Bergbau

950 Meter unter Tage - Grubenfahrt zur 14. Sohle von Zollverein in Essen

Die fast menschenleere Pumpenkammer auf der 14. Sohle von Zollverein gleicht einer riesigen Maschinenhalle.

Die fast menschenleere Pumpenkammer auf der 14. Sohle von Zollverein gleicht einer riesigen Maschinenhalle.

Foto: RAG

Essen.   Vor bald 30 Jahren wurde auf Zollverein die letzte Tonne Kohle gefördert. Heute sorgen eine Handvoll Kumpel dafür, dass Grubenwasser nicht ins Trinkwasser gelangt.

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Schacht XII auf Zollverein – am Fuße des majestätischen Doppelbocks: Es ist morgens kurz nach zehn, als sich der schmale, stählerne Korb sanft in Bewegung setzt. Nur Bergleute verstehen auf Anhieb das kräftige „4-1-3“-Signal des Anschlägers, es bedeutet: „Selbstfahrer-Seilfahrt-hängen“. Also abwärts. Unser Ziel: die 14. Sohle in einer Teufe von 950 Metern. „Der Korb schafft zwei Meter pro Sekunde“, sagt Maschinensteiger Mike Hartung (33) und wirft den schmalen Lichtkegel seiner Grubenlampe aufs oberarmdicke Gegenseil.

950 Meter abwärts durch stockfinsteres Gebirge. In der Blütezeit von Zollverein brachte dieser schmale Korb jeden Tag Hunderte Kumpel in die Abbaubetriebe. Das ist bald 30 Jahre her, die letzte Tonne Kohle wurde 1986 gefördert.

Heute ist Zollverein über Tage Weltkulturerbe – ein schillerndes Denkmal wie der Kölner Dom. Ein Museums-Touristenmagnet, wo die ein Dutzend verbliebenen Bergleute wie Exoten aus einer Disney-Inszenierung wirken. Als Mike Hartung eines Tages von Schacht II zu Schacht XII lief, musste er schmunzeln, weil sich Touristen ungläubig die Augen rieben. „Die haben wirklich gedacht, ich sei ein Statist, ein verkleideter Kumpel-Darsteller.“

Wassergefüllte Wannen als Explosionsschutz

Nach gut acht Minuten erreichen wir die 14. Sohle. Am alten Füllort empfängt uns helles Neonlicht, Druckluftrohre und Elektrokabel sowie wassergefüllte Wannen als Explosionsschutz säumen die Strecke: eine aufgeräumte, saubere Zeche. Weil Schacht XII ein einziehender ist, also frische Wetter durchlässt, weht uns plötzlich eine kühle, steife Brise um die Helme. Bergleute lieben diese extremen Gegensätze unter Tage. „Mal ist es hier unten heiß wie in der Sauna, mal eiskalt wie auf einer Polarstation“, sagt Hartung.

300 Meter weiter und wir stehen in der Pumpenkammer, das Herz des Untertagebetriebes, der so genannten Wasserhaltung. Ein riesige Maschinenhalle, hoch wie ein Einfamilienhaus. Sechs mächtige Haupt- und zwei Vorpumpen, rund um die Uhr in Betrieb erzeugen hier ein ohrenbetäubendes Dauerbrummen. Stefan Thieser, der auf Pluto in Herne die gesamte RAG-Wasserhaltung leitet, erklärt, worum es dabei geht: „Salzhaltiges Grubenwasser darf auf keinen Fall mit Grund- und Trinkwasser in Berührung kommen.“

Eine Handvoll Schlosser und Elektriker kümmert sich um die Wasserhaltung

Zu sehen ist hier unten nichts von diesem salzigen Grubenwasser. Einst war es als Regen auf die Erde gefallen, dann sickerte es durch Risse und Klüfte, durch ausgekohlte Flöze und verfüllte Schächte, bis es ganz unten angekommen reich ist an Magnesium und Eisen, Sulfaten und Salpeter.

Lediglich eine Handvoll Schlosser und Elektriker kümmert sich um die Wasserhaltung auf Zollverein. Aus Essen, der einst größten Zechenstadt der Welt, kommt übrigens kein einziger. Jürgen Schmitz (49) aus Voerde wartet diesen Pumpenpark. Die 300 Mann aus der gesamten RAG-Wasserhaltung kennen sich, sind wie eine kleine Familie. „Glückauf Mike“, grüßt der Schlosser den Steiger. Dann zückt er den Schnupftabak mit seinen Lieblingssorten „Jubiläum“ und „Glückauf“ und lädt uns zum wohltuenden Prisen ein.