Kommentar

Eine Zäsur im Kampf gegen die libanesischen Clans in Essen

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

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Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Essen.   Zwei Polizisten wurden nach der Kontrolle einer Shisha-Bar verprügelt, Bürger verhinderten Schlimmeres. Das Klima wird feindseliger. Und jetzt?

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Der brutale Übergriff vom Freitag Abend hat das Zeug zu einer Zäsur im Kampf gegen die kriminellen libanesischen Clans. Zwar ist es folgerichtig und alternativlos, wenn der Polizeisprecher markig ankündigt, keinen Millimeter weichen und sowohl die Kontrollen als auch die Null-Toleranz-Strategie in der nördlichen Innenstadt fortsetzen zu wollen; alles andere würde ja bedeuten, dieses Terrain aufzugeben.

Ob es aber verantwortbar ist, weiterhin Polizistinnen und Polizisten in Unterzahl einer derartigen Gefahr auszusetzen, wird man auch als polizeitaktischer Laie bezweifeln dürfen. Nicht immer werden mutige und körperlich gut trainierte Bürger zur Stelle sein, um zu helfen und Schlimmeres zu verhindern – das ist keine Floskel, das hätte am Freitag tatsächlich leicht passieren können. Darauf lassen jedenfalls die Schilderungen der Helfer schließen, die von einem völlig unvermittelten, für die Beamten zunächst nicht erkennbaren Gewaltrausch berichteten, bevor die Täter schließlich flüchteten.

Die Wut der Clan-Mitglieder über das Eindringen der verachteten Polizisten in ihr „Hoheitsgebiet“

Wie ist ein solcher Exzess zu erklären? Nun, der permanente Druck, den die Polizei in den vergangenen Monaten richtigerweise gegenüber der Szene aufbaute, hat selbstredend Folgen. Schon bei den ersten Razzien wurde die Wut deutlich, mit der Clan-Mitglieder das Eindringen der verachteten und belächelten Polizei in ihr vermeintliches Hoheitsgebiet quittierten. Dass irgendwann der Gegenschlag kommt, dass vor allem testosterongesteuerte, aufgehetzte Jungmänner eine Gelegenheit zum Durchdrehen finden würden, kann da nicht überraschen. Die Frage war halt nur, wann.

Es gibt demokratische Länder, in denen muss mit hohen Strafen rechnen, wer einen Polizisten angreift. Bei uns ist man nach einer Nacht im Gefängnis wieder auf freiem Fuß, was weiter folgt, bleibt abzuwarten. Ob das einem 17-Jährigen Respekt einflößt, der gerade eine Polizistin brutal verprügelt hat und dessen Umfeld das offensichtlich in Ordnung findet?

Ganz offen und selbstbewusst wird demonstriert: Eure Gesetze sind nicht unsere

Geradezu irre, dass der Clan kurz nach der Tat vor der Wache aufzog und sogar auf sofortige Freilassung bestand. Nicht mal heimlich, nein, ganz offen und selbstbewusst wird so demonstriert: Eure Gesetze und Regeln des Zusammenlebens sind nicht unsere.

Wieviele mögen diese Geisteshaltung haben? Die Behörden sagen, sie wisse nicht viel über die abgeschotteten Familien. Über Jahrzehnte konnten sich – weitgehend unbehelligt von der Staatsmacht – kriminelle Strukturen etablieren, flankiert und begünstigt wurde all dies durch die bekannten integrationspolitischen Versäumnisse. All das müssen die Polizisten jetzt auszubaden. Da kann einem schon mal ein wenig mulmig werden. Nicht nur als Polizist.

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