Kinojubiläum

90 Jahre Lichtburg: Kinogeschichte mit Größe und Grandezza

Mit 1250 Plätzen ist die Lichtburg heute das größte und für viele auch schönste Filmtheater im Land.

Mit 1250 Plätzen ist die Lichtburg heute das größte und für viele auch schönste Filmtheater im Land.

Foto: Ulrich von Born

Essen.   90 Jahre Lichtburg: Gratulanten, die auf und hinter der Bühne des Traditionskinos wirken, sprechen über ihre Faszination für das Filmtheater.

Dass die Lichtburg mehr als „nur“ ein Kino ist — diesen Beweis führt die Lichtspielhaus-Ikone seit 90 Jahren. War das imposante Gebäude am Burgplatz bei seiner Eröffnung 1928 ein technisches und kulturpolitisches Signal, ein Zeichen für Größe und Grandezza der Großstadt, steht es heute als unerschütterliche Konstante in der Kulturlandschaft da. Eine Chiffre für das, was Kino einmal war oder wieder ist. Ein bundesweit einmaliges Premierenkino, das bislang noch jeden verzaubert hat, der auf der großen Bühne gestanden hat, die das Haus gleichzeitig zum multifunktionalen Raum für Konzerte und Live-Veranstaltungen macht.

Am Donnerstag, 18. Oktober, wird der 90. Geburtstag dieses Lichtspiel-Juwels mit einem Festakt gefeiert. Stars wie Mario Adorf, Wim Wenders und Christoph Ott werden gratulieren. Und auch das Publikum wird der Kultur-Bastion an der Kettwiger die Aufwartung machen.

„Vill passiert“ ist in den vergangenen 90 Jahren, möchte man mit BAP-Sänger Wolfgang Niedecken sagen, der neben Regisseur Wim Wenders zu den prominenten Rettern der Lichtburg gehört, die mehr als einmal in die Krise geraten ist. Schon in den 1930er Jahren ziehen erste dunkle Wolken über das Gebäude, als der damalige Kinobetreiber Karl Wolffsohn die Lichtburg unter dem Druck der Nationalsozialisten zwecks „Arisierung“ weit unter Wert verkaufen muss. Die UFA macht das Premierenkino zeitweise zum Abspielort für Propagandafilme. Als der imposante Kinosaal mit damals noch über 1600 Plätzen nach einem Bombenangriff 1943 in Flammen aufgeht, wird zum ersten Mal über eine mögliche Umnutzung zum Theatersaal diskutiert.

Doch der Neuanfang gelingt. 1950 startet die Lichtburg unter Leitung des Filmtheaterbetriebs Menz und Jaeck in eine neue Ära. Das Kino wird zum Traumpalast der 1950er-Jahre-Illusionen, zum Symbol des Wiederaufbaus. Der Heimatfilm hat Hochkonjunktur. Und als Hollywood-Star Gary Cooper 1953 die deutsche Erstaufführung von „12 Uhr mittags“ in Essen feiert, avanciert die Lichtburg zum wichtigsten Premierenkino Deutschlands. Hans Albers und Heinz Rühmann stehen ebenso auf dem Roten Teppich wie Zarah Leander und Lex Barker.

Doch als Fernseher, später dann Videorekorder und DVD-Player in die Wohnzimmer einziehen, geht die große Zeit des Filmpalastes zu Ende. Anfang der 90er steht es Spitz auf Knopf. Während in Essen das größte deutsche Multiplexkino mit 16 Sälen eröffnet, tragen sich die Stadtväter mit dem Gedanken, die in die Jahre gekommene Immobilie zu verkaufen. Der Abriss droht.

Doch der Protest ist mächtig, zunächst lokal, dann bundesweit. Kulturbeirat, Filmschaffende, Politiker und Medien kämpfen gegen die Aufgabe der Lichtburg, die erst Konzerthaus, dann ein Revuetheater werden soll. Den engagierten Kinobetreibern Hanns-Peter Hüster und Marianne Menze, die das Haus zunächst interimsmäßig übernehmen, gelingt die Großtat, Publikum und Filmschaffende zurückzugewinnen. Als Hollywoodstar Pierce Brosnan 1998 zur Premiere von „Der amerikanische Neffe“ mit dem Hubschrauber eingeflogen wird, ist das auch Signal für einen neuen Höhenflug des Kinos. Heute gehören Welt- und Deutschland-Premieren mit Stars wie Katja Riemann, Daniel Brühl, Til Schweiger oder Helena Bonham-Carter wieder zum festen Programm. Und so steht die heute denkmalgeschützte Lichtburg seit 90 Jahren für ein ganz besonderes Kinoerlebnis.

