Im Bethesda Altenheim an der Wüstenhöfer Straße in Borbeck leben viele Hochbetagte. Doch mit 106 Jahren steht Gertrud Pawlik an der Spitze. „Jetzt bin ich schon fünf Jahre hier“, sagt sie. Als sie noch Ü-90 war und täglich mit Rollator eine Einkaufsrunde um den Block drehen konnte, hat sie sich selbst um einen Heimplatz gekümmert. Sie wollte in der Nähe der Wohnung an der Schmale Straße bleiben, so fiel die erste Wahl der Katholikin auf die evangelische Pflegeeinrichtung unweit des Borbecker Ortskerns.
Sie sah ein hübsches Einzelzimmer im ersten Stock und zog schneller als gedacht dort ein. „Den Umzug haben wir allein gemeistert, Kleider und Wäsche in Taschen und Tüten transportiert“, erzählt Marianne Winnen (68), die jüngste Tochter. Viel mehr brauchte die alte Dame nicht.
Jeden Samstag ging sie mit ihrem Mann zum Tanzen
Bilder erzählen aus der langen Geschichte der lebenslustigen Jubilarin. „Jeden Samstag war ich mit meinem Mann zum Tanzen“, erzählt sie. Fürs Zeitungsfoto hat sie sich extra schick gemacht. Die Haare frisch gestylt und im neuen, cyclam-farbenen Strickpulli sitzt sie mit wachen Augen im Rollstuhl.
Den verlässt die zierliche Seniorin kaum noch. Das viele Sitzen geht auf den Rücken, gegen Nackenweh bekommt sie Schmerzpflaster. Doch sie klagt nicht. „Alle sind hier sehr nett! Ich fühle mich wie zuhause!“ Tochter Marianne fährt zweimal die Woche aus Velbert mit Bus und Bahn zu ihr - nach der ehrenamtlichen Arbeit in einer Backstube. Manchmal sei sie dann so müde, dass die Mutter ihr das Bett anbiete.
Drei Kinder sorgen sich um die greise Mutter
Gertrud Pawlik war 1952 aus Wilhelmshaven an die Ruhr gekommen. Man wohnte in Stoppenberg. Ehemann Georg, lange Zeit Elektriker auf Zeche Ernestine in Frillendorf, ist 1984 gestorben. Aber allein war Gertrud Pawlik nie. Die Kinder - die Älteste heißt auch Gertrud und ist 73 Jahre, Jahrgang 1950 ist Sohn Hans-Georg – entfernten sich nicht weit.
So trifft man sich am Rosenmontag um 15 Uhr. Marianne Winnen zeigt die Blumen-Tischdecke, die sie besorgt hat. „Mit passenden Servietten!“ Und weil Rosenmontag ist, kommt der bunte Harlekin als Deko auf die Geburtstags-Kaffeetafel mit zehn selbst gebackenen Kuchen. Der Clown hält ein Schild mit einer 106 in Rot.
Noch bis weit über 90 hat Gertrud Pawlik zu Weihnachten ein Festmal gestemmt
Tradition haben auch die Weihnachtsfeiern der Familie. Bis weit in ihre Neunziger hat Gertrud Pawlik am 25. Dezember alle zu sich geladen und ein wahres Festmahl gestemmt, bis Marianne das übernommen hat. „Es gab immer Gans gefüllt mit Hackfleisch.“ Die Seniorin war stets mustergültige Hausfrau und eine hervorragende Köchin.
Dieses Talent hat sie ihrer Jüngsten vererbt und die an ihren Sohn. Der ist sogar Koch geworden. Bei der Zahl der Nachfahren gibt sich „Queen Mom“, wie die Mitbewohner scherzhaft sagen, eher bescheiden. Zwei Enkel sind es, Urenkel nicht in Sicht.
Das Hörgerät drückte zu sehr, aber sie liest noch gerne Zeitung
Wie man so alt wird? „Sie hat immer gesund gelebt, viel frisches Obst und Gemüse gegessen, abends Hagebuttentee und nur wenig Alkohol getrunken, nur ab und an ein Glas Wein“, meint die Tochter. Die Seniorin lächelt verschmitzt: „Zum Tanzen!“, sagt sie. Foxtrott und Walzer hatte sie am liebsten. Seit sie das Hörgerät nicht mehr nutzt, weil es so drückt, versteht sie wenig. Doch sie liest noch gern Illustrierte und die Zeitung. Und auf den Ehrentag hat sie sich seit Tagen gefreut.
>>>>>>ROSENMONTAG-GEBURTSTAG>>>>>>>
- Gertrud Pawlik wurde am 4. März 1913 geboren. Trotz ihres hohen Alters hat sie den Rosenmontag-Geburtstag bisher erst dreimal erlebt: 1935, 1946, 1957. Wie Ostern fällt Karneval jedes Jahr auf ein anderes Datum.
- Vor 1700 Jahre beschlossen Bischöfe, Ostern immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond zu legen. Ostern fällt so in die Zeit zwischen dem 22. März und dem 25. April. Karneval endet am Aschermittwoch, also mit Beginn der Fastenzeit und 40 Tage vor Ostersonntag.


