In Comics, Büchern, Filmen und Serien begegnen uns – besonders in der Kindheit – hunderte Figuren. Die meisten verblassen irgendwann. Aber manche bleiben. Weil sie uns berührt, inspiriert oder einfach begleitet haben. Unsere Autorinnen und Autoren erzählen, welche ihrer Kindheitshelden ihnen besonders viel bedeuten – und warum.
Raumschiff Enterprise: Abtauchen in unendliche Weiten mit Mr. Spock
Andreas Böhme: Spock, Vorname Mr., kam samstags mit dem Raumschiff Enterprise. 17.45 Uhr, ZDF. Das machte es schwierig, ihn zu sehen. Weil im Ersten zeitgleich die Sportschau lief. Und weil es 1972 in der Regel nur einen Fernseher im Haushalt gab. Über den herrschte natürlich der Vater, der Dortmund-Fan war. Unendliche Weiten im Allgemeinen und Spock im Speziellen waren ihm komischerweise total egal. Unsinn, das alles. „Guck lieber Fußball.“

Zum Glück gab es Oma und Opa – nicht weit weg, mit eigenem Fernseher und an Fußball nur mäßig interessiert. Da konnte ich in Ruhe schauen. Schließlich war ich der Lieblingsenkel, schon weil ich der Einzige war. Trotzdem war Oma besorgt beim Anblick von Spock-Darsteller Leonard Nimoy. „Sieht aus wie der Teufel“, befand sie angesichts der spitzen Ohren, die die Maskenbildner ihm verpasst hatten. „Ist das denn was für dich, mein Junge?“ Das war es. Schon wegen des „Vulkanischen Nackengriffes“, mit dem der 1. Offizier der Enterprise jeden Gegner ausknocken konnte. Und weil er sich mit Computern auskannte und cool blieb, wenn alle anderen durchdrehten. So wollte man auch sein.
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Dumm nur, dass ich nicht mal in der Lage war, mit gespreizten Fingern den Vulkanischen Gruß zu machen. So blieb mir nur, in vermeintlich richtigen Augenblicken eine Augenbraue hochzuziehen und „Faszinierend“ zu murmeln. Fan von Mr. Spock und Co. bin ich trotzdem immer geblieben. In diesem Sinne: „Live long and prosper “, wie wir Vulkanier zum Abschied gerne sagen.
Der rothaarige Kobold und Schreinermeister Eder: Hurra, Hurra, der Pumuckl ist da!
Leonie Wiegel: Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Um ehrlich zu sein, hat mich der Pumuckl zunächst ziemlich genervt. Meine Spielkameraden im Kindergarten hatten eine Phase, in der sie ohne erkennbaren Sinn durch die Gegend sprangen, „Ich bin der Pumuckl“ schrien und gar nicht mehr ansprechbar waren. Was muss das für ein alberner Kerl sein?

Ein langer, langweiliger Tag im Wartezimmer meines Augenarztes ließ mich dann aber doch nach dem Buch mit dem rothaarigen Kobold greifen. Und bald merkte ich, dass in den Geschichten von Meister Eder und seinem Kobold doch mehr Tiefe und hintergründiger Witz steckt, als es bei den Raufbolden in der Kita schien. Seitdem begleiten mich der kleine Frechdachs und sein Schreinermeister und auch Gustl Bayrhammer und Hans Clarin, die ihnen Stimmen und Seelen gaben. Viele Jahre sammelte ich die Hörspiel-Kassetten und hörte sie in die Dauerschleife, bis ich auch die bayerischsten Ausdrücke verstand und ganze Dialoge bis heute mitsprechen kann.
Aus Nostalgie spiele ich sie bei meinen Eltern heute immer noch gerne im Kassettenrekorder mit Wackelkontakt ab, zum Einschlafen genügt das geschliffene Streaming-Erlebnis. Und irgendwann nehme ich mir auch endlich die Zeit, die neue Serie von Marcus H. Rosenmüller anzuschauen. Nostalgie ist etwas sehr Schönes, aber auch ein frischer Blick auf die alten Geschichten kann wohltuend sein. Und eigentlich brauche ich doch nur Weisheiten wie diese: „Das Geld sitzt auf der Bank, doch auf dem Stuhl sitz’ ich, wer viel besitzt, wird krank, wer das nicht glaubt, frag‘ mich.“
Eine große Liebe: Barbie war perfekt!
Petra Kuiper: Ein bisschen peinlich ist es schon: Ich war ein riesiger Barbie-Fan. Was haben wir sie geliebt, diese schöne Puppe mit der Wespentaille, für die clevere Hersteller schon in den 70ern eine Welt entwickelt haben: Mit Kleidern und Schuhen (von denen immer einer verschwand). Mit einem Campingbus und einem ganzen Haus, das natürlich (wie der Bus) überwiegend rosa war und meinen Eltern zu teuer. Es gab einen Freund, den schönen Ken, und schöne Freundinnen – mein Liebling: die cremefarbene Hawaii-Barbie mit Strohröckchen, politisch nicht korrekt, aber das interessierte damals keinen. Und ja, natürlich wollten wir sein wie sie, also – irgendwann. Barbie war perfekt!

