Interview

„Im Fall Essen-Schönebeck müssen wir miteinander reden“

Generalvikar Klaus Pfeffer ist vergrätzt über die Renitenz eines Pastors in Schönebeck, der öffentlich gegen die Schließung seiner Kirche protestiert.

Generalvikar Klaus Pfeffer ist vergrätzt über die Renitenz eines Pastors in Schönebeck, der öffentlich gegen die Schließung seiner Kirche protestiert.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen.  Generalvikar Klaus Pfeffer zur strittigen Kirchenschließung in Schönebeck, zum Sparprozess im Bistum und was mit „Kirchturmdenken“ gemeint war.

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Herr Generalvikar, darf ein Geistlicher wie Pastor Brengelmann von St. Antonius Abbas in Schönebeck öffentlich den Pfarreientwicklungsprozess und den Sparkurs des Bistums in Frage stellen?

Es ist jedenfalls möglich, das haben wir ja nun erlebt. Ob es geschickt und fair von ihm war, ist eine andere Frage. Sein Vorgehen hat auch in der Nachbargemeinde St. Josef in Frintrop für Irritationen gesorgt...

St. Josef ist Sitz der Großpfarrei, zu der auch Antonius Abbas gehört, wo von vier Kirchen mittelfristig zwei übrig bleiben sollen...

...und Pastor Brengelmann war ja am Pfarreientwicklungsprozess beteiligt, der in der gesamten Pfarrei St. Josef ablief. Bis zum Schluss hatte er nicht zu erkennen gegeben, dass er das Ergebnis nicht mittragen würde. Ich habe mit Herrn Brengelmann mittlerweile ein gutes, intensives Gespräch geführt. Überzeugen konnte ich ihn allerdings nicht.

Wie soll es nun weitergehen?

Wir müssen nun zuerst die Situation beruhigen und den Riss in der Pfarrgemeinde möglichst kitten. Ein Mitarbeiter aus dem Pastoraldezernat unseres Bistums steht der Pfarrei bei den Gesprächen zur Seite. Das erfordert viel Sensibilität, weil die Lage hoch emotionalisiert ist. Jeder falsche Satz kann weitere Verletzungen auslösen.

In Schönebeck heißt es, man sei eine funktionierende Gemeinde. Die Schließung gerade dieser Kirche mache absolut keinen Sinn.

Ich bin in unterschiedlichen Gemeinden unterwegs. Fast überall heißt es, die Situation in der Kirche mag insgesamt schwierig sein, aber bei uns ist das nicht so. Vielleicht ist es menschlich: Jetzt wo alles finanziell enger wird und wir gezwungen sind schwierige Entscheidungen zu treffen, verhalten sich manche nach dem St.-Florians-Prinzip.

Die Gemeinden über zu schließende Kirchen entscheiden zu lassen, klingt gut. Aber wurde Unangenehmes so nicht einfach nur nach unten delegiert? Und führt dies nicht zwangsläufig zu Machtkämpfen?

Wir können das im Einzelfall nicht verhindern. Vor zehn Jahren, als wir schon einmal zahlreiche Kirchen schließen mussten, ist uns vorgeworfen worden, von oben herab zu agieren. Es wurde schon damals eingewendet, ließe man die Pfarrgemeinden selbst entscheiden, gäbe es ein Hauen und Stechen.

Warum haben Sie es dann gemacht?

Anders als vor zehn Jahren haben wir jetzt deutlich mehr Zeit, um zu Entscheidungen zu kommen. Und da wäre es ein großer Fehler, unsere Pfarreien nicht zu beteiligen. Dabei geht es zunächst einmal nicht um Finanzfragen, sondern vielmehr darum, wie wir auch in Zukunft lebendig Kirche sein können. Wir müssen uns als Kirche verändern, auch um Anschluss zu finden an die jungen Menschen.

Aber Antonius Abbas nimmt genau das für sich in Anspruch: attraktiv zu sein für junge Leute.

Es ist nicht so, dass wir in der einen Gemeinde viele engagierte junge Leute haben und in der anderen spielt sich gar nichts mehr ab. Das ist überall in etwa vergleichbar. Zudem können wir Entscheidungen über pastorale Standorte auch nicht nur nach der Maßgabe treffen, wer gute Jugendarbeit macht. Da geht es auch um den Sanierungsstau in den Kirchen oder Gemeindeheimen, um die Frage, welche Gruppen die Gebäude nutzen oder wie weit die nächste Kirche entfernt ist. Da spielen viele Faktoren eine Rolle.

