Minderheiten

Essener Russlanddeutsche empört über AfD-Verdächtigungen

Anna Drehaak, Valentina Götte, Igor Wenzel, Irina Karmann, Marina Mirau, Natalja Lohr und Oxana Andreev (v.li.) im Forum der Russlanddeutschen an der Heßlerstraße in Altenessen.

Foto: Socrates Tassos

Anna Drehaak, Valentina Götte, Igor Wenzel, Irina Karmann, Marina Mirau, Natalja Lohr und Oxana Andreev (v.li.) im Forum der Russlanddeutschen an der Heßlerstraße in Altenessen. Foto: Socrates Tassos

Essen.  Essener Russlanddeutsche fühlen sich zu Unrecht als Putin-Versteher und AfD-Freunde abgestempelt. Offener Brief wirbt für differenzierte Sicht.

Igor Wenzel stammt aus Sibirien. Der Vorsitzende des Forums der Russlanddeutschen in Essen ist einer von rund 15 000 Essenern, deren biografische Wurzeln in den Weiten Russlands liegen. Etwa zwei Drittel davon sind wie Wenzel Spätaussiedler; Deutsche, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren konnten. Anders als in den 1990er Jahren ist es still geworden um die „Russlanddeutschen“. In den letzten Monaten aber rückten sie wieder stark ins mediale Interesse. Der Grund: eine vermeintliche oder tatsächliche Nähe zur AfD.

„Wir sind genauso individuell wie alle anderen Bürger unseres Landes“

Spätaussiedler würden pauschal als Anhänger der Rechtspartei dargestellt, empört sich Igor Wenzel. Aus seiner Sicht ist es nicht das einzige Klischee, das von Journalisten bedient wird. Gemeinsam mit anderen Selbstorganisationen Russlanddeutscher hat Wenzel für das Essener Forum deshalb einen offenen Brief an Medien und Politik verfasst. Das dreiseitige Schreiben gipfelt in folgendem Satz: „Wir sind nicht die AfD, nicht die CDU, nicht die fünfte Kolonne Putins. Wir sind genauso individuell wie alle anderen Bürger unseres Landes!“ Wenzel spricht von der Diskriminierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Herkunft und sieht nach eigenen Worten Ansätze für eine Hetzkampagne.

Unstrittig ist: Viele Spätaussiedler wurden in einem autoritären System sozialisiert, das Und Putin ist in den Augen vieler nicht etwa ein lupenreiner Autokrat, sondern ein Garant für Stabilität. Eine kritische Haltung gegenüber dem Westen, gegenüber den USA und der Nato spielt dabei eine Rolle, wie Wenzel bestätigt. Die Osterweiterung des Verteidigungsbündnisses bis an die Grenzen Russlands empfänden auch Russlanddeutsche als Wortbruch. Und auch die Flüchtlingskrise haben viele Spätaussiedler mit Sorge verfolgt. „So wie viele andere auch“, betont Wenzel.

Die Lügen um die angebliche Vergewaltigung des Mädchens „Lisa“

Aber gingen Spätaussiedler nicht sogar auf die Straßen, als es in russischen Medien hieß, „Lisa“, eine junge Deutschrussin aus Berlin sei von Flüchtlingen vergewaltigt worden? Eine Falschnachricht, wie sich später herausstellte, die ihre Wirkung aber nicht verfehlte.

Der russischen Außenminister Lawrow sprach im Fernsehen von „unserer Lisa“ und gab damit unausgesprochen den „Schutzherrn“ für alle Russlanddeutschen – vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise äußerst heikel. Die russische Führung habe die Menschen instrumentalisieren wollen, sagt Wenzel. Auch in Essen sei versucht worden, eine Demonstration auf die Beine zu stellen. „Die Initiatoren kamen aus Köln und Gelsenkirchen, wer auch immer das war. Nur: Es ist keiner hingegangen.“

Die höchste Zustimmung erzielte die AfD in Essen da, wo kaum Russlanddeutsche leben

Bekannt ist, dass die AfD ebenfalls Sympathien hegt für Putin und antiwestliche Ressentiments bedient. Wenzel warnt dennoch vor vorschnellen Schlüssen. Eine Stimmung pro AfD könne er unter in Essen lebenden Russlanddeutschen nicht erkennen, sagt er und verweist auf die Landtagswahl im vergangenen Mai. Die höchsten Zustimmungswerte erzielte die AfD in Vogelheim und Karnap mit jeweils mehr als 20 Prozent. „Ich kenne keine einzige russlanddeutsche Familie in Vogelheim und nur wenige in Karnap“, betont Wenzel.

Die meisten Spätaussiedler wohnen im Hörsterfeld in Freisenbruch und in Teilen von Stoppenberg. Auch dort fuhr die AfD zweistellige Ergebnisse ein, aber das tat sie in 22 der Essener Stadtteile. Die These, wonach die AfD dort besonders gut abgeschnitten hat, wo viele Spätaussiedler leben, lasse sich nicht halten, betont Wenzel. Im Bergmannsfeld und im Hörsterfeld lebten sie mit Flüchtlingen Tür an Tür, ohne dass von großen Problemen die Rede wäre.

Die meisten Essener Russlanddeutschen seien gut integriert, betont das Forum

Die Stadt Essen habe viele erreicht, wenn es um die Integration von Spätaussiedlern gehe, ist Wenzel überzeugt. Die meisten Familien seien sehr gut integriert, auch wenn sich Angehörige der älteren Generation zuweilen noch immer schwer tun mit dem Leben in Deutschland. Die jüngere Generation sei längst angekommen.

Politisch seien Russlanddeutsche nicht festgelegt. „Wir sind zuhause zu viert und wählen drei verschiedene Parteien“, berichtet Wenzel und warnt davor, alle Spätaussiedlern über einen Kamm zu scheren, sie zu Putin-Verstehern und AfD-Anhängern abzustempeln. Das führe zu Ausgrenzung und helfe letztendlich den Populisten.

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