Stadtgeschichte

Als die Professoren der Ruhr-Universität Gummistiefel trugen

Erfrischung nötig: Zwei Arbeiter trinken auf der Baustelle der Ruhr-Universität im März 1965 Bier.

Erfrischung nötig: Zwei Arbeiter trinken auf der Baustelle der Ruhr-Universität im März 1965 Bier.

Bochum.   1965 wurde die Ruhr-Universität eröffnet. Ihr erster Professor Karl Esser (94) – er arbeitet noch immer – blickt auf die Gründungsjahre zurück.

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Bei diesem Alter kann Karl Esser nur schmunzeln. 53 Jahre alt ist die Ruhr-Universität inzwischen alt. 1962 war sie die erste Universitätsneugründung in der Bundesrepublik. Aufnahme des Lehrbetriebes war 1965.

Esser war 1963 mit 39 der erste Professor der Ruhr-Uni, der in Bochum seine Tätigkeit aufnahm. In einem Provisorium auf dem Unigelände im Lottental. Er befasste sich mit der Genetik, Molekularbiologie und Biotechnologie von Pilzen und Bakterien.

Anstatt nach München ging es nach Bochum

Für Bochum verzichtete er auf den Wechsel nach München. „Wer kann mit 39 Jahren als Wissenschaftler so ein Angebot ablehnen: Kommen Sie nach Bochum, bauen sie was auf, Geld spielt keine Rolle!“

Der in Köln lehrende Biologe lehnte den Ruf an die renommierte Universität München ab und wurde zum Gründungsprofessor der Ruhr-Universität.

Dabei war lange nicht entschieden, dass Bochum eine Uni bekommt. Der Landtag favorisierte Dortmund als zweiten Standort einer Hochschule in Westfalen. Nach erbittert geführten Diskussionen setzte sich der Standort Querenburg mit 102 zu 87 Stimmen gegenüber Dortmund im Landtag durch.

Esser hat noch immer ein Büro auf dem Campus

Dieser Tage werden die Gründungsgebäude der Ruhr-Uni komplett neu gebaut. Die Gebäude IA und IB waren die ersten, die Anfang der sechziger Jahre entstanden.

Gründung und Bau der Ruhr-Universität Bochum

1961 wird Bochum Universitätsstadt. 1964 ist der Campus in Querenburg eine Großbaustelle. 1965 wird die Ruhr-Uni eröffnet.
Gründung und Bau der Ruhr-Universität Bochum

Esser ist inzwischen 94 Jahre und immer noch da. Vor inzwischen 30 Jahren wurde er emeritiert. Seitdem hat er sein Büro im Gebäude ND, 1. Etage, Raum 157.

Er ist weiter aktiv. „Ich bin fast jeden Tag noch an der Ruhr-Uni“, sagt er. Auto fahren geht noch. „Die einzige Sportart, die ich konnte, musste ich mit 80 beenden. Das war Wasserski fahren. Seitdem meine Hüften nicht mehr mitmachen, habe ich das Fahrradfahren aufgeben müssen.“ Das war, als er 90 wurde. Er raucht nicht, trinkt nicht. „Ich mache auch mal Pause.“ Im Sommer ist er immer für mehrere Wochen am Bodensee.

Esser war erster Direktor des Botanischen Gartens

Ansonsten hat er viel geschrieben und gesammelt. Auch über sich und seine Familie. Er hat 100 Ordner mit Papieren und Unterlagen. Mehr als 230 Publikationen in Fachzeitschriften und mehrere Bücher gibt es von ihn. Zum 50. Geburtstag der Ruhr-Uni kamen 2015 zwei Bücher hinzu: eins über die Anfänge der Ruhr-Uni, eins über die Entstehung des Botanischen Gartens. Dort war er der erste Direktor.

Zur Gummistiefelgeneration gehörig wird er gerne beschrieben, weil die ersten Professoren viel auf Baustellen und im Matsch unterwegs waren. „Das war wirklich so“, sagt er. „Als ich mit meiner Familie hier gucken war, ob ich den Job annehme, standen wir im Matsch. Mein Sohn war neun Jahre alt und wollte hier nicht hin. Da habe ich ihm gesagt, wenn wir in Bochum anfangen, bekäme er einen botanischen Garten.“

1971 wurde er der Öffentlichkeit übergeben.

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil des ProBO-Projektes „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Unser Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren oder wurden, historische Filmaufnahmen, Fotos und die alten WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf dem Spezial können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948.

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