Kennametall Widia

Jobabbau bei Kennametal Widia: Amerikaner drücken aufs Tempo

Der Betriebsratsvorsitzende Peter Wunderlich (li) mit seinem Vorgänger und heutigem Aufsichtsrat Wolfgang Freye vor dem Werkstor bei Kennametal Widia.

Der Betriebsratsvorsitzende Peter Wunderlich (li) mit seinem Vorgänger und heutigem Aufsichtsrat Wolfgang Freye vor dem Werkstor bei Kennametal Widia.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Kennametal wird sein Essener Werk nicht schließen. Allerdings wird die Hälfte der Arbeitsplätze gestrichen. Das soll überraschend schnell gehen.

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Peter Wunderlich hätte sich mehr Zeit gewünscht. Doch die bleibt dem Betriebsratschef von Kennametal Widia nicht. Schon an diesem Donnerstag und Freitag werden 103 Mitarbeiter erfahren, dass es für sie in dem traditionsreichen Hartmetall-Werk an der Münchener Straße keine Zukunft mehr gibt. „Das werden harte Gespräche“, ahnt Wunderlich.

Er steht am Mittwochnachmittag vor dem Werkstor und zieht mit ernstem Gesicht an seiner Zigarette. Die Mitarbeiter der Frühschicht verlassen gerade das Gelände. Sie grüßen kurz. Doch kaum jemand will sich zu den aktuellen Geschehnissen offiziell äußern. Am Mittwochmorgen um 9.30 Uhr hatten sie die eigentlich gute Nachricht von der Werksleitung und dem Betriebsrat erfahren: Die beabsichtigte Schließung des Werkes ist zurückgenommen. Der US-Mutterkonzern Kennametal hat sich nach harten Verhandlungen überzeugen lassen, zumindest einen Teil der Produktion in Essen zu belassen.

Doch der Preis dafür ist hoch: Große Teile der Produktion werden nach China verlagert. Damit werden 199 Arbeitsplätze der rund 380 vorhandenen in Essen gestrichen. Die Arbeitszeit der verbleibenden Mitarbeiter wird auf 39 Stunden pro Woche verlängert – wie ein Mitarbeiter berichtet, gilt das schon ab Montag. Auch eigentlich betrieblich vereinbarte Prämien gibt es für die Widianer so nicht mehr. „Das alles ist eine bittere Pille“, sagt ein Mann, Anfang 50. Aus seiner Sicht haben Betriebsrat und IG Metall zu viele Zugeständnisse gemacht. „Das man vor allem so an den Manteltarif herangeht, ist nicht in Ordnung“, meint er.

103 Mitarbeiter bei Kennametal Widia gehen schon Ende Januar

Viele wie er wollen sich nicht mit Namen gegenüber der Presse äußern. Zu groß ist immer noch die Unsicherheit, wie es für jeden Einzelnen weitergeht. „Keiner weiß, ob er auf der Liste steht. Die Zitterpartie geht für uns weiter“, heißt es. Die gefürchtete Liste. Darauf stehen 103 Namen der Mitarbeiter, die schon am 31. Januar in die Transfergesellschaft wechseln werden. Dass es so schnell geht, damit hatte keiner gerechnet. Doch die Amerikaner haben offensichtlich Druck gemacht. „Wir sind damit ein bisschen überfahren worden“, sagt Wunderlich. Die US-Mutter bestand bereits Mitte Dezember auf diese Namensliste. Offenbar hatten die Amerikaner Bedenken, dass sich sonst der ganze Prozess verzögern könnte.

Für den Betriebsrat bedeutet das, dass de facto kaum Zeit bleibt, um noch mehr Mitarbeiter zum freiwilligen Ausscheiden zu bewegen. Solche privaten Entscheidungen sind freilich nicht über Nacht getroffen. Dennoch hatten sich schon im Vorfeld einige Mitarbeiter beim Betriebsrat gemeldet, die kurz vor der Rente stehen und daher aus freien Stücken gehen wollen. Einer von ihnen ist Horst Chrostowski. Er hat vor 45 Jahren bei Widia gelernt und wird nun die Transfergesellschaft als Brücke in die Rente nutzen. Er reagierte entsprechend gefasst auf die Neuigkeiten. „Es war zu erwarten“, sagte er zum bevorstehenden Stellenabbau. Er freue sich aber für die Kollegen, für die es nun weitergehen wird.

Wie Chrostowski werden viele Ältere laut Wunderlich in die Transfergesellschaft wechseln. Für über 59-Jährige wird sie nicht nur ein Jahr sondern für zwei Jahre Auffangbecken sein. Genug Zeit, um sich in die Rente ohne große Abzüge zu retten. Die Belegschaft bei Widia ist vergleichsweise alt. Das Durchschnittsalter liegt bei über 50 Jahren. „Das ist ja das Problem“, sagt Wunderlich. „Hätten wir nur rein über die Sozialauswahl die Liste zusammenstellen müssen“, dann hätten vor allem die Jungen gehen müssen, „und dann hätten wir hier in wenigen Jahren ein großes Dilemma“.

Jobabbau bei Widia: Zwei und dritte Welle folgen

Dennoch scheint die Skepsis in der Belegschaft groß zu sein, ob das Werk mit der Schrumpfkur tatsächlich eine längere Zukunftsperspektive hat. „Wer weiß, ob wir nicht in zweieinhalb oder drei Jahren das Gleiche erleben“, sagt ein jüngerer Mann. Wunderlich kann die Bedenken zwar nachvollziehen, aber er will Optimismus verbreiten: „Wir haben 200 Arbeitsplätze gerettet. Und wir haben jetzt zweieinhalb Jahre Zeit, wettbewerbsfähiger zu werden.“ Vielleicht gelinge es dann sogar, wieder mehr Produkte in das Werk zu holen.

Dennoch werden die nächsten Monate noch keine Ruhe in das Werk bringen. Bis zu 96 Arbeitsplätze stehen auch nach dem 31. Januar weiterhin auf der Kippe. Schon Ende März soll es eine weitere Abbau-Welle geben. Die dritte und letzte dann zwischen Juni und Oktober. „Meine Hoffnung ist, dass es zu der dritten gar nicht kommt“, meint Wunderlich. Denn vielleicht stellt es sich ja doch heraus, dass das Heil nicht allein in China liegt. Dass scheinbar Unmögliches möglich wird, dass kennen sie an der Münchener Straße ja.

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