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Die Essener Hütte – spektakulärer Außenposten in den Osttiroler Alpen

Die Essener Hütte, korrekt eigentlich Essen-Rostocker Hütte, mit dem gemütlichen Rostocker Altbau rechts und dem 1966 hinzugekommenen Essener Neubau.

Die Essener Hütte, korrekt eigentlich Essen-Rostocker Hütte, mit dem gemütlichen Rostocker Altbau rechts und dem 1966 hinzugekommenen Essener Neubau.

Foto: privat

Essen.  Der letzte unserer 100 besonderen Essener Orte fällt etwas aus dem Rahmen: Die Essener Hütte ist ein Botschafter der Stadt in den grandiosen Osttiroler Alpen. Für die Sektion Essen des Deutschen Alpenvereins, die stets viel Pech mit Lawinen und politischen Umstürzen hatte, ist es schon das vierte Schutzhaus dieses Namens.

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Zugegeben, dieser Essener Ort fällt etwas aus dem Rahmen. Wer ihn besuchen will, wird zwischen Karnap und Kettwig nicht fündig, und mit dem Auto vorfahren geht auch nicht. Die Essener Hütte ist der vielleicht spektakulärste Außenposten der Stadt, ein Botschafter Essens in den Alpen, genauer: im Osttiroler Maurertal. Ski-Zirkus gibt es hier keinen, dafür viel geschützte Nationalpark-Natur und mit dem Venediger-Höhenweg eine grandiose Wanderroute mit der Essener Hütte als wichtigen Stützpunkt. Augenzwinkernd kann man sagen: mit 2208 Metern über Normalnull ist sie das höchste Gebäude der Stadt. Da kommt auch kein RWE-Turm mit.

Eigentümer der Hütte und des Grundstücks ist die Sektion Essen des Deutschen Alpenvereins. Das erste Haus hatte der Club schon 1903 eingeweiht - im Südtiroler Sebertal. Nachdem Italien Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg annektierte, folgte 1920 die Enteignung der deutschen Alpenvereine. Die zweite Essener Hütte im Osttiroler Umbaltal wurde 1937 von einer Lawine weggefegt, die dritte, einige Hundert Meter höher gebaut, ereilte 1958 das gleiche Schicksal.

Es ist nicht übertrieben zu sagen: Von den vielen deutsche Alpenvereinssektionen hatte kaum eine so ausdauerndes Pech mit ihren Hütten.

Finanzielle Hilfe von Familie Krupp

Einen vierten Versuch starteten die Essener Anfang der 1960er Jahre: Die Alpenvereins-Sektion Rostock konnte trotz einiger in den Westen geflüchteter Mitglieder den Erhalt ihres Hauses allein nicht mehr stemmen. Die Essener sprangen ein, beteiligten sich an der kleinen Rostocker Hütte im Maurertal und ergänzten sie 1966 mit einem großen Anbau - finanzielle Hilfe unter anderem von der bergbegeisterten Familie Krupp-Bohlen und Halbach machte es möglich. Heute gehört den Essenern der Gesamtkomplex allein, was nicht immer die reine Freude ist, zumal in der Nähe auch die kleine Clara-Hütte auf 2038 Metern und ein Biwak, die Philipp-Reuter-Hütte, auf 2692 Metern Höhe, zum Sektionseigentum zählen.

Wege erschließen, die Häuser erhalten, mitunter neu bauen - das alles ist mühsam und kostet viel Geld. Regelmäßig reisen Sektionsmitglieder nach Osttirol zum Arbeitsurlaub. Vorsitzender Detlef Weber war als Siebenjähriger zum ersten Mal dort: „Die Hütte war spartanisch - eine Kaserne in den Alpen.“ Zugige Fenster, keine Heizung, schlechtes Essen. Inzwischen ist die Essener Hütte während der Bewirtschaftungszeit von Juni bis September eher ein alpines Gasthaus, das auch im Vergleich mit vielen anderen Alpenvereinshütten relativ viel Komfort bietet. Während früher das Wasser vom Gletscher kam, hinter dem Haus die Plumps-Klo standen und Übernachten im Massenlager zwingend war, gibt es heute eine Großküche, Etagenbetten in kleinen Zimmern und im Keller sogar Duschen. Ein eigenes Wasserkraftwerk regelt die Energieversorgung.Das ist Essen

Eines hat sich aber glücklicherweise nicht verändert: Je nach Kondition sind zwei bis vier Stunden stramme Wanderung einzukalkulieren, bevor die rund 700 Höhenmeter vom Parkplatz bis zur Hütte geschafft sind - und auch dieser besondere Ort erobert ist.