Und das kann vor Ort am besten beurteilt werden?

Was wäre die Alternative? Erneut von oben herab entscheiden zu wollen, wäre falsch und auch nicht sachgerecht. Die Gemeindemitglieder vor Ort können vieles besser beurteilen. Wir haben den Gemeinden Beratung angeboten, vielfach wurde sie genutzt. Und am Ende prüft der Bischof mit seinen Mitarbeitern jedes Votum und kann wo nötig – aber wirklich nur dann – noch einmal Veränderungen anstoßen.

Könnte Schönebeck so ein Fall sein?

Das ist zweifellos ein Fall, wo wir miteinander reden müssen. Viele Ehrenamtliche der anderen Gemeinden in der Pfarrei von St. Josef, die sich seit über zwei Jahren im Pfarreientwicklungsprozess intensiv engagiert haben, sind ja auch sehr verärgert. Die sagen, die Schönebecker hätten sich gar nicht wirklich beteiligt. Eines ist mir wichtig: Wenn ich manchmal höre, es gehe in dem Prozess allein um den Abriss von Kirchen, stimmt das nicht.

Um was geht es dann?

Es geht darum, wie wir in unseren Pfarreien vor Ort in Zukunft präsent sind. Überall bleiben Gebäude, in denen sich Gemeindeleben weiterhin abspielen kann und wir auch Gottesdienste feiern werden. Nicht immer muss es die Kirche sein. Gerade in einer Großstadt liegen zudem viele Kirchen nicht weit auseinander. Völlig falsch ist zudem, dass mit den Voten im laufenden Prozess bei Kirchen wie St. Antonius Abbas sofort die Abrissbagger anrücken. Wir haben genügend Zeit, den Übergang zu gestalten. Es bleibt dabei: Der Abriss einer Kirche ist die Ultima Ratio.

Warum benutzt der Bischof Worte wie „Kirchturmdenken“ oder spricht von „überkommenen“ Formen des Gemeindelebens? Verletzt und polarisiert das nicht unnötig?

Ich kann verstehen, wenn Sie das vor dem Hintergrund einer emotionalisierten Situation wie in Schönebeck so empfinden. Gemeint ist: Wir müssen uns selbstkritisch fragen, ob die gewohnte Art, Kirche zu leben, noch zeitgemäß ist und ob sie in Zukunft noch trägt. Viele in unserer Kirche spüren einfach: weitermachen wie bisher, das wird schwierig. In den Diskussionen, die wir in unserem Zukunftsbildprozess führen, sind dann schon oft solche Begriffe gefallen.

Dennoch: Sind es geschickt gewählte Worte?

Es geht jedenfalls weder dem Bischof noch mir darum, Menschen zu verletzen oder die Vergangenheit zu entwerten. Aber jeder merkt doch, dass sich viele weit von der Kirche entfernt haben. Wir suchen nach Wegen, diese Menschen zu erreichen, auch wenn wir nicht immer wissen, wohin genau die Reise geht. Es gibt auch sehr viele Menschen, die aufatmen, dass wir solche Themen offen ansprechen. Es geht auch nicht um ein Entweder-oder. Wir wollen denen, die an Traditionen hängen, etwas anbieten, aber auch den anderen, die das nicht wollen. Wir wollen eine Kirche sein, die von großer Vielfalt geprägt ist.

Ist ein Gemeindeleben, das eher von katholischer Geselligkeit geprägt sein mag und weniger vom strengen Glauben, manchem verdächtig?

Solche Diskussionen gibt es, innerkirchlich schieben sich manchmal Katholiken wechselseitig die Schuld für den Rückgang der Gläubigen zu. Aber Urteile zu fällen darüber, wer der bessere Katholik ist, geht nicht. Wir müssen uns insgesamt in der katholischen Kirche auf unser Profil besinnen, Kern ist natürlich Religiosität und Spiritualität, aber ich kann und will das nicht loslösen von einer Geselligkeit, wie sie in unseren Gemeinden stattfindet. Wir dürfen nur nicht vergessen, wofür Kirche eigentlich da ist: Zeugnis abzulegen, dass der Glaube an Gott fürs Leben gut ist.

