GESUNDHEIT

Essener Drogenberatung für Frauen fordert mehr Unterstützung

Die Drogenberatungsstelle „Bella Donna“ für Frauen und Mädchen am Kopstadtplatz.

Foto: Ulrich von Born

Die Drogenberatungsstelle „Bella Donna“ für Frauen und Mädchen am Kopstadtplatz. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Seit 25 Jahren unterstützt „Bella Donna“ süchtige Frauen. Zudem werden immer mehr Mädchen betreut. Die Fallzahlen steigen, die Förderung nicht.

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Das Mädchen aus Essen ist elf Jahre alt. „Sie raucht. Sie geht betrunken in die Schule. Sie wirft ein, was sie in die Hände bekommt. Sie hat nie gelernt, anders mit Problemen umzugehen.“ Martina Tödte von Bella Donna, der Drogenberatungsstelle für Mädchen und Frauen, hat genau diesen Fall miterlebt. Das Mädchen könnte in Steele, Altenessen, Überruhr oder in vielen anderen Stadtteilen wohnen. Sucht kennt keine Grenzen. Sucht sorgt für Opfer. Und Sucht hat immer eine Geschichte.

Martina Tödte kennt viele dieser Geschichten. Einzelschicksale. Aber auch ganze Sucht-Familien. Die 58-Jährige arbeitet bei der Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, an die Bella Donna angegliedert ist. Vor 25 Jahren hat die spezialisierte Drogen-Beratung für Frauen und Mädchen als Ergänzung zur klassischen Suchtberatung als kleines Landesprojekt angefangen. Inzwischen hat sich Bella Donna als eigener Zweig etabliert und nutzt zwei Etagen in einem unscheinbaren Gebäude am Kopstadtplatz. „Der Bedarf wächst, wir müssten bald erweitern“, sagt Marina Tödte.

Süchtige in der dritten Generation

Längst betreuen sie und ihre Kolleginnen Süchtige in der dritten Generation. „Wir können einen Großteil der Kinder nicht vor einer Biografie mit Sucht schützen. Es ist eher der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein, bei dem wir etwas ändern", sagt die Pädagogin. Als Bella Donna 1992 die Arbeit aufnahm, war eine frauenspezifische Suchtberatung neu. Und aus Sicht der klassischen Drogenberatung nicht notwendig und damit umstritten. „Dabei zeigen Studien, dass Drogensucht bei Frauen spezielle Ursachen hat: In der Regel basiert sie auf Gewalt, meist sexueller Gewalt. Dieses Trauma wird mit Heroin bekämpft. Gefühle werden vom Körper abgespalten. So wird das Weiterleben erst erträglich“, erklärt Marina Tödte den wiederkehrenden Mechanismus.

Diesen Frauen helfen die zehn Mitarbeiterinnen von Bella Donna mit Beratung, Förderung und Betreuung. Im ersten Schritt wird die Verelendung der Betroffenen bekämpft. Im zweiten Schritt sollen sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Die Zahl der Frauen mit Kindern hat dabei deutlich zugenommen, seit es Substitutions-Programme gibt. Heroin-Konsum reduziert die Chance auf eine Schwangerschaft. Die Beratung begleitet Schwangerschaft und Erziehung. „Die Frauen reden nicht mit den Babys, weil sie sagen, die verstehen mich doch eh nicht“, beschreibt Martina Tödte Praxisfälle und erklärt: „Kinder von Süchtigen sind häufig wieder Suchtkranke. Sie haben ein sechs Mal höheres Risiko, abhängig zu werden.“

„Wir benötigen mehr Unterstützung“

160 Frauen und 19 Familien mit 22 Kindern wurden 2016 von Bella Donna betreut. Während die Fallzahlen zugenommen haben, ist die Unterstützung der Stadt mit 144 000 Euro pro Jahr seit langem unverändert.

„Wir haben unsere Angebote ausgeweitet und sie werden rege genutzt“, sagt Martina Tödte und betont: „20 bis 30 Prozent des Etats erwirtschaften wir durch Dienstleistungen, wie fürs Jugendamt, als Eigenanteil.“ Keineswegs selbstverständlich in diesem Bereich. „Wir benötigen aber mehr Unterstützung“, fordert Tödte. Sonst muss im Jubiläumsjahr die Beratung für die betroffenen Frauen und Mädchen reduziert werden.

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