sagt der Ruhrbahn-Sprecher zum Bahn-Unfall

Ein 13-Jähriger wurde in Essen von einer U-Bahn-Tür eingeklemmt und mitgeschleift. Das sagt Pressesprecher Nils Hoffmann zu dem Unfall.
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