Sommerinterview

IG Metall-Spitze: „Wir wollen unsere Machtposition zurück“

Gemeinsam sind sie stark für die IG Metall: Kassierer Markus Ernst (l.) und Geschäftsführer Jörg Schlüter.

Foto: Socrates Tassos

Gemeinsam sind sie stark für die IG Metall: Kassierer Markus Ernst (l.) und Geschäftsführer Jörg Schlüter.

Essen/Mülheim/Oberhausen.   Die IG Metall hat eine neue Führungsriege. Ein Gespräch über Mitgliederschwund und die Sorge vor rechten Gruppierungen in Betriebsräten.

Seit einem Monat arbeitet die IG Metall unter einer gemeinsamen Führung in den Städten Essen, Mülheim und Oberhausen zusammen. Janet Lindgens sprach mit dem neuen Geschäftsführer Jörg Schlüter und mit Kassierer Markus Ernst, die die Geschicke der Gewerkschaft jetzt gemeinsam lenken.

Warum dieser Schritt, der einer stark in den Städten verwurzelten Gewerkschaft sicher nicht leicht fällt?

Jörg Schlüter: Wir reagieren damit ganz klar auf den Strukturwandel in der Region, der Industriearbeitsplätze gekostet hat und der IG Metall Mitglieder. Wir haben zwar in letzter Zeit wieder mehr Eintritte als Austritte, aber die Sterberate unter den Mitgliedern gleichen wir nicht aus. Mit dem Strukturwandel hat sich außerdem unsere Arbeit verändert. Früher waren es Kohle, Stahl und die Schwerindustrie, die die Region prägten. Heute sind es die Dienstleistungsbranche und der IT-Sektor. Auch der Arbeiter im Blaumann, für den die IG Metall immer sinnbildlich einstand, hat sich verändert.

Markus Ernst: Man muss da nur an den Kfz-Bereich denken. Heute muss der Mitarbeiter dort erstmal seinen Laptop anschalten, bevor er mit seiner Arbeit beginnt. Diese Entwicklungen bleiben auch nicht ohne Folgen für uns.

Inwiefern?

Schlüter: Wir müssen uns ebenso spezialisieren, gerade wenn wir in den zukunftsfähigen Branchen neue Mitglieder gewinnen und betreuen wollen. Aber das ist nicht alles: Unsere Arbeit ist in den vergangenen Jahren deutlich umfangreicher geworden.

Ernst: Das wird zum Beispiel im Handwerk deutlich: Vor zehn Jahren hat die Kfz-Innung die Verhandlungen aufgekündigt. Seither führen wir in den drei Städten in 13 Betrieben regelmäßig Haustarifverhandlungen. Das kostet Zeit.

Wie fangen Sie das auf?

Schlüter: Ich bin überzeugt, dass uns das nur noch gelingen kann, wenn wir städteübergreifend zusammenarbeiten. Bislang kümmerte sich in jeder Stadt jeweils ein Gewerkschaftssekretär um die Kfz-Branche. Künftig wird nur noch ein Kollege diese Betriebe in allen drei Städten betreuen. Er kann sich somit in seine Materie besser vertiefen, die anderen Kollegen in anderen Bereichen. Damit erhoffen wir uns auch, dass die Betreuung der Mitglieder in den Betrieben intensiver wird. Wir müssen wissen, welche Probleme sie bewegen.

Probleme? Die Konjunktur brummt doch, von Entlassungen oder gar Betriebsschließungen ist derzeit wenig zu hören.

Schlüter: Die Sorge um Arbeitsplätze treibt die Arbeitnehmer sicher weniger um, in der Wirtschaft läuft es bis auf Einzelfälle in der Tat gut. Allerdings wird aus unserer Erfahrung der Fachkräftemangel spürbarer. Die Mehrbelastung eines jeden Einzelnen in den Unternehmen nimmt zu. Thema Nummer 1 in den Betrieben sind deshalb die Arbeitszeiten.

Ernst: Unbezahlte Überstunden, flexible Einsatzzeiten zulasten der Mitarbeiter – solchen Entwicklungen wollen wir einen Riegel vorschieben. Denn Mitarbeiter wünschen sich Sicherheit und Planbarkeit auch bei der Arbeitszeit.

Bei Thyssenkrupp, einem der größten Unternehmen in Essen, kriselt es allerdings seit Monaten. Wie nehmen Sie das als örtliche IG Metall wahr?

