Arbeiterwohlfahrt

Finanzprobleme und ein Rauswurf: In Essens Awo rumort es

Da ist die Tür: Geschäftsführer Oliver Kern (links), hier mit dem Vorsitzenden Klaus Johannknecht, lobt den 2019 erfolgten Umzug in die Cranachhöfe als überfällig. In der Belegschaft hört man aber auch kritische Töne.

Da ist die Tür: Geschäftsführer Oliver Kern (links), hier mit dem Vorsitzenden Klaus Johannknecht, lobt den 2019 erfolgten Umzug in die Cranachhöfe als überfällig. In der Belegschaft hört man aber auch kritische Töne.

Foto: PETER MARNITZ

Essen.  Die fristlose Kündigung eines leitenden Mitarbeiters wirft ein grelles Licht auf die Arbeiterwohlfahrt: Die kämpft mit finanziellen Problemen.

In den Fluren ihrer neuen Zentrale hat Essens Arbeiterwohlfahrt Schmutzfangmatten mit Aufdruck ausgelegt. Dass da neben dem Awo-Logo unter anderem auch „Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ mit Füßen getreten werden, passt für manchen Mitarbeiter ins aktuelle Bild: Es rumort gewaltig im örtlichen Kreisverband; von einem „Klima der Angst“ ist die Rede, von finanziellen Risiken und der Sorge um Jobs. Dass die nicht unbegründet ist, zeigt die jüngste Eskalation von Montag: Da musste ein langgedienter Awo-Referatsleiter seinen Schreibtisch räumen. Fristlos.

Nicht allein die Tatsache, d a s s der Mann gehen muss, bringt die Kollegenschar auf die Palme. Mindestens genauso hoch schlägt die Empörung darüber, w i e er vor die Tür gesetzt wurde: am Büro „abgefangen“ vom Personalchef, auf Schritt und Tritt begleitet bis zum Aufzug wie bei der Fahrt in die Tiefgarage, nach der Ausfahrt die Zugangskarte einkassiert und tschüss. Es heißt, Mitarbeiter hätten sich aus Protest in den Weg gestellt, geweint, geflucht. Filmreif.

Awo-Geschäftsführer Oliver Kern schweigt lieber: „Das sind Interna.“

Und doch nichts für die Medien, findet Awo-Geschäftsführer Oliver Kern, der sich am Dienstag auf Nachfrage weder zu den Gründen für den überraschenden Rauswurf noch zu dessen Umständen äußern wollte: „Das sind Interna.“

Interne Angelegenheiten wie jene, die seit Monaten tröpfchenweise aus der Awo nach draußen durchsickern und womöglich Grund sind für die schlechte Stimmung im Haus: Der Wohlfahrtsverband soll in finanziellen Schwierigkeiten stecken, die Rede ist von einem siebenstelligen Betrag, der Jahr für Jahr in der Kasse fehlt, ein strukturelles Defizit also.

Es gilt die Warnung: Wer von Insolvenz-Gefahr redet, „fliegt sofort“

Dass es finanziell hie und da hakt, stellt Kern nicht in Abrede: Der Sozialdemokrat, der seit 2016 die Geschäfte des Kreisverbands Essen führt, nimmt für sich in Anspruch „seit ungefähr zwei Jahren, die Awo in die Moderne zu tragen“. Es gehe dabei um die Frage, welche Geschäftsfelder die Arbeiterwohlfahrt weiter bedient, welche Beratungsstellen sie betreibt, wo sie sich womöglich zurückzieht.

„Ganz normales Prozedere“, sagt Kern aber, „Dinge, die wir nach und nach abarbeiten, das dauert natürlich“. Er nutzt dafür gerne den modernen Begriff des Change Managements. Überliefert ist in der Belegschaft seine Warnung, dass – wer von „Insolvenz-Gefahr“ redet oder das Wort „Konsolidierung“ im Munde führt, „sofort fliegt“. War es das, was den Referatsleiter den Job kostete?

Maximal zehn oder bis zu 100 Stellen – was steht wirklich auf dem Spiel?

Unterm Strich, so beteuert der Awo-Geschäftsführer, würde der Prozess „maximal zehn Stellen kosten“. Zehn von 1500, ein überschaubarer Anteil und zudem seien keine Kündigungen geplant, „kein Mitarbeiter verliert seinen Job“. Auf manch einen kämen nur neue Aufgaben zu.

Seltsam, das habe Anfang des Jahres in einer Betriebsversammlung noch ganz anders geklungen, heißt es hingegen aus dem Kreis der Betroffenen: Von bis zu 100 Stellen, die man opfern müsse, sei die Rede gewesen, das erschreckte viele. Alles nur ein Missverständnis, weil die Aussage aus dem Zusammenhang gerissen wurde, wie Kern behauptet?

Auch der Umzug erntet Kritik: „Diese Immobilie passt überhaupt nicht zu uns.“

Fest steht wohl, dass die Awo wie auch die anderen Wohlfahrtsverbände finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. Das liege weniger an Kerns Versäumnissen als an dem Umstand, dass der vereinbarte Preis-Aufschlag für den Verwaltungsaufwand nicht auskömmlich sei und bestimmte Aufgabenbereiche anders als früher nicht mehr quersubventioniert werden dürfen.

Doch während Kern betont, aktiv geworden zu sein, werfen ihm manche im Hause vor, zu lange gezögert zu haben. Auch den Umzug vom Pferdemarkt in der nördlichen Innenstadt zu den Cranachhöfen in Holsterhausen – laut Kern ein Gebot der Notwendigkeit, schon aus Gründen der Arbeitssicherheit – sieht mancher eher kritisch: „Diese Immobilie passt überhaupt nicht zu uns.“

Nach dem Verkauf der Zentrale will Kern eine weitere Immobilie losschlagen

Das sieht der Chef natürlich ganz anders, auch wenn der Erlös aus dem Verkauf der alten Awo-Zentrale spürbar unter dem erhofften Betrag lag, siebenstellig, wollen manche wissen. Und Kern kündigt einen weiteren Immobilienverkauf an: Ist das „ganz normales Geschäft“, wie er sagt, oder der verzweifelte Versuch, akute Etatlöcher mit Verkaufserlösen zu stopfen?

Kritiker jedenfalls haben es schwer: Kern hat einen Ruf zu verlieren, ist stolz auf die zweimalige Auszeichnung zum „Unternehmer des Jahres“. Mancher sieht ihn entzaubert und in dem Rauswurf des Referatsleiters vor allem eine Warnung in die Runde. Die wirkt bis zum Beweis des Gegenteils, und ganz sicher auch bei dem geschassten Mitarbeiter: Der war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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