Straßenserie

Die Dahlhauser Straße in Essen besaß ein Herz aus Eisen

Die Dahlhauser Straße anno 1965: In der Mitte zu sehen sind die Hallen der Eisen- und Schraubenwerke auf dem ehemaligen Gelände des Hüttenwerks, das 1923 schloss. Das Schraubenwerk machte 1993 dicht.      

Die Dahlhauser Straße anno 1965: In der Mitte zu sehen sind die Hallen der Eisen- und Schraubenwerke auf dem ehemaligen Gelände des Hüttenwerks, das 1923 schloss. Das Schraubenwerk machte 1993 dicht.    

Foto: Sammlung Steeler Archiv

Essen-Horst.   Die Dahlhauser Straße in Essen verbindet Horst mit Steele und Bochum. Eisen- und Schraubenwerke bestimmten lange den Lebensrhythmus.

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Hätten Sie es gewusst? Im Volksmund wurde die Dahlhauser Straße früher Steeler Straße, öfter aber Schottländerweg genannt. Was dem Hüttenwerk Neu-Schottland geschuldet war, das ab 1856 Roheisen zu Stahl verarbeitete und 3000 Menschen in der Region Arbeit gab. „Erst im April 1905 machten die Gemeinderäte aus Freisenbruch, Horst und Königsteele diesen Namen offiziell, der noch zwei Jahrzehnte Bestand haben sollte“, verrät Harald Vogelsang vom Steeler Archiv.

Wichtige Route zwischen Steele und Bochum

Namen ändern sich, doch gestern wie heute gilt die Dahlhauser Straße als wichtige Route zwischen Steele und dem Bochumer Stadtteil Dahlhausen. Sie verbindet auf einer Länge von gut drei Kilometern den Stadtteil Horst mit Steele, Eiberg und Freisenbruch, um am Ende in die Dr. C. Otto-Straße zu münden.

Zusammen mit Vogelsangs Mitstreiter Hans Schelenz beginnt unsere Reise am Bahnhof Steele Ost – an einer Stelle, wo es eigentlich gar nicht weitergeht. In Höhe der Hausnummer 1, befindet sich nämlich ein Tunnel, der lange die Dahlhauser mit der Bochumer Straße – heute Bochumer Landstraße – verband.

Ehrgeizige Pläne gegen das Verkehrschaos

Während der Stadtteilsanierung wurde er zugemauert. „Das war ein Nadelöhr, vor dem sich oft der Verkehr in langen Schlangen staute,“ weiß Hans Schelenz. Geblieben ist nur der Fußgängertunnel.

Im Jahr 1974 präsentierte die Stadt ehrgeizige Pläne gegen das Verkehrschaos. Zwei Schnellstraßen, die „K5“ und „K12“, sollten alternative Wege von Steele ins neue Wohnquartier Hörsterfeld und von Horst nach Freisenbruch schaffen. „Doch daraus ist nie etwas geworden“, sagt Vogelsang.

Heute rollt der Verkehr streckenweise über die parallel verlaufende Ruhrau, die unter der stählernen Last ächzt, um sich später wieder auf die Dahlhauser Straße zu ergießen. So rumpeln heute auch Lkw durch Horst.

Mischung aus Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie

Der untere, ruhige Teil der Dahlhauser Straße ist geprägt von kleinen Wohnhäusern und dicht parkenden Autos der Anwohner. „Früher war hier richtig was los“, sagt Schelenz mit leichtem Bedauern. „Eine bunte Mischung aus Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie machte das Viertel lebenswert. In einer der damals zahlreichen Gaststätten, „Im Gemütlichen Eck“, schenkte Gastwirt Max Hansberg Aktienbier aus. In der Nähe fand sich auch das Schuhhaus Körner; und Wilhelm Krämer, Generalvertreter der Dortmunder Union-Brauerei, hatte hier seinen Sitz.

Sie alle fanden dort ihr Auskommen, weil im Hüttenwerk in drei Schichten rund um die Uhr geackert wurde. Da fiel sogar für die Anwohner ein netter Nebenverdienst ab, die ihre Zimmer im Dachgeschoss gerne an Kostgänger vermieteten. „Manchmal teilten sich drei davon ein Bett, je nach Schichtbetrieb“, sagt Vogelsang und fügt schmunzelnd an: „Einige schlossen sogar zarte Bande mit ihrer Wirtin.“

Zimmervermietung an Kostgänger

Kein Zweifel: Das Hüttenwerk gab den Lebenstakt an der Dahlhauser Straße vor. Als das Werk im Jahr 1923 schloss, war dies ein harter Schlag für das Quartier. Zwar blieb ein Teil der Arbeiter vor Ort, weil das Eisen- und Schraubenwerk – schon damals ein Bestandteil des Hüttenwerks – daraufhin ausgebaut wurde. Doch als auch dort am 30. September 1993 die letzte Schraube vom Band fiel, verebbte das gesellschaftliche Leben vor Ort zusehends.

„Im Gegensatz zum oberen Teil“, sagt Hans Schelenz. „Der ist bis heute Mittelpunkt von Horst geblieben, mit zahlreichen Geschäften und Kneipen.“ Wo früher das Hüttenwerk stand, findet sich ein Gewerbegebiet. Einige alte Werkshallen zeugen davon. Doch die sind in einem denkbar schlechten Zustand. So wie das ganze Gelände – bevölkert mit Getränkegroßmarkt, Fitnesscenter, Kfz-Werkstätten, Möbelwerkstatt und Kunstschaffenden – einen abgewirtschafteten Eindruck macht.

„Hallen sind steinernen Zeitzeugen.“

Jetzt hat ein Investor aus dem Frankfurter Raum, die Aurelis Estate, das Gelände übernommen. „Ich hoffe, dass wenigstens eine der Hallen erhalten bleibt“, sagt Vogelsang. „Das sind steinerne Zeitzeugen.“

Apropos: Gemeinsam mit Hans Schelenz hat Harald Vogelsang mit vielen Menschen über vergangene Zeiten geplaudert. Die beiden Heimatforscher arbeiten an einer Publikation über die Dahlhauser Straße. „Wer etwas zu erzählen weiß, ist im Steeler Archiv stets willkommen“, sagt Schelenz. Geschichten gibt es sicher reichlich, „weshalb wir die Straße in zwei Bereiche aufteilen.“ Die Grenze verläuft in Höhe der Bahnschranken, die sich sechsmal pro Stunde heben und senken – was oft die Linienbusse ausbremst.

Oberhalb der Schranken steht übrigens noch immer die Villa des ersten Generaldirektors des Hüttenwerks. Der ließ diese 1854, also noch vor Eröffnung des Werks bauen. Was er nicht bedachte: Die Eisenbahn kam erst 1863 und rauschte fortan dicht am „Schloss von Horst“ vorbei. So wurde die Fabrikantenvilla damals genannt.

>> Zur Serie„Essener Straßen“

In unserer Serie schreiben wir über historische, große, kleine, schöne und skurrile Straßen unserer Stadt. Viele Geschichten ranken sich um sie. Menschen aus den Stadtteilen erzählen die Anekdoten.

Wenn Sie ihre Straße einmal vorstellen möchten, dann nehmen wir Ihre Anregungen gerne auf. Schreiben Sie uns ihre Vorschläge per E-Mail an redaktion.stadtteile-essen@waz.de

Eine Übersicht aller bislang erschienenen Folgen der Serie gibt es hier.

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