Flüchtlinge

Essen: Flüchtlingshelferin erzählt von Freunden und vom Tod

Annette-Henriette Dirkes ist seit der Gründung der Initiative „Werden hilft!“ im Jahr 2015 mit dabei. Im Interview erzählt sie von einer anrührenden Begegnung mit einer krebskranken Armenierin.

Annette-Henriette Dirkes ist seit der Gründung der Initiative „Werden hilft!“ im Jahr 2015 mit dabei. Im Interview erzählt sie von einer anrührenden Begegnung mit einer krebskranken Armenierin.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Essen.  Annette-Henriette Dirkes von „Werden hilft!“ erzählt über die Begegnung mit einer krebskranken Frau. Was diese Freundschaft so besonders macht.

Sie war jung, 32 Jahre. Voller Hoffnung kam die Armenierin Anahit im Frühjahr 2017 nach Deutschland, schlug mit ihrem zweijährigen Sohn und ihrer Mutter im Aufnahmelager in Essen-Fischlaken auf. „Die Chemie stimmte von Anfang an zwischen uns“, berichtet Annette-Henriette Dirkes und muss lächeln angesichts der Erinnerungen. Es sei der Beginn einer schönen Freundschaft gewesen. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt die Ehrenamtlerin von „Werden hilft!“ über diese Begegnung mit einer Frau, die an Leukämie erkrankt war.

Verein gründete sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise

Die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Flüchtlinge an der Hammer Straße kommen zumeist aus Syrien, Afghanistan, Somalia. Um die 150 sind es aktuell. „Sie bleiben nicht lange, zwei Wochen gerade mal. Deutlich kürzer als früher“, sagt Annette-Henriette Dirkes, Vorstandsmitglied von „Werden hilft!“.

Der Verein gründete sich 2015 auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise als einer der ersten im Essener Süden. Er setzt sich seither bürgerschaftlich, überparteilich und überkonfessionell für Geflüchtete ein. Betreut werden – nach der Auflösung der Flüchtlingsunterkünfte im Löwental und am Volkswald – außerdem neben den Menschen in der EAE noch gut 100 Personen (Familien und Alleinreisende) im Kloster Schuir.

Anahit lag von ihrer Familie getrennt im Krankenhaus

Für Annette-Henriette Dirkes, kaufmännische Angestellte, war es keine Frage, von Anfang an bei „Werden hilft!“ mit anzupacken. Trotz großer Unsicherheit. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, keiner wusste das.“ Es habe Monate gedauert, bis sich die Arbeit der Ehrenamtler etabliert hatte und die verschiedenen Arbeitskreise (u.a. Bildung, Sport, Hausaufgaben) effektiv sein konnten. „Auch die Behörden waren nicht wirklich vorbereitet. Heute ist alles eingespielt, gibt es konkrete Regelungen.“

Ist es für Flüchtlinge an sich schon schwer, in einem fremden Land, der Sprache nicht mächtig, mit dem Alltag klar zu kommen, wie muss das erst für jemanden sein, der krank ist? Anahit war bereits in Armenien in Behandlung, die sie dort selbst bezahlen musste. Annette-Henriette Dirkes spürte, dass die junge Mutter sich sehr allein gelassen fühlte in einem deutschen Krankenhaus, getrennt von Mutter und Sohn, die im Aufnahmelager wohnten. „Sie war sehr lebenslustig, trotz allem“, sagt die Werdenerin, die mit dem Auswärtigen Amt Kontakt aufnahm, um Anahits Schwester als Stammzellen-Spenderin nach Deutschland zu holen.

Gespräche über das Leben und das Hoffen, das Sterben und den Tod

Regelmäßig besuchte sie Anahit im evangelischen Krankenhaus in Werden. „Kannst kommen, Annette, bin gut drauf und warte auf dem Krankenhaus-Parkplatz auf Dich. Habe uns schon einen Kaffee besorgt…“, postete die Armenierin über WhatsApp. Dirkes: „Dazu gab es stets ein Bild von der Kaffeetasse!“ Bei diesen Treffen hätten sie dann oft stundenlang gesessen, „über das Leben und das Hoffen, das Sterben und den Tod geredet“.

Anahit habe von ihrer Heimat erzählt, über Kleinigkeiten, die sie bewegten. „Manchmal gesellten sich auch andere Patienten und Besucher dazu, dann wurde die Runde größer, oft wurde gelacht.“

Und da sei noch die Behördenpost gewesen, die die Armenierin oft nicht ganz verstand und eine Übersetzung brauchte. „Teilweise waren das nicht nachvollziehbare Entscheidungen, die den Sohn und ihre Mutter betrafen, gegen die wir dann angegangen sind.“

Gemeinsam Borschtsch gekocht und Shoppen gewesen

Die Monate verstrichen. „Wir haben, soweit es gesundheitlich ging, auch noch viel unternommen, waren Cabrio fahren, Shoppen in Werden, Eis essen, haben Borschtsch bei uns gekocht“, erinnert sich Annette-Henriette Dirkes. Ihr Mann Detlef und der Familienhund Sammy taten ein Übriges, dass sich die junge Frau willkommen fühlte bei ihren deutschen Paten.

Doch trotz Stammzellentherapie ging es ihr bald wieder schlechter. 2018, kaum ein Jahr nach ihrer Ankunft, starb Anahit schließlich. „Wir haben dann auch die Beerdigung in ihrer Heimat organisiert“, erzählt die Werdenerin und bedauert: „Ich hätte Anahit so sehr noch ein langes und glückliches Leben gewünscht!“

Diese Freundschaft werde sie im Herzen bewahren, sagt Annette-Henriette Dirkes. Berührende Erfahrungen wie diese prägten natürlich die ehrenamtliche Arbeit nachhaltig, machten nachdenklich, traurig. „Nicht immer gehen Flüchtlings-Geschichten gut aus. Nicht nur wegen einer Erkrankung.“ Manchmal klappe die Integration nicht, seien Vorstellungen gerade in beruflicher Hinsicht nicht zu verwirklichen.

Jedem Flüchtling den Weg in die Integration ebnen

Und die Helfer-Seite? Nicht alle Aktiven von damals seien noch bei „Werden hilft!“ dabei. Oft sei es mühsam, im Behördendschungel den Überblick zu behalten. Neben dem eigenen Familien- und Arbeitsalltag längere Patenschaften für Flüchtlinge zu übernehmen, verlange zudem jedem viel ab. „Manche haben sich daran auch ein stückweit abgearbeitet“, sieht es das Vorstandsmitglied nüchtern.

Andererseits sei es für sie immer wieder spannend, neuen Menschen zu begegnen, ihnen den Weg der Integration zu ebnen. „Ich bin immer noch neugierig auf jede Lebensgeschichte.“ Man müsse bei allem Engagement aber auch realistisch bleiben bei der Vereinsarbeit: „Die Flüchtlinge kommen zu uns in den Stadtteil, in die Aufnahmeeinrichtung, und sie verlassen uns auch nach einer gewissen Zeit wieder. In diesem Zeitraum versuchen wir, unser Bestes zu geben.“

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