Schlüter: Unsere Interessen dort vertritt vor allem Markus Grolms im Aufsichtsrat. Aber auch an uns vor Ort wird natürlich die Sorge der Mitarbeiter herangetragen, was mit ihren Arbeitsplätzen passiert und ob der Konzern so bestehen bleibt, wie heute. Neulich bin ich am Kruppgürtel vorbeigefahren, wo das neue Quartier Essen 51 entstehen soll. Dort, wo es früher noch Industrie gab, entstehen neben Wohnungen vor allem Handel und Dienstleistungen. Welche Arbeitsplätze in diesen Branchen angeboten werden, das kennt man ja. Und ich hab mich gefragt, wo diese Reise wohl hinführt, wo künftig noch gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen werden.

Als industriepolitische Stimme nimmt man die IG Metall in Essen bislang eher nicht wahr.

Schlüter: Wir wollen unsere Machtposition in der Region wieder zurückhaben. Das heißt nicht nur, dass wir mehr Mitglieder gewinnen wollen und möglichst in vielen Betrieben aktiv sind. Wir wollen auch stärker an den Entscheidungen in der Politik mitwirken, denn das Thema Wandel der Industrie wird uns auch noch die nächsten Jahre erhalten bleiben.

Ernst: Zum Beispiel ist es unsere Forderung, an der Ruhrgebietskonferenz der Landesregierung beteiligt zu werden. Aber noch gibt es keine konkrete Einladung an uns.

Herr Schlüter, Sie sind Oberhausener und führen die neue IG Metall MEO auch von Oberhausen aus. Fällt da Essen als mitgliederstärkste Stadt hinten unter?

Schlüter: Keine Sorge, mein Schreibtisch steht zwar da. Aber ich bin oft auch in Essen und Mülheim vor Ort. Außerdem bleiben ja in allen drei Städten die Geschäftsstellen als Anlaufpunkt auch für unsere Mitglieder bestehen. Also: Essen und Mülheim werden nicht vernachlässigt.

Die Betriebsratswahlen sind gerade zu Ende gegangen. Wie hat die IG Metall abgeschnitten?

Schlüter: Wir haben noch keine genaue Auswertung dazu, sind aber generell zufrieden und konnten in den meisten Unternehmen unsere Position festigen oder ausbauen.

Im Vorfeld ging die Sorge um, rechte, AfD-nahe Gruppierungen könnten sich in die Betriebsräte wählen lassen – wie in Süd- und Ostdeutschland schon passiert. Wie ist die Erfahrung jetzt?

Schlüter: Bei uns gab es das zum Glück nicht. Es tauchte in den Unternehmen keine einzige Liste einer solchen Gruppierung auf. Aber klar ist, dass wir wachsam bleiben müssen. Denn die Gefahr rechten Gedankengutes macht auch vor Gewerkschaftsmitgliedern nicht halt.

Vor den Landtags- und Bundestagswahlen hatte die IG Metall, ihre Mitglieder sogar aufgerufen, die AfD nicht zu wählen und entsprechende Infokampagnen abgehalten.

S chlüter: Dafür haben wir auch Gegenwind von Mitgliedern bekommen, die uns politische Einflussnahme und Stimmungsmache vorgeworfen haben.

Ernst: Die Reaktionen waren zum Teil unter der Gürtellinie.

Schlüter: Ja, aber das muss man aushalten. Eine solche Debatte gehört zur Demokratisierung der Gesellschaft dazu. Abgeschreckt hat uns das nicht: Wir würden es immer wieder machen.

Sie sprachen bereits den spürbar werdenden Facharbeitermangel an. Auf der anderen Seite sind in diesem Jahr noch viele Lehrstellen unbesetzt, wie passt das zusammen?

Ernst: Viele Firmen haben sich noch keine Gedanken darüber gemacht, ihre Anforderungen an die Auszubildenden zu überdenken. Über den Fachkräftemangel zu klagen ist schließlich einfacher, als sich selbst mal zu hinterfragen. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen sollten viel stärker kooperieren und außerbetrieblich Weiterbildungen für die Azubis anbieten. Da wäre gerade im Handwerk sinnvoll.

Die betriebliche Ausbildung verliert bei den Jugendlichen an Attraktivität. Eine Entwicklung, die auch die IG Metall sorgenvoll stimmen sollte.

Ernst: Die Arbeitgeber haben es in der Hand, attraktive Ausbildungsplätze mit einer entsprechenden Bezahlung anzubieten. Früher war es Konsens, die Tarifverträge anzuwenden. Heute nehmen es zum Beispiel die Innungen im Handwerk damit nicht mehr so genau, wie wir im vergangenen Jahr aufdecken konnten. Wir werden deshalb auch in diesem Jahr wieder an die Berufsschulen gehen und die Azubis über ihre tariflichen Rechte aufklären. Wir werden es dem Handwerk schwer machen.

Schlüter: Generell merken wir, dass die Jugendlichen heutzutage den Wert eines Tarifvertrages gar nicht mehr kennen. Auch diese Aufklärungsarbeit müssen wir stärker leisten, wenn wir uns dieses Gut erhalten wollen.

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