Bild gut, Ton gut – Filmvorführer Udo Lütteken macht das glücklich 

Er ist Filmvorführer mit Leib und Seele: Seit über 50 Jahren hat Udo Lütteken in rund 20 Kinos von Bochum bis München dafür gesorgt, dass Bild und Ton stimmen. Neben der Schule, der Bundeswehr und dem eigentlichen Beruf als Betriebs- und Verwaltungswirt ist er seiner Leidenschaft nachgegangen: Das liegt mir einfach im Blut“, sagt der 69-Jährige, der nunmehr genau 20 Jahre in der Lichtburg zur Belegschaft gehört.

In diesem schönen, historischen Kino zu arbeiten, war schon lange sein Wunsch. „Die alte Lady ist einmalig“, betont er. „Andere Vorführer beneiden mich, dass ich im größten Einzelkino arbeite.“ Betreiberin Ilse Menz lehnte ihn in den 1970er Jahren ab, die Essener Filmkunsttheater GmbH mit ihrer Chefin Marianne Menze als Betreiberin nahm ihn 1998 mit Kusshand. Denn dieser technisch versierte Mann kann alles vorführen – 35-mm-Filme, 70-mm-Filme bis hin zu IMAX. Die Umstellung auf digitale Projektion 2007 überstand er unbeschadet und gehört mittlerweile einem aussterbenden Berufsstand an. Hunderte von Filmvorführern fielen ihr deutschlandweit zum Opfer. „Ich bin glücklich. Es ist ein Luxus, dass wir beide Formate, analog und digital, haben“, so Udo Lütteken. Der Action-, Abenteuer- oder auch Westernfan sorgt dafür, dass Bild- und Tonqualität auf dem neuen Stand sind und „perfekt rüberkommen“.

Seine tägliche Anwesenheit ist bei den regulären Kinovorführungen nicht mehr notwendig. Die Filme werden vorab programmiert und können selbst vom Laptop aus gestartet werden. Und sollte doch mal etwas nicht rund laufen, reicht meistens sein Ratschlag per Telefon. „Das passiert selten. Die Technik ist recht zuverlässig“, weiß Lütteken.

„Joachim Król habe ich einen Crashkurs im Filmvorführen gegeben“

Zugleich schätzt er die traditionelle Zeremonie, die hier vor jeder Vorstellung stattfindet: „Ich würde nie in einem Kino arbeiten, in dem es keinen Vorhang gibt.“ Er genießt die Premieren und andere Sonderveranstaltungen, bei denen er stets am Platz ist, damit nichts schief läuft. „Peter Ustinov und Pierce Brosnan waren schon echte Hausnummern. Dem Joachim Król habe ich beim Dreh des BAP-Films sogar einen Crashkurs im Filmvorführen gegeben“, erzählt Udo Lütteken und wünscht der Lichtburg ein langes Leben mit vielen Besuchern. „Den 100. Geburtstag in zehn Jahren müsste ich noch schaffen.“

Oliver Flothkötter hat die Kinoleidenschaft zum Beruf gemacht 

Oliver Flothkötter hat einen Job, von denen es in der Republik nicht viele gibt. Assistenz der Theaterleitung heißt der offiziell. Aber das ist natürlich eine ziemlich nüchterne Beschreibung für die in einen Arbeitsvertrag gekleidete Kinoleidenschaft. Der Paderborner Filmliebhaber, der Medien- und Filmwirtschaft studiert hat, ist von dieser Leidenschaft früh gepackt worden. Schon als Zwölfjähriger hat er sich auf Zelluloid verschrieben, als Student hat er später das Uni-Kino organisiert. Und als ihm 2016 zu Ohren kam, dass die Lichtburg noch Verstärkung sucht, da hat der heute 27-Jährige nicht gezögert, in Deutschlands größtem und schönstem Filmpalast vorzusprechen.

