Die Asche ist noch immer rot, aber rund um den Platz hat sich viel verändert: Die Sitzschalen auf den Rängen sind nicht länger grünlich grau. Sie erstrahlen nun in sattem blau. Die Wege sind frisch gepflastert, der festgetretene Kies ist Vergangenheit. Der Center Court auf der 28 Hektar großen Platzanlage des Etuf erstrahlt in neuem Glanz. Zur Wiedereinweihung gab es jüngst eine große Feier mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Sport. Positiv gestimmt blickte die Klubspitze des Essener Turn- und Fechtklubs in die Zukunft eines Sportplatzes, der vor Tennis-Geschichte geradezu trieft, der aber jahrelang als bloße Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit mehr und mehr verwitterte.
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„Jetzt ist der Center Court endlich wieder ein Schmuckstück“, sagt Andreas Huber. Seit über 15 Jahren ist der 64-Jährige im Vorstand der Etuf-Tennisriege, davon zwölf als Vorsitzender. Jetzt ist er als Ehrenvorsitzender ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um die Geschichte des Klubs mit den drei Krupp-Ringen geht. Schon sein Großvater Willi, Kaufmann im Kohlehandel, und auch Vater Wolfgang förderten den Klub, dessen Gründung einst Friedrich Alfred Krupp im Jahre 1884 initiierte und dort auch Tennis etablierte. Jenen damals noch exotisch anmutenden Sport, den er auf einer Reise nach England kennengelernt hatte.

Becker, Graf und McEnroe: Schimpftirade des Vaters
Satte 18 Plätze gibt es auf der 1922 gänzlich bezogenen Platzanlage am Ufer des Baldeneysees. Andreas Huber selbst verbrachte seit Kindheitstagen viel Zeit auf der Etuf-Anlage, es gab die ersten Trainingsstunden, die ersten Partys, die erste Cola. Er sah unzählige Ballwechsel auf den Spielfeldern – auch die der ganz großen Namen des weißen Sports.
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Schon in den frühen 1980er-Jahren tauchte im Essener Süden ein junger Leimener auf Jugendturnieren auf, und Boris Becker sollte mit dem Etuf immer wieder in Berührung kommen. Auch Steffi Graf schlug einst am Baldeneysee auf, auf ihr frühes Aus als 13-Jährige in einem Nachwuchsturnier reagierte Vater Peter Graf mit einer deftigen Schimpftirade, wie sich Zeitzeugen erinnern. Steffi Graf wurde trotzdem zum Tennis-Superstar und zur deutschen Sportikone, die heute 55-Jährige kehrte in den Folgejahren zwar häufig zu Behandlungen bei ihrem Vertrauensarzt Prof. Hartmut Krahl nach Essen zurück, nicht aber auf die Etuf-Anlage. Boris Becker dagegen schon.

Becker, Graf und McEnroe: Seit 1993 beim Etuf gemeldet
Stars gab es beim Etuf auch in den vorangegangenen Jahren. Eigengewächs Hilde Krahwinkel spielte 1931 im bis heute einzigen rein deutschen Finale in Wimbledon, sie verlor gegen Cilly Aussem. Dafür gewann sie ab 1935 dreimal in Folge die French Open und von 1933 bis 1939 siebenmal die Deutschen Meisterschaften am Hamburger Rothenbaum. Gottfried von Cramm, zweimaliger French-Open-Sieger und 1947 Deutschlands erster Sportler des Jahres, schaute 1950 beim 50. Jubiläum der Essener Tennisriege vorbei und Helga Niessen (später Masthoff) sammelte ab den 60er-Jahren nationale und später auch internationale Senioren-Titel en masse. Mit 121 Titeln ist die French-Open-Finalistin (1970) die deutsche Rekordmeisterin. Tennis zählte 1968 als Demonstrationswettbewerb zum Olympischen Programm in Mexiko, die gebürtige Essenerin erspielte sich im Einzel und Doppel (mit Edda Buding) jeweils eine Gold- und im Mixed (mit Jürgen Faßbender) die Silbermedaille. Auch Sabine Schmitz, heute Sport-Vorstand des Etuf und Vorsitzende des Tennisverbandes Niederrhein, wurde hier zur Jugend-Nationalspielerin und mehrfachen Deutschen Meisterin der Senioren.
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Unvergessen aber sind noch immer die Essener Bundesligajahre, in denen bis zu 4000 Zuschauer auf der Anlage weilten. Als 1997 der erste von vier Titelgewinnen der Männer gefeiert wurde, war auch Boris Becker zwei Jahre vor seinem Karriere-Ende noch Teil des Teams um Magnus Gustafsson, Marc-Kevin Goellner und Carl-Uwe Steeb. Schon seit 1993 war Becker beim Etuf gemeldet, doch immer wieder hatten sich seine geplanten Einsätze zerschlagen. Immerhin: Im Mai 1993 stand er mehrere Male beim Etuf auf dem Platz und bereitete sich dort auf die French Open vor.

Was damals als Indiz gewertet wurde, dass Becker tatsächlich in der Bundesliga für Essen aufschlagen würde. Es dauerte aber doch bis 1997, und dann war Becker wirklich da: Im Halbfinal-Hinspiel in Düsseldorf gegen den Rochusclub steuerte er an der Seite von Goellner einen Punkt zum 9:0-Erfolg bei. Beim Rückspiel in Essen setzte er sich im Einzel gegen Alexander Radulescu mit 6:7, 7:5 und 6:3 durch.
Becker, Graf und McEnroe: Letzten Bundesliga-Auftritte überhaupt
„Ich sitze hier mit alten Kollegen zusammen und bereite mich für den Daviscup vor“, sagte Becker damals, die Zeit sichtbar genießend. Es waren seine ersten Matches für den Etuf und seine letzten Bundesliga-Auftritte überhaupt. 2002 aber stand er noch einmal auf dem Center Court in Essen, beim Showmatch gegen John McEnroe.
„Mit 17 war er Wimbledon-Sieger, die Bedeutung von Boris Becker für das deutsche Tennis war einfach gigantisch“, sagt Andreas Huber. „Er hatte Charisma, eine unglaubliche Strahlkraft.“ Und so kamen über 3000 Zuschauer auf den Center Court mit seinen 1560 Plätzen, sahen im Duell der Alt-Meister aber einen klaren Sieg des Amerikaners. Becker verglich McEnroe daraufhin mit einem guten Rotwein: „Je älter, desto besser!“

Das traf allerdings nicht auf den Center Court zu. Mit dem Ende der Bundesliga-Jahre zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde die Anlage mit ihren über 1500 Plätzen nicht mehr gebraucht. Die Arena verwitterte. Bis Essen den Zuschlag für die im Juli steigenden World University Games bekam und der Hauptplatz dank Förderungen von Land (knapp 700.000 Euro) und Stadt (70.000 Euro) doch noch eine Zukunft hat. Der Verein um den Vorsitzenden Karsten Beckmann hofft, dass es dort, wo einst internationale Top-Turniere wie der Junior-Davis-Cup und die German Junior Open gespielt wurden, bald wieder Spitzentennis geben könnte. Beckmann: „Der Center Court, ein einst verwittertes Relikt der Vergangenheit, hat wieder eine Zukunft!“


