Versteckt auf einem Berg in Kettwig und umgeben von 130 Hektar Wald liegt das Schloss Landsberg. Bekannt als letzter Wohnsitz von August Thyssen hat das Essener Schloss nach dem Tod des Industriellen 1926 verschiedene Nutzen gehabt: Sitz eines Reichsstabes der NSDAP, Kindererholungsheim nach dem Krieg, Freizeitheim der evangelischen Kirche. Vor knapp 30 Jahren ließ die August Thyssen-Stiftung das Schloss in seinen Originalzustand versetzen, um dem verstorbenen Industriepionier zu gedenken. Unsere Aktion „WAZ öffnet Pforten“ führte die Leser nun in das Gebäude.

Anders als die Villa Hügel, dem Sitz der Krupp-Stiftung, ist Schloss Landsberg der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Seit 1992 wird es von Thyssenkrupp als Schulungszentrum genutzt. Gästeführer Christoph Wilmer ist freier Historiker und begleitet zu seltenen Anlässen Gäste durch das Anwesen.

Ein Sammlung von Stilbrüchen

Das an eine Burg angelehnte Bauwerk dient den Seminarteilnehmern heutzutage als Unterbringung.
Das an eine Burg angelehnte Bauwerk dient den Seminarteilnehmern heutzutage als Unterbringung.© Christof Köpsel

Schnell wird klar: Langweilig wird es bei dieser Führung nicht, denn das Ergebnis einer umfassenden Renovierung im Jahr 1903 ist eine Mischung diverser Stile, die entweder als harmonisches Miteinander oder als eine Sammlung von Stilbrüchen beschrieben werden kann: „Das können Sie gerne selbst entscheiden“, scherzt der Gästeführer.

Obwohl Thyssen kein großer Kunstsammler gewesen ist, werden die Besucher im altdeutschen Eingangsbereich von zwei Statuen von Auguste Rodin begrüßt, sowie mit imposanten Porträts von Thyssen selbst und Reichskanzler Bismarck. Auch in der Kunstsammlung wartet die nächste Überraschung: „Thyssen war es relativ gleich, ob das Kunstwerk ein Original ist oder nicht. Schließlich hätten auch die Fälschungen Geld gekostet“, erzählt Wilmer.

Zeitzeuge besucht Schloss Landsberg

Obwohl Thyssen ein eher schlichtes Leben führte, wird in manchen Zimmern die Extravaganz gefeiert. Der Empfangssalon im Stil Ludwig XVI., das Esszimmer im dunklen englischen Landhausstil, der Wintergarten im Jugendstil und der Rittersaal mit seinen Deckengemälden sind nur einige Beispiele, die die Leser mit Faszination betrachten.

Ein selten genutztes Badezimmer

Thyssens Gästebad im Jugendstil stammte von der Pariser Weltausstellung und glänzte durch eine moderne, tiefe Badewanne und eine Seerosenteich-Optik. Es ist einer der Höhepunkte der Führung.

Der Hausherr selbst betrat das Bad nach seiner Fertigstellung jedoch nur ein einziges Mal; dabei rutschte er in der Badewanne aus und brach sich das Bein.

Leser Siegfried Gocke hat eine ganz besondere Beziehung zum Anwesen: 1948 hat er einen Monat hier gelebt, als das Schloss zum Erholungsheim für Kinder umgewandelt worden war. „Ich stand schon öfters hier vor der Tür, bin aber nie hereingekommen. Umso schöner war es heute, endlich mal wieder hier zu sein.“

Kunst fasziniert ebenso wie die Geschichte

Er hat gute Erinnerungen an die Zeit im Schloss. „Außer an den Mittagsschlaf, den wir halten mussten, dort wo heute der Wintergarten ist. So schön sah es hier damals nicht aus. Ich bin aber froh, hier gewesen zu sein.“ Auch Tochter Andrea Böhnke hat die Führung genossen. „Es war sehr interessant und ganz anders als die Villa Hügel. Die Kunst hat mich besonders fasziniert genauso wie die verschiedenen Raumstile. Eine besondere Möglichkeit, dieses Haus kennenzulernen.“