Premiere

Bochum: Schauspielhaus-Aufführung spielt vor leeren Rängen

Elsie de Brauw und Guy Clement inmitten des Stuhl-Arrangements für „Asche zu Asche“ am Schauspielhaus Bochum. Während der Vorstellungen sitzt dort das Publikum.

Elsie de Brauw und Guy Clement inmitten des Stuhl-Arrangements für „Asche zu Asche“ am Schauspielhaus Bochum. Während der Vorstellungen sitzt dort das Publikum.

Foto: Isabel Machado Rios

Bochum.  Am Schauspielhaus Bochum hat Harold Pinters „Asche zu Asche“ Premiere. Die Inszenierung wagt ein Experiment, an dem das Publikum beteiligt ist.

Das „neue“ Schauspielhaus unter Johan Simons ist experimentierfreudig, das sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Auch bei der nächsten Premiere in Bochum kommt das zur Geltung: Bei Harold Pinters „Asche zu Asche“ wird das Publikum in den Kammerspielen Teil der Inszenierung.

Das Publikum sitzt in Bochum mitten auf der Bühne

Das hat es so noch nicht gegeben. Der gesamte Zuschauerblock der „Kammer“, immerhin 400 Sitzplätze, bleibt für die Aufführungen vakant. Stattdessen sitzt das Publikum – 50 Gäste pro Vorstellung sind erlaubt – mitten auf der Bühne. Das Bühnenbild (Nadja Sofie Eller) besteht aus gut vier Dutzend Sitzgelegenheiten, vom Rattan-Schaukelstuhl bis zum 70er-Jahre-Plastikstuhl; dazu kommen ein weißer, hellleuchtender Plafond und eine spiegelnde Bodenfläche; c’est tout.

Gut vier Dutzend Stühle stehen bereit

Die Zuschauer nehmen Platz, wie und wo sie möchten, und die Schauspieler befinden sich mitten unter ihnen.

Elsie van Brauw und Guy Clement spielen als Rebecca und Devlin das Pinter-Drama also in Direktkontakt zum Publikum. Sie wandeln zwischen den Stühlen und entwickeln dabei die Story. Die Besucher folgen den Akteuren mit Blicken, oder dreht sich auf dem Stuhl zur Seite oder nach hinten, je nachdem, wo sich die Schauspieler gerade befinden.

Distanzierte Zuschauerrolle wird aufgegeben

Ein spannender Ansatz, gewiss. Aber auch herausfordernd. Und zwar nicht nur für das Publikum, das seine distanzierte Zuschauerrolle aufgeben muss und unvermittelt Teil des Schauspiels wird – auch wenn natürlich niemand mitspielen muss. Die Herausforderung liegt aber auch bei den Schauspielern, denn auch sie müssen umdenken: „Unser kleines Königreich, die Bühne, auf der wir ,sicher’ sind, gibt es nicht mehr“, sagt Elsie de Brauw. Sie, als erfahrene Aktrice, fühle sich plötzlich wieder wie eine Elevin.

Regisseur Koen Tachelet ist das Risiko, die Inszenierung in dieser Form aufzustellen, bewusst eingegangen. Für ihn entspricht es dem von Harold Pinter vorgegebene Stoff. „Asche zu Asche“ ist zwar ein Spätwerk des britischen Nobelpreisträgers, trotzdem kommen auch hier jene Elemente zum Tragen, die Pinter stets ausgezeichnet haben: Seine Dramen sind naturalistisch, haben aber auch absurde und bisweilen unheimliche Aspekte.

Eigentlich geht es in „Asche zu Asche“ nur um das Gespräch einer Frau und eines Mannes. Devlin und Rebecca sitzen im Wohnzimmer und reden sich im Zickzack durch ihre gemeinsame und geteilte Vergangenheit und Gegenwart. Gefühle, Erinnerungen, der Krieg, ein Kind, das auf einem Bahnsteig verloren ging ... was ist Wahrheit, was Einbildung? Was Lebenslüge, was Versteckspiel vor dem jeweils anderen?

Probleme werden in der Schwebe gehalten

Pinter hält das in der Schwebe, und so sind Macht und Sprache, Erinnern und Vergessen und das rücksichtslose Leben der Vergangenheit in der Gegenwart die eigentlichen Themen von „Asche und Asche“.

Durch die ungeklärte Bühnensituation, so Tachelet, werde das Ungefähre, das Unsichere, auch Bedrohliche der im Stück abgetippten Themen noch gesteigert. Sowohl das Publikum als auch die Schauspieler sind gefordert, sich darauf einzulassen. Ein Experiment, wie gesagt.

Doppel-Vorstellungen mit jeweils 50 Zuschauern

Und noch ‘was Besonderes: „Asche zu Asche“ wird jeweils als Doppel-Vorstellung gezeigt, nach einer Stunde verlassen die ersten 50 Zuschauer die Bühne, die nächste Partie rückt nach, und Elsie und Guy fangen ihr Spiel von Neuem an.

Durch diese Verdoppelung konnten zusätzlich Aufführungstermine realisiert werden. So wird der Verzicht auf Einnahmen wegen der großen, leeren „Kammer“ zu einem Luxus, der der Kunst zu Gute kommt.

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