Essen-Horst. . Ende 1911 verließ Ambrosio Gianetta seine Heimat, um als Leiharbeiter sein Glück in den Horster Hüttenwerken zu suchen. Doch was er fand, war der Tod.

Dies ist die tragische Geschichte des Italieners Ambrosio Gianetta, der Ende des Jahres 1911 seine Heimat verließ, um im Horster Hüttenwerk – einst Neu-Schottland – sein Glück zu suchen. Doch was er fand, war der Tod.

Das Licht der Welt erblickte Ambrosio am 17. Juni 1887 im sonnigen Martina, einer kleinen Gemeinde in der Provinz Tarent in Apulien. Für Landesunkundige ist dies in etwa dort, wo die Ferse des italienischen Stiefels endet und sein Absatz beginnt. Anders ausgedrückt: rund 1800 Kilometer von Steele entfernt.

Gastarbeiter des Kaisers

Dass Ambrosio – zum Zeitpunkt seiner Ankunft 24 Jahre jung – diese strapaziöse Reise auf sich nahm, hatte gute Gründe. Ähnlich wie die stark expandierenden Bergwerkgesellschaften suchte schon zu Kaisers Zeiten auch die Schwerindustrie ständig Personal, um der stetig wachsenden Produktion Rechnung zu tragen. „Gianetta war im Grunde nichts anderes als ein Gastarbeiter, so wie wir ihn aus den 1950er bzw. 1960er-Jahren kennen“, erklärt Harald Vogelsang vom Steeler Archiv.

Mit einem kleinen Unterschied: „Ambrosio war nicht nur ein Arbeitsmigrant, sondern auch Leiharbeiter“, wie Vogelsang nach intensiver Recherche im Stadtarchiv Essen in Erfahrung brachte. Die Firma Heinrich Mölders (Mülheim/Ruhr) hatte Gianetta als Hilfsarbeiter an das Hüttenwerk vermittelt. „Als Indiz mag die Tatsache dienen, dass er nicht in der Werkskrankenkasse der Hütte, sondern bei der Ortskrankenkasse Mülheim versichert war“, wie Vogelsang herausfand.

Mächtige und sechs Meter hohe Ziegelmauern

Schon damals benötigten die Hüttenwerke zur Einschmelzung von Roheisen große Mengen an Koks, Erz und Kalk. In Horst existierten im Hüttenwerk, das ab 1873 Union Horst und ab 1910 Deutsch-Luxemburger Bergwerks- und Hütten AG hieß, zwei Hochöfen, wo der Koks selbst hergestellt wurde. Dieses Material wurde von den Versandstationen in Güterwagen der Königlich-Preußischen Eisenbahn zum Bahnhof Steele transportiert.

Im westlichen Teil der Steeler Hütte lag der „Möllerplatz“, wo 16 mächtige und sechs Meter hohe Ziegelmauern zu finden waren, über die drei Eisenbahngleise führten. Die Fracht der Waggons wurde in die darunter liegenden 17 Kammern, kurz „Bock“ genannt, gekippt und nach Bedarf von Arbeitern in Schienenwagen verladen und zum Hochofen gebracht. Einer dieser Hilfsarbeiter hieß Ambrosio Gianetta.

Jährlich 35.000 Tonnen Roheisen

Damals wurden in Horst jährlich 35.000 Tonnen Roheisen produziert. Dass dazu ca. 130 000 Tonnen Erz, Koks und weitere Zuschläge erforderlich waren, zeigt, wie sehr Ambrosio und seine Kollegen in drei Schichten täglich schuften mussten. Seit zehn Monaten arbeitete Gianetta schon an den Hochöfen, war zuletzt in der Erzbrücke beschäftigt – dann nahm das Schicksal seinen verhängnisvollen Lauf.

An jenem Tag, es war der 23. September 1912, stürzte gegen 15 Uhr eine Mauer der Erzbrücke im Hüttenwerk Horst ein und begrub den armen Ambrosio unter sich. Wie sein Kollege und Landsmann Servino Bomcampagni später zu Protokoll gab, habe ihn Gianetta kurz vor dem Einsturz auf herabfallenden Sand hingewiesen. Er schien die Katastrophe geahnt zu haben, verhindern konnte er sie nicht.

Insgesamt 26 Jahre lang erfüllten die mächtigen Mauern ihren Zweck, dann brach das Unheil über Ambrosio herein. Im Polizeibericht wurde genau beschrieben, was die tonnenschwere Last von Gianetta übrig ließ. Weniger Fantasiebegabten mag das Bild einer Fliege genügen, die ihr Leben unter einer zusammengerollten Zeitung aushaucht. Gianetta ging als Nr. 45 des Jahres 1912 in das Sterberegister der Horster Gemeinde St. Joseph ein. Zum Zeitpunkt seines Todes trug er 520 Mark Bargeld bei sich. Ambrosio hatte also gutes Geld verdient – doch genutzt hat ihm das am Ende leider nichts.