Tief in die Historie eingetaucht

Wie vielseitig dieses Filmtheater ist, hatte Flothkötter da schon mehrfach als Besucher erlebt. Bei einer Stummfilm-Vorstellung von „Nosferatu“, in Tarantinos fulminantem Western „The Hateful 8“, den die Lichtburg als eines von ganz wenigen ausgewählten Kinos in Deutschland im analogen 70mm-Breitwand-Format zeigen konnte. Und das Gastspiel der Gruppe „Kraftwerk“ hat Flothkötter auch nicht verpasst. Die sieben ausverkauften Auftritte der Düsseldorfer Elektronik-Pioniere waren für die Lichtburg auch der Durchbruch als viel gefragter Konzertort.

Im langjährig eingespielten Lichtburg-Team gehört der 27-Jährige heute zu den jüngsten Mitarbeitern und das ist für Flothkötter natürlich eine besondere Herausforderung, „tief in die Historie einzutauchen“. Mit der Geschichte des Hauses hat er sich nicht erst zum 90. Geburtstag beschäftigt, sondern schon als Vorbereitung zu den Kinoführungen, die er manchmal übernimmt. Da trifft er auf Besucher, die selbst schon eine lange Geschichte mit der Lichtburg teilen. Gleich bei seiner ersten Führung war ein Gast dabei, der 1957 bereits „Die Brücke am Kwai“ gesehen hatte. „Da beneide ich Sie“, sagt Oliver Flothkötter dann und ist sich sicher, dass die Mischung aus großen Kinopremieren, Konzert und Kabarett noch viele Generationen in die Lichtburg führen wird.

Für Komiker Otto Waalkes hat Nina Kassmann schon mal Honig eingekauft 

Kinobesucher treffen Nina Kassmann meist an der Kasse oder an der Theke. Und zwar schon einige Jahre. Sie studiert an der Fernuni Hagen Psychologie, und den passenden Studentenjob hat sie im rund 35-köpfigen Team der Lichtburg gefunden. „Echt schön, hier zu arbeiten. Im normalen Betrieb ist es entspannt, bei den Veranstaltungen stressiger, doch nichts im Vergleich zu den Erfahrungen, die ich mit Jobs in der Gastronomie gemacht habe“, erzählt sie.

Die Abläufe der fünf Schichten kennt sie aus dem Effeff und weiß den variablen Einsatz zu schätzen. Die Kasse wird um 12 Uhr geöffnet. Besonders montags, wenn die Originalversionen gezeigt werden, trifft sie Kunden, die sie kennt: „Man spricht über Filme, über Gott und die Welt, auch mal über Probleme“, sagt Nina Kassmann, die selbst schlichten kann, wenn sie auf enttäuschte oder nicht so nette Zeitgenossen stößt. An der Theke geht es eine Stunde vor Vorstellungsbeginn los. Alles muss blitzeblank sein, die Süßwaren müssen hübsch angeordnet, die Regale aufgefüllt, die Toiletten kontrolliert sein, bevor der erste Besucher die Lichtburg betritt. Zwischendurch gibt es Lagergänge oder andere Arbeiten zu erledigen. „Niemand ist acht Stunden im Kassenhäuschen angenagelt.“

Bei den Premieren gibt es weit mehr zu tun, als Popcorn, Eis und Cola zu verkaufen. „Blumenmädchen war ich noch nie. Mikros auf der Bühne anstellen und den Gästen anreichen, war schon sehr aufregend. Man kellnert auch in der Filmbar und trifft die Künstler“, berichtet die 31-Jährige, die für Otto Waalkes schon mal Honig eingekauft hat. Den Kabarettisten Hagen Rether mag sie gerne, Daniel Brühl hat sie „positiv überrascht“, Rafael Cortés hat ihr für den schönen Abend gedankt, Florian David Fitz findet sie cool. „Für wirkliche Schwärmerei bin ich aber zu alt. Ich kann mich einfach glücklich schätzen.“

Wenn Nina Kassmann nicht arbeitet oder studiert, steht sie als Schauspielerin auf der Bühne des Theater Essen Süd. Sie wirkt in der Bühnenversion des Films „Pulp Fiction“ mit. Das ist ihre große Leidenschaft. Daher wünscht sie der Lichtburg für die Zukunft, „dass die Kinolust nicht nachlässt und dass es mal Theaterstücke auf der Bühne zu sehen gibt. Das wäre super.“

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