Bus und Bahn

Essen hinkt beim Nahverkehr seinen Zielen hinterher

Das Straßenbahn-System in Essen wird von den Gutachtern als nur „eingeschränkt leistungsfähig“ beschrieben.

Foto: Kerstin Kokoska

Das Straßenbahn-System in Essen wird von den Gutachtern als nur „eingeschränkt leistungsfähig“ beschrieben. Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Essen verfehlt sein selbst gestecktes Ziel, den Bus- und Bahnverkehr deutlich zu steigern. Gutachter bescheinigen einen Investitionsstau.

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Essen wird das bei seiner Bewerbung für die Grüne Hauptstadt selbst gesteckte Ziel, den Bus- und Bahnverkehr bis zum Jahre 2035 von 19,5 auf 25 Prozent deutlich zu steigern, mit dem neuen Nahverkehrsplan nicht erreichen.

Darauf weisen explizit die Gutachter rund um Mathias Schmechtig des Kasseler Büros NahverkehrsConsult in ihrem Entwurf für den Nahverkehrsplan 2017-2025 hin, der an die Fraktionen zugeschickt wurde und am 27. September vom Rat beschlossen werden soll.

Im Vorfeld hat sich die Ratsmehrheit zwar darauf geeinigt, auf Einsparungen bei der Evag zu verzichten und stattdessen mit jährlich zusätzlich 1,3 Millionen Euro auf Kontinuität zu setzen.

Gutachter: Es besteht ein Investitionsstau

Ein großer Wurf ist damit aber nicht möglich. Mit der jetzt vorgelegten Strategie lassen sich lediglich die erwarteten Bevölkerungszuwächse auffangen. Zu einer „nachhaltigen Trendwende im Mobilitätsverhalten“ wird sie nicht führen und auch keinen „nennenswerten Beitrag zum Erreichen der Klimaschutzziele liefern“, schreiben die Gutachter.. Und: „Es besteht weiterhin ein gravierender Investitionsstau.“

Immerhin sind die ersten Pflöcke für die „Bahnhofstangente“ gesetzt. NahverkehrsConsult sieht in der geplanten Straßenbahnlinie zwischen Steeler Straße und Berthold-Beitz-Boulevard eine „unverzichtbare Voraussetzung“, um gegen die „besonders ausgeprägten Kapazitätsprobleme“ in Spitzenzeiten im Straßenbahnnetz anzugehen. Die oberirdische „Bahnhofstangente sei das „Schlüsselprojekt“ mit höchster Priorität.

Damit würde das Tunnelnetz entlastet, so dass dann die am stärksten frequentierte Linie 107 (werktags 34 500 Einsteiger) künftig im 5-Minuten-Takt zwischen Katernberg und Hauptbahnhof fahren kann.

Banhofstangente startet erst 2023

Doch der Bau der Bahnhofstangente, der wichtigste Baustein des Nahverkehrsplanes, wird erst 2023 starten. Später als erwartet. Weitere wesentliche Eckpfeiler sind die Sanierung der Spurbus-Strecke nach Kray und der Umbau der Südstrecke, damit dort Niederflurbahnen fahren können.

Zwar loben die Sachverständigen das „nahezu flächendeckende ÖPNV-Netz“ in Essen, sehen aber auch Schwächen. In elf vor allem südlichen Stadtteilen werden die Anforderungen nicht erfüllt. Heidhausen und Fischlaken sind das Schlusslicht. Der Baldeneysee ist nicht ausreichend angebunden. Kritisiert werden auch die längeren Fußwege von der Bahn bis zum Kennedyplatz, zur mittleren Kettwiger Straße in der City und zum westlichen Bereich des Gruga-Parks.

Linie 106 mit Tempo 18

Als nur „eingeschränkt leistungsfähig“ bezeichnet NahverkehrsConsult das Straßenbahn-System. Im Fokus stehen die alten Hochbahnen vom Typ M8, die keine Türen im Mittelteil haben und deren Klapptrittstufen wertvolle Zeit rauben. Beim Thema Pünktlichkeit schneidet die Evag nicht gut ab. Jede fünfte Abfahrt aller Linien war 2015 unpünktlich.

Mit einem Durchschnittstempo von nur 17,8 km/h ist die Linie 106 die langsamste in Essen. Bei allen anderen Tram-Linien liegt das Tempo über 19 km/h. Hier fordern die Gutachter ein konsequentes Beschleunigungsprogramm. Bei den Bussen ist der SB14 mit 26,6 km/h der schnellste, die Ringlinie 162/172 dagegen mit 17,1 km/h langsam.

Kritisiert werden teilweise auch zu lange Abstände zwischen den Haltestellen im Bahn-Netz, insbesondere zwischen Rüttenscheider Stern und Philharmonie und zwischen Stadtgarten und Steele (980 Meter). Die Barrierefreiheit an allen Haltestellen ist erst in Jahrzehnten absehbar. Im Straßenbahnnetz sind erst 25 Prozent der Haltestellen stufenlos erreichbar, bei den Bushaltestellen sind es gar nur 19 Prozent.

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