Tempelbomber

Essener Tempelbomber Yusuf T. unter Terrorverdacht

Auf dem Weg zum Sikh-Tempel werden Yusuf T. (links) und  Mohammed  B. am 16. April 2016 am U-Bahnhof Bamlerstraße gefilmt. Im Rucksack befindet sich der Sprengstoff, der später in der Bersonstraße explodiert.

Foto: Polizei Essen

Auf dem Weg zum Sikh-Tempel werden Yusuf T. (links) und Mohammed B. am 16. April 2016 am U-Bahnhof Bamlerstraße gefilmt. Im Rucksack befindet sich der Sprengstoff, der später in der Bersonstraße explodiert. Foto: Polizei Essen

Essen.   Generalbundesanwalt ermittelt, ob Yusuf T. eine terroristische Vereinigung gegründet hatte. Verteidiger: Mandant hat als Kronzeuge ausgesagt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ermittelt gegen den Essener „Tempelbomber“ Yusuf T. (18) nun doch wegen des Verdachts, eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Gemeint ist die von T. angeführte WhatsApp-Gruppe „Unterstützer des Islamischen Kalifats“, in der sich zeitweilig bis zu 13 salafistische Schüler und Jugendliche aus dem Ruhrgebiet blitzschnell radikalisiert haben und zu gefährlichen Jung-Dschihadisten herangereift sind. Für den Anschlag auf den Sikh-Tempel in der Bersonstraße am 16. April 2016 sind die Hauptangeklagten Yusuf T. und Mohammed B. vor einem Jahr von der Jugendkammer des Landgerichts Essen zu Freiheitsstrafen von jeweils sieben Jahren verurteilt worden. Ein Sikh-Priester wurde bei dem Anschlag schwer und zwei Gäste einer Hochzeitsfeier leicht verletzt.

Prediger Abu Walaa belastet

Yusuf T.’s Strafverteidiger, Burkhard Benecken aus Marl, zeigt sich überrascht von den Ermittlungen des Generalbundesanwalts. „Ich bin erstaunt, habe erst vor einem Monat davon erfahren“, sagt der Rechtsanwalt dieser Zeitung.

Die Generalbundesanwaltschaft selbst hüllt sich in Schweigen. „Keine Stellungnahme“, sagt Sprecherin Frauke Köhler. Ans Tageslicht kam die Nachricht vom Ermittlungsverfahren beim zurzeit laufenden IS-Prozess vor dem Oberlandesgericht in Celle gegen den Hildesheimer Prediger Abu Walaa. Benecken: „Mein Mandant ist im August als Zeuge geladen – an acht Tagen für jeweils acht Stunden.“

Anwalt: „Yusuf hat sich vom Salafismus losgesagt“

Dem Strafverteidiger zufolge habe sich Yusuf T. zwischenzeitlich vom Landeskriminalamt als Kronzeuge ausführlich vernehmen lassen. Die Niederschrift seiner Aussage umfasse rund 150 Seiten. T. verbüße seine Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes in der Justizvollzugsanstalt Iserlohn. „Yusuf hat sich vom Salafismus losgesagt“, sagt Benecken. Er habe die Mittlere Reife nachgeholt und eine technische Lehre begonnen. Auch äußerlich habe sich sein Mandant verändert. „Er hat 20 Kilo abgenommen.“ Gegenüber dem LKA bezeichnet sich Yusuf T. als Opfer, Männer wie Abu Walaa und der Duisburger Hasan C. hätten ihn radikalisiert, auch von Gehirnwäsche ist die Rede.

Auszüge des Chatverlaufs in der WhatsApp-Gruppe liegen dieser Zeitung vor. Im Februar 2016, zwei Monate vor dem Anschlag, fordert Yusuf, der sich „Amir“ (Befehlshaber) nennt, seine „Brüder“ aufgeregt auf: „Löscht ALLE Bilder und Videos vom IS. Löscht eure Chats . . . Bleibt mehr zuhause.“ Aus Angst erwischt zu werden, schreibt er später: „Alles was Waffen artig ist oder ähnlich (Bomben auch) muss umgehend entsorgt werden (von eurem Wohnsitz). Verkauft es, verschenkt es, verlagert es, zerstört es.“

Islamwissenschaftler erforscht Motive für Radikalisierung

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer (Universität Osnabrück) erforscht, warum sich junge Muslime radikalisieren. „Das Beispiel der Tempelbomber zeigt, wie gut die Islamisten-Szene in Deutschland vernetzt ist.“ Dem Predigernetzwerk um Abu Walaa sei es offenbar gelungen, junge Menschen zu islamistisch motivierten Gewalttaten zu inspirieren.

Burkhard Benecken zufolge überprüft die Ausländerbehörde, ob sein türkischstämmiger Mandant Yusuf T. in Deutschland bleiben könne oder abgeschoben werden müsse.

>>>KARLSRUHE UND DIE TEMPELBOMBER

Vor zwei Jahren war erwartet worden, dass die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe das Tempelbomber-Verfahren an sich ziehen würde. Damals gab es aber offenbar keinerlei Anhaltspunkte, dass es die Tat einer terroristischen Vereinigung war. Bei hiesigen Ermittlern soll die Karlsruher Entscheidung Kopfschütteln ausgelöst haben.

Bis dahin war Deutschland noch nicht das Ziel eines IS-Anschlags gewesen. Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erfolgte erst im Dezember 2016.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik