Libanesische Clans

Hass-Kampagne: Clans bedrohen und beleidigen Buchautor

Das Land NRW führt seit Monaten einen erbitterten Kampf gegen die Clan-Kriminalität. Unser Bild vom 13. Januar 2019 entstand vor einer Discothek an der Viehofer Straße. Der Buchautor Ralph Ghadban wirft kriminellen Clans vor, Deutschland als Beutegesellschaft zu behandeln. Nun wird gegen ihn gehetzt.

Das Land NRW führt seit Monaten einen erbitterten Kampf gegen die Clan-Kriminalität. Unser Bild vom 13. Januar 2019 entstand vor einer Discothek an der Viehofer Straße. Der Buchautor Ralph Ghadban wirft kriminellen Clans vor, Deutschland als Beutegesellschaft zu behandeln. Nun wird gegen ihn gehetzt.

Foto: Stefan Arend

Essen.   Der Publizist Ralph Ghadban hat mit libanesischen Clans abgerechnet. Nun reagieren sie mit Hass-Videos. Familien-Union Essen mischt dabei mit.

Libanesische Familienclans haben eine breite Hasskampagne gegen den für sie höchst unbequemen Berliner Islamwissenschaftler und Publizisten Ralph Ghadban („Arabische Clans“) angezettelt. Eine führende Rolle spielt dabei offenbar die in Essen ansässige Familien-Union, ein einflussreicher Dachverband von mehr als zwei Dutzend libanesisch-kurdischen Großfamilien.

Die vornehmlich in einschlägigen WhatsApp-Gruppen verbreiteten und auf Arabisch gesprochenen Hassvideos reichen nach Informationen dieser Zeitung von wüsten Beleidigungen und groben Beschimpfungen bis zu Androhungen von massiver körperlicher Gewalt. Mehr noch: Einige dieser Hass-Videos sollen sogar indirekte Todesdrohungen enthalten.

In einer dieser Botschaften wird beispielsweise dazu aufgerufen, mit Ghadbans „Gesicht den Boden und die Schuhe aller zu wischen“. Gemeint sind die Schuhe von Angehörigen der libanesischen Großfamilien, die sich selber „Mardelli“ nennen und allgemein als „Mhallami“-Kurden bezeichnet werden.

Hass-Botschaft: „Wir werden auf deinen Kopf treten“

Der in der nördlichen Innenstadt in Essen lebende H., Bruder eines zu langen Haftstrafen verurteilten und einschlägigen bekannten Kriminellen, spricht den Berliner Migrationsforscher in einem Clip direkt an und sagt: „Wir finden dich, egal wo du bist. Und wir werden auf deinen Kopf treten.“ In einer dieser Videobotschaften kommt auch ein gewisser Sami aus Duisburg zu Wort, er ist der Schwager des Berliner Paten „El Presidente“ Mahmoud El Zein.

Bemerkenswert an dieser außergewöhnlichen Hassausbruch ist die Chronologie der Ereignisse. Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban, der selbst aus dem Libanon stammt – durch zahlreiche Publikationen und Interviews schon seit Jahren als hartnäckiger Kritiker krimineller libanesischer Familien-Clans bekannt – hat sein Buch „Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr“ schon im vergangenen Oktober veröffentlicht. Es erschien auf Deutsch und ist eine schonungslose Abrechnung mit den kriminellen Machenschaften libanesischer Großfamilien.

Ghadban wirft den kriminellen Clans vor, Deutschland als „Beutegesellschaft“ zu behandeln und in einer abgeschotteten, archaischen und patriarchalischen Parallelgesellschaft mit eigener Justiz zu leben. Kriminelle Clans, heißt es darin, sind verstrickt in Drogenhandel, Schutzgelderpressung, illegalen Geschäften mit Autos und Wasserpfeifentabak sowie Raub.

Clan-Chefs explodieren erst ein halbes Jahr später

An die Decke gegangen sind die Oberhäupter der Familienclans aber erst

ein halbes Jahr später. Der Grund: Anfang April strahlte der libanesische Fernsehsender LBC ein Interview mit Ralph Ghadban aus: auf Arabisch. Ein Interview, das sich in der arabischen Welt besser verbreitet als ein deutsches Sachbuch.

Die ebenfalls auf Arabisch verbreiteten Hass-Videos sind dem Vernehmen nach erst seit dem vergangenen Mittwoch in Umlauf. Ebenfalls in der vergangenen Woche soll sich ein Clan-Oberhaupt aus Berlin in Essen aufgehalten haben und sich auf Ghadban eingeschossen haben. Dabei wird die Macht der Clan-Struktur beschworen. Tenor: „Wir sind eine Familie, keiner kann gegen uns vorgehen.“

Ein Insider: „Sogar Flüchtlinge werden aufgefordert, Ghadban zu beleidigen und zu bedrohen“

Anscheinend verbreiten sich die Hass-Aufrufe nach dem Schneeball-System. Ein Insider berichtet: „Sogar Flüchtlinge werden aufgefordert, Videos zu veröffentlichen, die Ralph Ghadban beleidigen und bedrohen.“ Diese Hetz-Appelle hätten ihren Ursprung nicht nur in Deutschland und Europa, sondern inzwischen auch in der Türkei und im Libanon. Es ist ferner davon die Rede, dass neben Ghadban-Fotos auch Pistolen abgebildet sind – eine unverhohlene Drohung.

Weder von der Familien-Union noch von Ralph Ghadban waren am Donnerstag Stellungnahmen erhältlich.

>>> DIE FAMILIEN-UNION IN ESSEN

  • Die Familien-Union hat sich im Jahr 2008 gegründet, zu den Männern der ersten Stunde zählt der immer noch einflussreiche Abdul Ali Khan. Laut Satzung hat sie offiziell die Aufgabe, die Integration zu fördern.
  • Gerne suchen Mitglieder der Familien-Union den Kontakt zur Politik, 2015 etwa hat sie den Wahlkampf des damaligen OB-Kandidaten Thomas Kufen maßgeblich unterstützt und am Abend der Stichwahl im Rathaus mitgefeiert. Stolz verweisen sie darauf, dass der grüne Ratsherrn Ahmad Omeirat einer von ihnen ist.
  • Kritiker halten dagegen, dass die Familien-Union ein Herren-Club ist, der das patriarchalische Weltbild festigt und mit dem bizarren System der Friedensrichter den deutschen Rechtsstaat unterläuft.

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