Stundenlang haben wir mit unseren Barbies gespielt. Wir, das waren meine beste Kinderfreundin Nathalie und ich; unsere Mütter litten gleichermaßen. Wir besaßen brünette Barbies, Malibu-Barbies und zwischendurch auch Sindys, die sahen aus wie Barbies, hatten aber einen Riesenkopf. Wir spielten mit Skipper, der Teenager-Barbie (mein Vater ist mal versehentlich auf eine getreten, weshalb ich tagelang nicht mit ihm gesprochen habe). Und wir hatten Tuttis. Tutti ist Barbies jüngste Schwester mit den Gummibeinen. Als ich sie bei meinen Recherchen im Internet wiederentdeckt habe, habe ich mich erschreckt. Die modernen Tuttis sehen aus wie Chucky, die Mörderpuppe.
Ob mir Barbie geschadet hat, mögen andere beurteilen. Rosa ist zumindest nie meine Lieblingsfarbe geworden, auf Pumps kann ich nicht gut laufen, und den Barbie-Film fand ich richtig lustig. Am Wochenende sehe ich Nathalie. Mal schauen, woran sie sich erinnert.
Leben wie Pippi Langstrumpf: „Mach dir die Welt, wie sie dir gefällt“
Jana Beringer: Als ich im ersten Semester durch den Hörsaalgang tingelte, grinste sie mir frech vom Plakat entgegen: Pippi Langstrumpf. Die Galionsfigur meiner Kindheit. Wie oft träumte ich davon, in der Villa Kunterbunt zu leben, „Nicht den Fußboden berühren“ zu spielen, während Herr Nilsson zum Lampenschirm springt. Abwaschen? Ach was! Einfach das Geschirr in eine Tischdecke wickeln und ab damit in die Tonne. Und Männer, die sie als kleines Mädchen belächeln? Die lässt sie staunen – Kleiner Onkel hebt sie locker hoch. Du auch?

Bücher, Filme, Zeichentrickserie – alles, was nach Pippi aussah, ließ mich in eine Fantasiewelt abdriften. Zwischendurch lief ich natürlich auch selbst als Pippi verkleidet über den Karnevalsumzug. Kein Wunder, dass „das stärkste Mädchen der Welt“ auf über 80 Sprachen die Kinderzimmer erobert hat. Sie zeigt unvergleichlich: Kinder dürfen frech sein, Erwachsene sind nicht unfehlbar, und nun geh verdammt noch einmal raus und „mach dir die Welt, wie sie dir gefällt“. Ohne Eltern lebt sie nach ihren eigenen Regeln. Schule? Nope. Schlafenszeit? Wozu? Konventionen? Zum Geschirr in die Tonne damit. Was andere denken? Egal. Autoritäten veräppelt sie, ist mutig, spontan und widerständig. Darin liegt ihre Freiheit – und meine Inspiration, Lehrern auf den Geist zu gehen und Anderssein zu feiern.
Heute frage ich mich, ist Astrid Lindgrens Schöpfung Kritik am Leistungsprinzip oder Ausdruck neoliberalen Egoismus? Vermutlich beides. Sie ist nicht nur Gegenentwurf zum braven Mädchen, sondern auch Analogie zu kolonialer Macht: Sie setzt ihre eigene Moral, lebt von Papas Raubzug-Gold und eignet sich notfalls mit Gewalt an, was sie will. Pippi ist eben auch eine Mahnung. Und doch bleibt sie selbst mit über 80 das autonome Kind, das zeigt, was möglich wäre – zumindest mit einem Koffer voll Gold.
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Auf ins Abenteuer: Der späte Triumph von „Lederstrumpf“
Walter Bau: Im Regal meines Kinderzimmers standen nebeneinander die großen Abenteuergeschichten der Literatur: Robinson Crusoe, Moby Dick, Der Graf von Montecristo, Die Schatzinsel. Geschichten, die ich wie viele andere Jungen verschlungen habe. Mein Lieblingsheld war aber Lederstrumpf von James Fenimore Cooper.

