WAZ-Gründung 1948

Erinnerungen an die Anfänge der WAZ-Redaktion in Bochum

Zwischen Trümmerschutt und Bombentrichtern gründeten Jakob Funke und Erich Brost 1948 die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in Bochum. Im Bild: WAZ-Werbung an der Ecke Hattinger/Kronenstraße im Juli 1948.

Foto: Stadt Bochum

Zwischen Trümmerschutt und Bombentrichtern gründeten Jakob Funke und Erich Brost 1948 die Westdeutsche Allgemeine Zeitung in Bochum. Im Bild: WAZ-Werbung an der Ecke Hattinger/Kronenstraße im Juli 1948.

Bochum.   Wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung im schwer beschädigten Anzeiger-Haus in Bochum begann. Erinnerungen aus erster und zweiter Hand.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ausgerechnet Bochum. Ausgerechnet das Anzeiger-Haus, der direkte Rathausnachbar. Ein einst so stolzes Verlagshaus, von dem nach dem Krieg nicht viel mehr als eine vom Wind durchpustete staubige Ruine übrig geblieben war. Und doch trifft es zu. Hier liegt die Wiege der WAZ. Von hier aus starteten die Boten am 3. April 1948, um die neue Zeitung zu verteilen. Es gibt nur noch wenige Menschen, die aus erster Hand berichten können.

Eine von ihnen ist Felicitas Kapteina, die erste Redakteurin der WAZ. Die Essenerin hatte bei der NRZ volontiert, Erich Brost holte sie nach Bochum, stellte sie, damals noch „Fräulein Narz“, ein als Reporterin für „weibliche Themen“. „Brost war der einzige mit einem Schreibtisch, aber der wackelte“, erinnert sich die heute 94-Jährige, die alle nur „Fee“ nennen.

Die anderen rund ein Dutzend Redakteure saßen an einem langen, roh gezimmerten Holztisch, nicht mal gehobelt war er und „wenn man mit der Hand darüberfuhr, hatte man Splitter an den Fingern“. Dreimal in der Woche erschien die Zeitung, jeweils mit vier Seiten.

Redaktion ohne Schreibmaschinen

Bleistifte gab es nur auf Bezugsschein. „Und du musstest sparsam sein, denn es war sicher, dass der erste Antrag auf einen neuen Bleistift abgelehnt wurde“, sagt Felicitas Kapteina. Ihr größtes Gut war eine kleine Reiseschreibmaschine, „für nichts hätte ich sie hergegeben“, denn Schreibmaschinen gab es in der Redaktion nicht.

Ein schlechter Journalist mit Schreibmaschine war damals mehr wert als ein guter ohne.

Es war die Zeit der Knappheit, Lebensmittel waren rar und Strom gab es in der Redaktion nur zwei Stunden am Tag. „Erich Brost und Jakob Funke mussten pausenlos improvisieren.“

Ganz sparsam sollten sie alle arbeiten, jede Spesenabrechnung wurde von den Chefs persönlich überprüft.

„Die Schnauze voll von der Politik“

Und sie brachten ihnen bei, was guter Journalismus ist. Vor allem Brost, den Felicitas Kapteina immer wie einen Vater sah. „Keine Fremdwörter sollten wir benutzen, positiv sollten wir schreiben, frisch und munter“, erinnert sich die 94-Jährige an Brosts Worte. „Die Menschen im Ruhrgebiet haben so viel mitgemacht; wir Journalisten haben die Pflicht, die Leute hochzuziehen“, hat er gesagt.

Nach diesem Prinzip hat sie immer gearbeitet, bis vor vier Jahren noch als freie Mitarbeiterin der Essener Lokalredaktion.

Gelernt hat Felicitas Kapteina auch von den Kollegen, die alle aus unterschiedlichen Gegenden kamen, mit unterschiedlichen Erlebnissen aus dem Krieg. Eins hat sie geeint: „Wir hatten alle die Schnauze voll von Politik.“ Und fühlten sich wohl bei der ersten überparteilichen Zeitung der Region.

Geruch nach Druckerschwärze und Blei

Zum Team der ersten Stunde gehörte auch Georg Wilhelm Kruse (1911 – 1980). Der spätere stellvertretende Chefredakteur, der noch heute bei der WAZ von älteren Kollegen nur liebevoll „Papa Kruse“ genannte wird, baute die Lokalredaktion Bochum auf, kannte sich hervorragend aus in der Stadt, in der er schon vor dem Krieg als Journalist gearbeitet hatte.

Seine Tochter Carola Posdorf (68) lebt noch heute in Bochum. Liebevoll aufgehoben hat sie zahlreiche Erinnerungsstücke an die ersten Jahre der WAZ. Utensilien aus der alten Setzerei sind es und dutzende Fotografien, die sie in einer Schachtel aufbewahrt.

„Nie vergessen werde ich den intensiven Geruch nach Druckerschwärze, nach Blei, der zu meiner Kindheit gehörte“, erinnert sich Carola Posdorf.

Georg Wilhelm Kruse war ein Journalist, der diesen Beruf liebte, und ihn lebte. Selbst im Urlaub, so berichtet seine Tochter, studierte er die Lokalpresse. Mit der Schere schnitt er säuberlich Artikel aus, die er später daheim in Bochum noch zu nutzen wusste.

Schnaps und Zigaretten für die Polizei

Carola Posdorf erinnert sich gern an diese Zeiten. Der Journalismus der Nachkriegszeit, sie erlebte ihn aus der Perspektive eines kleinen Mädchens.

Für Kruse und seine Mitstreiter galt es, Boden gutzumachen. Andere, wie die Westfälische Rundschau waren schon da. „So begleitete ich oft meinen Vater, wenn es darum ging, etwa zur Weihnachtszeit Polizei oder Feuerwehr mit Schnaps oder Zigaretten zu beschenken.“ Kontaktpflege in den 50er Jahren, „Compliance light“, sozusagen.

Kruse starb früh, hatte wenig von seinem Ruhestand. Doch sein Credo sollte sein: „Es war ein Geschenk meines Lebens, das, was ich liebe, zum Beruf machen zu können.“

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil des ProBO-Projektes „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Unser Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren oder wurden, historische Filmaufnahmen, Fotos und die alten WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf dem Spezial können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Mehr zum Thema
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik