Grundschulen

500 Essener Eltern verbummeln Grundschul-Anmeldungen

So gut wie sie haben es nicht alle Grundschulkinder: Paul, Mryam, Ben und Shadya (von links) haben in diesem Sommer ihre Schullaufbahn begonnen – ein Bild von der Einschulungsfeier der Bergerhauser Theodor-Heuss-Schule.

So gut wie sie haben es nicht alle Grundschulkinder: Paul, Mryam, Ben und Shadya (von links) haben in diesem Sommer ihre Schullaufbahn begonnen – ein Bild von der Einschulungsfeier der Bergerhauser Theodor-Heuss-Schule.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Etwa zehn Prozent der künftigen i-Dötzchen sind nicht fristgerecht angemeldet worden. Schulleiter erklären in aller Offenheit, woran das liegt.

Rund 5200 Kinder starten im nächsten Sommer ihre Schulzeit, doch der Stadtverwaltung Essen fehlen auch nach dem Ende der offiziellen Fristen noch rund 500 Grundschul-Anmeldungen – rund zehn Prozent der Eltern haben sie verbummelt. Das sind Zustände, die bei Praktikern und in der Verwaltung seit Jahren als „normal“ hingenommen werden.

In der Vergangenheit gab es sogar schon Jahre, in denen nach den üblichen Anmelde-Tagen 15 Prozent der Kinder noch nicht registriert waren. Sie alle werden erfahrungsgemäß später angemeldet – bis Ostern dauert die Prozedur.

Jetzt erklären Leiter von Essener Grundschulen in ungewöhnlich deutlichen Worten, woran das liegt: „Viele Väter und Mütter können das einfach nicht – ihr Kind anmelden. Selbst, wenn es sich um ein Geschwisterkind handelt“, sagt der Leiter einer Grundschule im Südostviertel. Das liege vor allem an fehlenden Sprachkenntnissen.

An seiner eigenen Schule wurden im Oktober an den Stichtagen 66 Kinder angemeldet; an Nachzüglern erwartet er ein weiteres Drittel. „Wir bräuchten Kümmerer im Stadtteil, die die Familien kennen, denn das Engagement von Schule und Kindergärten reicht nicht aus.“

„Amtliche Schreiben kommen einfach nicht an“

Eine Schulleiterin im Westen der Stadt spricht ebenfalls Klartext: „Wir haben mit Kulturkreisen zu tun, die keinen Namen auf dem Briefkasten haben. Amtliche Schreiben kommen einfach nicht an.“ Und wenn doch, dann werden sie nicht verstanden: „Das liegt nicht nur an mangelnden Sprachkenntnissen, sondern auch am mangelnden Verständnis für die Wichtigkeit von Amtsschreiben.“

Gleiches gelte für die verbindliche Vereinbarung von Terminen, „die von manchen Eltern als lose Empfehlung missinterpretiert würden. „Da bleibt man dann alleine sitzen, und die Eltern stehen einen Tag später in der Tür.“ Ganz abgesehen von Familien, die heute hier und morgen dort wohnen und einem Verständnis-Problem, das offenbar nicht immer echt ist: „Manche Väter und Mütter stellen sich extra dumm. Die haben eine klare Konsumenten-Haltung, mehr nicht.

Die schaffen es immer, Geld für Schulmaterial beim Job-Center abzugreifen, doch das Kind bekommt zum ersten Schultag nicht einen einzigen Stift.“

In den schlimmsten Fällen hat die Pädagogin eine regelrechte „Verachtung für das deutsche Bildungssystem“ bei einigen Eltern ausgemacht. Was selbstverständlich nur für manche Eltern gilt, und auch Nationalitäten könne man nicht über einen Kamm scheren.

Stadtpost in anderer Sprache wäre das falsche Signal

Wäre nicht Stadtpost die Lösung, die in der Muttersprache der Eltern verfasst ist? Praktiker sind mehrheitlich dagegen: „Damit würde man vielleicht kurzfristig das Problem lindern, doch es bestärkt die Eltern in ihrer Passivität“, heißt es an Schulen in so genannten Brennpunkten.

Und es sind nicht nur die Anmeldefristen, die versäumt werden – manchmal ist es auch der erste Schultag selbst: „Zu uns kommen Kinder eine Woche nach dem Start des Schuljahres, und die Eltern haben angeblich von nichts gewusst“, sagt eine Schulleiterin im Norden der Stadt.

Schnuppertage bringen nichts

Dabei bietet sich vorab schon Schnuppertage an, die auch in der Muttersprache der Eltern abgehalten werden, außerdem stünden Übersetzer bereit. „Es kann nicht an der Sprache liegen“, sagt die Schulleiterin deutlich, „es ist einfach das fehlende Interesse der Eltern.“

Was es auch in deutschen Familien gebe: Bei der Schulverwaltung erzählt man sich noch heute den Fall einer gutbürgerlichen Familie, die ihr Kind gestriegelt und gebügelt zum ersten Schultag schickte, mit Tüte und allem drum und dran – nur: Die Anmeldung, die hatte man vorher nicht berücksichtigt. Und fiel aus allen Wolken.

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