Die Abenteuer des Mohikaners Chingachgook, seines Sohnes Uncas und des weißen Trappers Falkenauge faszinierten mich, meine Fantasie versetzte mich in die Wälder und an die Seen, die Cooper dort schilderte. Die Verfilmungen, mit Hellmut Lange oder Lex Barker als „Lederstrumpf“ sah ich mir an, wann immer die Wiederholungen im Fernsehen liefen. Das mittlerweile vom Blättern lädierte Buch nahm ich dann stets zur Hand.
Was ich damals nicht wusste: Hinter dem Hinweis auf der ersten Seite, das Buch sei eine „für die Jugend überarbeitete Sonderausgabe“, verbarg sich ein kleines Drama. Statt „überarbeitet“ hätte dort besser „verhunzt“ gestanden. Das wurde mir so richtig erst viele Jahre später bewusst, als im Jahr 2013 „Der letzte Mohikaner“ in der fantastischen Neuübersetzung von Karin Lauer erschien. Ich kaufte mir das Buch – und entdeckte meine Jugendhelden neu.
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Karin Lauer übersetzt die Sprache Coopers derart lebendig, dass man glaubt, dabei zu sitzen: am Lagerfeuer, in den wuchernden Wäldern Nordamerikas des 19. Jahrhunderts. Ein nicht minder spannender, umfangreicher Anhang erhellt die historischen Hintergründe von Coopers Geschichte. So konnte ich nach Jahrzehnten endlich den wahren „Lederstrumpf“ entdecken.
Auf großer Mission: Tim, der rasende Reporter
Marc-Andre Podgornik: Mein erstes Tim-und-Struppi-Heft hat ein Freund meines Bruders angeschleppt. Anfangs war ich skeptisch. Comics waren bei uns zu Hause etwas, das auf dem Weg in den Urlaub mal okay war, aber sonst doch bitteschön gerne durch ein vernünftiges Buch ersetzt werden durfte. Comics machen doof, war damals ein vielgehörter Satz. Dementsprechend vorsichtig griff ich nach diesem Heft, es war „Das Geheimnis der Einhorn“.

Schnell zog mich der ebenso alterslose wie mutige Reporter Tim in seinen Bann. Und siehe da: Tim machte eher schlau als blöd. Schatzsuchen, Entführungen, Kriege – Tim erlebte in aller Herren Länder gemeinsam mit Foxterrier Struppi und mit seinem Freund Kapitän Haddock die wildesten Abenteuer. Dabei sind diese Hefte mehr Reise- und Abenteuerbericht als Sprechblasen-Gag-Sammlung. Es ist darum nicht verwunderlich, dass die Tim-Geschichten öfter von Erwachsenen denn von Kindern gekauft und gelesen werden.
Heute gehören die gerade einmal 25 Abenteuer des Belgiers Georges Remi alias Hergé zu den absoluten Comic-Klassikern. Mehr als 230 Millionen Alben wurden bis heute in Hunderten von Sprachen und Dialekten übersetzt. Grund für diese enorme Popularität ist sicherlich die Qualität und Zeitlosigkeit, die Hergés Comics trotz ihres Alters, sie entstanden zwischen 1929 und 1976, auch heute noch zu einer unterhaltsamen Lektüre machen. Wenn mein Sohn heute eines meiner alten Hefte in die Hand nimmt, werde ich nervös: nicht aus Nostalgie oder Vaterstolz, sondern aus Angst um meine Tim-und-Struppi-Sammlung.



