Verkehrspolitik

Essen: Rüttenscheid droht Schaden durch Verkehrsexperimente

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Vorgeblich will die Stadt die „Rü“ mit Abbiegezwängen vom Durchgangsverkehr befreien. Tatsächlich könnte etwas starten, das Rüttenscheid schadet.

Die Rüttenscheider Straße ist eine Einkaufs- und Ausgehstraße, die funktioniert und von den Kunden wie keine andere in Essen positiv angenommen wird – und zwar obwohl oder gerade weil dort Autos ungehindert fahren dürfen. Das ist ein Fakt, den alle erst einmal zur Kenntnis nehmen müssen, die Veränderungen herbeizwingen möchten.

Abbiegezwang auf der Rüttenscheider Straße verursacht neue Probleme

Sicher: Die Autos können zu Stoßzeiten lästig sein, und vor allem der reine Durchgangsverkehr hat hier eigentlich nichts verloren. Das Frage ist: Wie trennt man diejenigen, die die Rüttenscheider bewusst ansteuern von jenen, die „nur“ einem Stau auf der Alfredstraße ausweichen wollen?

Die Stadt will es mit einem Abbiegezwang versuchen, der neue Probleme verursacht. Denn wer trotzdem auf die „Rü“ fahren will, darf das machen – etwa nach einem Schlenker durch die Wohngebiete. Das produziert potenziell mehr Abgase, Lärm und nervtötenden Begegnungsverkehr und kann kaum im Sinne der Anwohner sein. Es wirkt zudem schikanös für Autofahrer, was aber ja offenbar gerade beabsichtigt ist.

Grüne und Teile der SPD fordern seit langem eine autofreie „Rü“

Viel spricht dafür, dass wir hier nicht nur Zeuge einer Schnapsidee werden, sondern auch die beliebte Salami-Taktik am Werk sehen – mit dem Abbiege-Gebot als Startschuss. Die Grünen und Teile der SPD träumen schließlich seit langem davon, die Rüttenscheider zur Einbahnstraße umzumodeln, am besten aber ganz autofrei zu bekommen. Zur derzeit offensiv wie nie grassierenden Autofeindlichkeit passt das sehr gut. Ob die Kunden und Besucher in ihrer Mehrheit das auch gut finden, darf man bezweifeln. Die Sperrung der Rü ist nicht ohne Grund in den 1990er Jahren schon mal krachend gescheitert.

Das urbane Flair, das es hier noch gibt, wurde woanders längst wegexperimentiert

Dem OB, der CDU und der Interessengemeinschaft Rüttenscheid kann man nur raten gut aufzupassen. Noch verfügt Rüttenscheid über einen pulsierenden Kern mit vielen inhabergeführten Läden und Gastronomien, noch gibt es hier ein urbanes Flair, das woanders längst wegexperimentiert wurde.

„Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis“, lautet ein Sprichwort. Bezogen auf Rüttenscheid heißt das: Es gibt auch in Essen genügend Zeitgenossen, die den Erfolg des Stadtteils auf Spiel setzen wollen, nur um ihre ideologisch getränkte Verkehrspolitik durchzudrücken. Es wäre sehr bedauerlich, würde Rüttenscheid darüber Schaden nehmen.

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