Lassen Sie uns über Geld reden. Warum muss das Bistum eigentlich so drastisch sparen? Die Kirchensteuern fließen doch üppig.

Im Bistum Essen stagniert das Kirchensteueraufkommen, weil wir im Ruhrgebiet nun mal nicht so wirtschaftsstark sind. Parallel dazu steigen aber unsere Kosten. Und irgendwann in den nächsten Jahren, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, werden auch die Kirchensteuereinnahmen nach unten gehen. Und schon heute wissen wir, dass in zehn Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in die Rente gehen. Hinzu kommt: Wir brauchen enorme Rückstellungen für den großen Sanierungsbedarf der vielen Kirchen und Gemeindeheime. Früher war das in den Pfarrei-Haushalten nicht eingeplant. Wenn das Kirchendach kaputt ging, war ja das Bistum da. So sorglos können wir nicht mehr sein, das hat uns vor zehn Jahren in eine dramatische finanzielle Schieflage geführt.

Was heißt das konkret für die Gemeinden?

Wenn die Pfarreien nicht handeln, werden viele über kurz oder lang zahlungsunfähig. Also müssen wir etwas tun. Die Kirchensteuer-Zuweisungen an die Gemeinden bleiben bis 2030 stabil. Aber bei kontinuierlich steigenden Personal- und Instandhaltungskosten bauen sich nach und nach Defizite auf. Anders als vor zehn Jahren, stehen wir heute finanziell nicht mit dem Rücken an der Wand, aber wir müssen heute Entscheidungen treffen, um in Zukunft handlungsfähig zu bleiben.

Spart das Bistum selbst auch?

Ja. Das betrifft nicht nur die Bischöfliche Verwaltung, sondern zum Beispiel auch unseren Kita-Zweckverband, unsere Bildungsstätten oder die Caritas. Ich sage aber auch: Bei uns hängt alles miteinander zusammen. Bistumsverwaltung ist kein Selbstzweck, ihre zentralen Leistungen helfen entscheidend mit, damit die Gemeinden funktionieren.

Der Bischof sagte jüngst, von denen, die der Kirche fernstehen, könne man viel lernen. Auch von denen, die austreten?

Wir haben eine Studie erarbeitet, die der Frage nachgeht, warum Menschen austreten. Wir werden sie im Februar vorstellen. Ein Ergebnis: Je häufiger punktuelle Begegnungen mit der Kirche enttäuschen, desto größer ist die Gefahr des Austritts. Das sind oft banale Dinge. Die Frage ist: Wie können wir Leute, die sich gar nicht binden wollen, Räume und Orte schaffen, damit gute Begegnungen mit uns möglich sind. Ich klage zum Beispiel nicht darüber, wenn manche Menschen nur einmal im Jahr zu uns in die Gottesdienste kommen. Ich finde es eher beglückend, dass so viele zu besonderen Gelegenheiten, etwa Heiligabend, etwas von uns erwarten. Da müssen wir uns anstrengen. Das gilt auch bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen.

>>>>>> Klaus Pfeffer wurde 1963 geboren und wuchs in Neuenrade auf. Vor dem Theologiestudium arbeitete der Sauerländer als Journalist und absolvierte ein Volontariat bei einer Tageszeitung. 1992 wurde er zum Priester geweiht. Ende 2012 wurde Pfeffer Generalvikar des Bistums Essen und damit Stellvertreter des Bischofs, zuständig für Personal und die Verwaltung des Bistums.


>>>>>> Die 43 Großpfarreien des Ruhrbistums – davon zehn in Essen – müssen bis 2030 gut die Hälfte ihres Budgets einsparen. In diesen Tagen müssen die verbindlichen Pläne inklusive der Vorschläge für Kirchenschließungen beim Bistum eingegangen sein. In vielen Pfarreien gab es intern heftige Diskussionen. Im Fall der Pfarrei St. Josef in Frintrop, wo zwei von vier Kirchen aufgegeben werden sollen, hatte der Schönebecker Pastor Benno Brengelmann öffentlich gegen die Schließung seiner Kirche St. Antonius Abbas protestiert.

Frank Stenglein

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