Ausländische Patienten

Der Medizin-Tourismus in den Essener Krankenhäusern boomt

Etwas Hotel-Gefühl im Krankenhaus. Viele Häuser, wie hier die Kliniken Essen-Mitte, richten ihre Zimmer und Flure auf einigen Stationen besonders schick her.

Etwas Hotel-Gefühl im Krankenhaus. Viele Häuser, wie hier die Kliniken Essen-Mitte, richten ihre Zimmer und Flure auf einigen Stationen besonders schick her.

Foto: Matthias Graben

Essen.   Ausländische Patienten werden für die Stadt und die Kliniken immer wichtiger. Tausende kommen jedes Jahr. Sie erhalten eine Rundum-Betreuung.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ein Scheich samt Gefolgschaft in der Kardiologie. Ein Geschäftsmann aus der Ukraine in Zimmer acht der Augenklinik. So oder ähnlich lesen sich Belegungslisten der großen Essener Krankenhäuser. Ausländische Patienten werden für sie immer wichtiger. Tausende Menschen kommen jedes Jahr aus anderen Ländern hierher, um sich behandeln zu lassen. Rund 2000 waren es im Jahr 2014, sagt die Statistik, inzwischen sind es zwischen 3000 und 4000, schätzt Wirtschaftsförderer Winfried Book, der auch Koordinator der Geschäftsstelle „Essen forscht und heilt“ ist. Krankenhäuser, Stadt und Oberbürgermeister unterstützen diese Entwicklung.

Es ist so: Die ausländischen Patienten bringen nicht nur ihre Gesundheitsprobleme mit sondern auch Familie, Zeit und Geld. Sie wollen untergebracht werden, in Behandlungspausen etwas unternehmen, essen und einkaufen. Seit einiger Zeit orientiert sich Essen deshalb an einem Konzept für Medizintourismus.

Agenturen betreuen die Patienten

Darin heißt es, dass sich die Kliniken bereits vor mehr als zehn Jahren entschlossen haben, Exzellenzen zu entwickeln und deshalb auf dem Markt des Medizintourismus gute Chancen haben. Ausschlaggebend für den Erfolg sei, dass sich Essen im Ausland medizinkompetent, weltoffen, gastfreundlich, vielseitig und innovativ präsentiere.

Das deutsche Gesundheitswesen genießt weltweit einen exzellenten Ruf, da sind sich die Experten einig. „Aber an einigen Strukturen müssen wir in Essen noch arbeiten“, sagt Winfried Book. München beispielsweise habe eine städtische Agentur dafür geschaffen, Patienten aus dem Ausland rundum zu betreuen. Angefangen von der Akquise über die Vermittlung von Hotels und Dolmetschern bis hin zum Fahrdienst zur Edel-Boutique. In Essen übernehmen das private Patientenagenturen.

Die Krankenhäuser haben die Relevanz der oft zahlungskräftigen Patienten längst erkannt. „Große Häuser haben Abteilungen eingerichtet, die sich darauf spezialisiert haben. Sie sind multilingual aufgestellt“, sagt Winfried Book. Am Universitätsklinikum gibt es Patienteninformationen schon auf der Internetseite auf Englisch, Arabisch und Russisch. Und bei der Contilia-Gruppe, zu der das Elisabeth-Krankenhaus gehört, heißt es in einem Leitfaden, dass ausländische Patienten vor allem wegen des Prestiges zur Behandlung nach Deutschland kommen und weil sie kein Vertrauen in die Medizin ihres Heimatlandes hätten.

Viele kommen aus den Niederlanden und Russland

Uniklinik gegen DRK-Schwesternschaft: Tauziehen ums Personal Viele Kliniken möchten Medizintouristen den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen. Dazu modernisieren sie ihre Zimmer, bieten Begrüßungspakete mit Bademantel und Schlappen wie im Hotel, speisen viele fremdsprachige TV-Sender ein und halten ausländische Zeitungen bereit. „Essen ist hinter Köln der bedeutendste Medizinstandort in NRW und wird für ausländische Patienten immer attraktiver“, sagt Book.

Wie intensiv Medizin-Touristen die Angebote außerhalb der Krankenhäuser nutzen, also Kultur, Shopping und Hotels, können die Experten nicht genau sagen. Aber auch Einrichtungen wie Theater, Philharmonie, Zollverein oder der Grugapark werden in das Konzept für Medizintourismus eingebunden und können von der Finanzkraft der Patienten profitieren.

Rund 6000 Krankenhausbetten

Zwar suche auch die Großfamilie aus Dubai oder der Scheich aus der arabischen Welt Hilfe in Essen, der größte Teil der Reisenden in Sachen Gesundheit komme aber aus den Niederlanden oder den ehemaligen Sowjetstaaten, sagt Wirtschaftsförderer Winfried Book.

Mit rund 6000 Krankenhausbetten sei Essen für sie eine wichtige Marke auf der großen Landkarte der medizinischen Versorgung und gefragt vor allem aufgrund etlicher Spezialisten auf Gebieten wie der Augenheilkunde, der Radiologie oder der Protonentherapie zur Behandlung von Tumoren. Doch Kompetenz allein reicht nicht. Auch die Vermarktung spielt eine Rolle. „Es bedarf der Zusammenführung der Essener Medizin mit den Standortqualitäten der Stadt und der Region“, heißt es in dem Konzept. Hier sehen Experten wie Book noch Potenzial bei der Außendarstellung, beispielsweise auf internationalen Messen.

>>> Einnahmen kommen allen Patienten zugute

  • Es kommt vor, dass sich einheimische Patienten benachteiligt fühlen. Experte Winfried Book warnt aber davor, das Modell zu verteufeln. „Es werden Einnahmen generiert, die allen zugute kommen.“
  • Wenn mehr Patienten nach Essen kommen und so moderne Untersuchungsgeräte angeschafft werden, profitiere jeder.
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik