Mit einem klaren Ziel wechselte Ilka Pedersen vor fast 15 Jahren zur SGS Essen. Die Außenverteidigerin wollte in der Frauenfußball-Bundesliga durchstarten und sich den Traum von der Nationalelf verwirklichen. Schließlich lief die damals 19-Jährige bereits von der U17 bis zur U20 für die DFB-Auswahl auf. An der Ardelhütte versprach man ihr die nötige Spielzeit, die sie beim damaligen Top-Klub FCR Duisburg nicht bekommen hätte. Auf Anhieb war Pedersen Stammkraft bei der SGS. Doch ihre Karriere nahm eine unverhoffte Wendung: Noch in ihrer Debütsaison wurde sie schwanger – und kehrte nicht mehr auf den Platz zurück. Ihr Vertrag lief 2012 aus.

Ilka Pedersen spielte für die SGS Essen. Nachdem sie schwanger wurde, beendete sie ihre Karriere.
Ilka Pedersen (hier ein Bild aus dem Jahr 2010) spielte für die SGS Essen. Nachdem sie schwanger wurde, beendete sie ihre Karriere.© WAZ FotoPool | Michael Gohl

Im Frauenfußball hat sich seither vieles verändert. Das Thema Schwangerschaft aber ist nach wie vor ein sensibles – auch international. Gerade dann, wenn sich Karriere- und Familienplanung wie bei Pedersen zeitlich überschneiden. Der norwegische Verband wagte nun einen interessanten Vorstoß, um speziell die Situation der werdenden Mütter zu stärken: In der höchsten Spielklasse wird schwangeren Fußballerinnen ab sofort eine automatische Vertragsverlängerung um ein Jahr angeboten, damit sie nicht zwischen dem Fußball und ihrem privaten Lebensentwurf entscheiden müssen. Die Vertragsmodalitäten wie das Gehalt bleiben dabei gleich.

TSG Hoffenheim zieht nach und arbeitet mit Almuth Schult zusammen

Auch die TSG Hoffenheim scheint sich dies genau angeschaut zu haben und zog am 27. Mai nach: „Fußball-Bundesligist TSG Hoffenheim setzt ein Ausrufezeichen zur Vereinbarkeit von Profisport und Familie“, schreibt sich die TSG auf die eigene Fahne. Die Spielerinnen des Klubs aus Baden-Württemberg können ihren Vertrag ab der kommenden Saison 2025/2026 im Falle einer Schwangerschaft einseitig zu mindestens gleichbleibenden wirtschaftlichen Konditionen um ein Jahr verlängern und so finanzielle Planungssicherheit haben. Wichtig: dies gilt nur, wenn sie sich in der letzten Saison ihres Vertrages befinden.

++ Sexismus-Skandal - Lena Oberdorf wütend auf RWE-Fans: „Traurig“ ++

„Dieser Schritt ist für uns als Klub folgerichtig, denn in den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Profi-Fußballerinnen während ihrer aktiven Karriere für die Gründung einer Familie entschieden. Auch bei uns wird das sicherlich in Zukunft an Relevanz gewinnen. Schon seit vielen Jahren ist es unsere Philosophie, unsere Spielerinnen nicht nur sportlich bestmöglich auszubilden, sondern ihnen auch berufliche Perspektiven aufzuzeigen, Lebenswege mitzugestalten und ihnen in einem familiären Umfeld den Rahmen zur persönlichen Entfaltung zu bieten“, sagt Ralf Zwanziger, Leiter für den Frauen- und Mädchenfußball bei der TSG. 

Almuth Schult
Almuth Schult begrüßt die Entscheidung der TSG Hoffenheim.© Swen Pförtner/dpa | Swen Pförtner

Ex-Nationalspielerin Almuth Schult lobt als Mitglied der Initiative „Fußball kann mehr“ den Schritt der Hoffenheimer.  „Mit der TSG Hoffenheim wagt nun auch endlich ein Deutscher Verein diesen Vorstoß, ich freue mich darüber ungemein. Als Mutter kann ich sagen, dass dies Spielerinnen Sicherheit und Unterstützung gibt, die man sich wünscht. Des Weiteren unterstreicht der Verein die Wichtigkeit des Themas von Müttern im Sport und dass es Veränderungen braucht. Ich wünsche mir, dass viele Vereine der TSG folgen“, sagt Schult.

So steht die SGS Essen zum Thema

„Ich freue mich für die Spielerinnen, die davon profitieren können“, erklärt auch SGS-Manager Florian Zeutschler. Bei der Frage, ob er die Neuerung aus Norwegen auch in Deutschland begrüßen würde, zögert er: „Man muss ja auch die finanzielle Seite des Klubs berücksichtigen. Und wir haben ja von der Fifa bzw. dem DFB auch klare Vorgaben zu dieser Thematik.“ Erst im Dezember hat der nationale Verband die Vorgaben des Weltverbands Fifa zur Mutterschaft in seine Statuten mit aufgenommen. Wie in Norwegen sollen hier die Frauenrechte ausdrücklich gestärkt werden.

++ SGS Essen: Hilfe von RWE? Manager Zeutschler über Männerklubs ++

„Schwangerschaft, Mutterschutz, Adoptions- oder Familienurlaub dürfen die Gültigkeit eines Vertrags nicht beeinflussen“, heißt es beim DFB allerdings. Während dieser Zeit haben Spielerinnen Anspruch auf zwei Drittel des vertraglich vereinbarten Gehalts. Sollte es doch zu einer Kündigung des Vertrags kommen, wäre vom Verein eine Entschädigung an die Spielerin oder Trainerin zu zahlen. Eine weitere Neuerung ist die Möglichkeit einer Verpflichtung einer neuen Spielerin während der Saison, um den beispielsweise durch Mutterschutz bedingten Ausfall einer anderen vorübergehend auszugleichen. Damit bleiben diese Schutzmaßnahmen jedoch hinter denen des norwegischen Verbands zurück.

Weitere Berichte zur SGS Essen

Für Zeutschler aber ist das gar nicht der springende Punkt: „Entscheidend ist für mich eine offene Kommunikation zwischen Spielerin und Verein, denn Vertrauensbasis geht vor Automatismus. Es braucht in solchen Fällen eine individuelle Lösung.“ Bei der SGS scheint das zu gelingen, denn die Familienplanung sei als Thema im Vertragsgespräch mit den Spielerinnen „nicht unüblich“. Und das ist für Zeutschler auch wichtig: „Eine Spielerin sollte den Verein als Arbeitgeber bei ihren Planungen mitnehmen. Es geht ja auch darum, ob und wie sie ihre Karriere fortsetzen möchte.“ Auf Basis dieser Entscheidung könne man dann die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten finden.

Pedersen übrigens hätte das norwegische Modell damals wohl nur bedingt geholfen. So wäre der finanzielle Aspekt zu vernachlässigen gewesen. Denn vor 15 Jahren sprach man an der Ardelhütte noch eher von einer Aufwandsentschädigung als von einem Gehalt.