Stadtplanung

Anwohner der Gladbecker Straße wehren sich gegen Abrisspläne

Reinhard Schmidt, Hausbesitzer und Anwohner an der Gladbecker Straße, hält nichts von den Abriss-Plänen der Stadt.

Reinhard Schmidt, Hausbesitzer und Anwohner an der Gladbecker Straße, hält nichts von den Abriss-Plänen der Stadt.

Foto: STEFAN AREND

Essen.   Die Stadt möchte entlang der Gladbecker Straße Häuser abreißen und Platz schaffen – für bessere Luft. Geprüft wird auch der sechsspurige Ausbau.

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Manchmal reichen schon ein paar Eimer Farbe. So macht die Stadt Essen Hausbesitzern das neu aufgelegte Fassadenprogramm schmackhaft. Wer seine Immobilie aufhübscht, bekommt einen Batzen Geld. Die Stadt übernimmt bis zu 50 Prozent der Kosten. Wer nicht zum Pinsel greift, ist selber schuld.

Das Haus von Reinhard Schmidt könnte einen neuen Anstrich wohl vertragen, doch auf einen üppigen Zuschuss aus dem Fassadenprogramm kann der Eigentümer nicht bauen. Schmidts Haus liegt an der Gladbecker Straße. Die Stadt würde es gerne kaufen und abreißen. So wie die Häuser nebenan. Reinhard Schmidt hat dafür nur Sarkasmus übrig: „ Schönen Dank, dass ihr uns 30 Jahre habt hängen lassen. Jetzt verkaufen wir gerne für einen Appel und ein Ei.“

Kaufen und abreißen – das sieht der „Rahmenplan Gladbecker Straße“ vor. Aus Sicht der Stadt ist es die einzig realistische Chance, die Lebensqualität entlang der Nord-Süd-Achse in absehbarer Zeit zu verbessern. Mit 47 000 Kraftfahrzeugen pro Tag zählt die Gladbecker Straße zu den meist befahrenen Straßen der Stadt. Wenn von zu hoher Luftbelastung die Rede ist, von Feinstaub, Stickstoffdioxiden und möglichen Fahrverboten, steht die Gladbecker ganz weit oben auf der Liste.

47 000 Kraftfahrzeuge pro Tag sorgen für dicke Luft

Diverse Expertenrunden haben sich deshalb Gedanken gemacht, was zu tun wäre. Einen Tunnel bauen? Zu teuer. Den Verkehr über Umgehungsstraßen lenken? Über welche? Die A 52 endlich durch den Essener Norden vorantreiben? Die Autobahn würde den Verkehr auf der Gladbecker um 25 Prozent reduzieren, mit fast 35 000 Fahrzeugen täglich bliebe die Bundesstraße aber hoch belastet. Nach mehr als 30 Jahren politischer Debatte findet sich der Lückenschluss im Bundesverkehrswegeplan als „weiterer Bedarf“ unter ferner liefen. Auch in den nächsten 15 Jahren ist mit dem Bau der Trasse nicht zu rechnen.

Zielführender sei da der Weg „durch die Mitte“; so lautet der Vorschlag, den die Verwaltung im Rahmenplan favorisiert. Der Straßenraum soll verbreitert werden, Häuser auf der westlichen Seite zwischen dem Berthold-Beitz-Boulevard und der Hövelstraße, die zu dicht an die Straße heranreichen, sollen abgerissen werden, zurückversetzt könnte neu gebaut werden. Da mache es keinen Sinn, die Erneuerung von Fassaden zu fördern, sagt Stefan Schwarz vom Amt für Stadterneuerung. Es wäre rausgeschmissenes Geld. Der Abriss der Häuserzeile würde zwar weder den Verkehrsfluss auf der Gladbecker Straße erhöhen, noch dafür sorgen, dass die Lärmbelastung sinkt. Der Straßenraum würde jedoch besser durchlüftet, die Schadstoffwerte am Messcontainer des Landesumweltamtes dürften sinken.

„Plötzlich sind die Häuser das Problem“

„Plötzlich sind die Häuser das Problem und nicht der Verkehr“, kommentiert Reinhard Schmidt, selbst Stadtplaner von Beruf. Misstrauisch mache auch, dass die Verwaltung auf Antrag von CDU und SPD nicht nur prüft, ob sich der Verkehr wechselweise über drei Spuren führen ließe – morgens stadteinwärts, abends stadtauswärts. Sogar ein sechsspuriger Ausbau scheint zumindest für die Mehrheit im Rat eine denkbare Option. „Wer will schon an einer sechsspurigen Straße neu bauen“, fragt der Anlieger.

Wie Stefan Schwarz berichtet, hat sein Amt mit etwa zehn Hausbesitzern zwischen Pörtgenweg und Bäuminghausstraße gesprochen. Die Hälfte habe signalisiert, dass sie durchaus bereit sei zu verkaufen. Reinhard Schmidt fürchtet, die Stadt könnte eine Abwärtsspirale in Gang setzen, in dem sie Spekulanten auf den Plan ruft. Schon bei der Versteigerung der „Schrottimmobilien“ an der Ecke Hövelstraße hatte die Stadt den Kürzeren gezogen. Der neue Eigentümer hat neue Türen und Fenster einbauen lassen, die Fassaden sind weiß gestrichen. Offene Rechnungen bei den Versorgungsträgern seien bezahlt, heißt es. Einem Enteignungsverfahren, über das sie in der Verwaltung nachdenken, dürfte er entspannt entgegen sehen. Billig zu haben sein dürften die Häuser jedenfalls nicht.

Wie geht es weiter, wenn Anwohner nicht verkaufen wollen? Leute wie Reinhard Schmidt. Laut Stefan Schwarz soll eine Machbarkeitsstudie erstellt werden, die auch diese Frage beantwortet. Bleibt am Ende gar alles wie es ist? Reinhard Schmidt sagt, den Anwohnern wäre schon geholfen, wenn die Stadt das Machbare umsetzen würde, zum Beispiel Tempo 30 in der Nacht. Mit neuen Schildern und ein bisschen Farbe wäre das doch leicht getan.

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