1905 im südwestfälischen Meggen geboren, fuhr der Bergmann Adolf Hennecke am 13. Oktober 1948 eine Stunde früher als sonst in den Karl-Liebknecht-Schacht des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlereviers 616 Meter tief ein – und erfüllte seine vorgegebene Arbeitsnorm mit unfassbaren 387 Prozent. Statt der damals üblichen 6,3 fuhr Hennecke an diesem Tag mehr als 24 Kubikmeter Kohle ein. Allerdings: Die arbeitstechnische Großtat erfolgte nicht spontan, sondern war gründlich vorbereitet worden.

Um die stagnierende Kohleförderung in der sowjetischen Besatzungszone – die DDR war noch nicht gegründet – anzukurbeln, bauten SED-Funktionäre sowie der Gewerkschaftsbund FDGB den Kumpel Hennecke zum Helden des Aufbaus auf – getreu der 1948 ausgegebenen SED-Parteitagslosung „Mehr produzieren, gerechter verteilen, besser leben!“ Die Partei dankte Hennecke seinen Einsatz mit 50 Mark, drei Schachteln Zigaretten, 1,5 Kilogramm Fettzulage und Stoff für einen neuen Sonntagsanzug. Seine Kollegen waren weniger begeistert: Henneckes Leistung wurde von vielen angezweifelt. Hennecke selbst wurde als „Normbrecher“ beschimpft, da sein „Vorbild“ den anderen Bergarbeitern höhere Leistungen bei gleichem Lohn abverlangte.

Mit dem Ehrentitel „Held der Arbeit“ gegen die wirtschaftliche Not

Wie auch immer: Die Schicht Henneckes war Ausgangspunkt einer geplanten Massenbewegung in der DDR. Bergmann Hennecke wurde mit seiner Leistung zum Vorreiter der „Aktivisten- oder Hennecke-Bewegung“. Es folgten ähnliche real sozialistische Großtaten, ob in der Kiesgrube oder in der Weberei, um so zur Linderung der wirtschaftlichen Not beizutragen. Die SED versuchte, mit der Aktivistenbewegung die Parole „Erst besser arbeiten, dann besser leben“ durchzusetzen. Am 27. Juli 1950, vor nunmehr 75 Jahren, führte die inzwischen gegründete Deutsche Demokratische Republik den Ehrentitel „Held der Arbeit“ ein – für den Bergmann Hennecke sozusagen, der Vorreiter war. Eine silberne Medaille, mit Hammer, Sichel und zwei Lorbeerzweigen sollte es richten.

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Die Historikerin Silke Satjukow, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, schreibt in ihrem Buch „Sozialistische Helden“: „Es war die vornehmste Aufgabe der sozialistischen Helden, das Vertrauen ihres Publikums, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Das Vertrauenspotenzial, das die Menschen für sich persönlich aktivieren konnten, sollte dann dem Staat und der Gesellschaft gutgeschrieben werden. Insofern wirkten die Helden wie real existierende Werbefiguren des Sozialismus.“

Der Orden war nicht alles, was die Geehrten vom Regime als Dank bekamen. Obendrauf gab es noch 10.000 Ostmark und Vorteile bei der Wohnungssuche oder einen Urlaubsplatz. Maximal 50 Ausgezeichnete pro Jahr machten den Orden einigermaßen exklusiv und die Vorteile den Titel begehrt. Doch nicht jeder taugte im real existierenden Sozialismus zum Helden. Deshalb wurden die Partei-Kader in der Sowjetunion und in der DDR angehalten, möglichst Männer und Frauen mit einer zum Heldenstatus passenden Ausstrahlung für die Ehrung auszuwählen. Der aus einer Bergarbeiterfamilie stammende Hennecke glänzte zwar nicht mit Charisma, bot aber wenigstens die korrekte Vita für die SED.

Immer neue Heldenbilder: Von Radrennfahrer Schur bis zur ersten Frau im Weltraum

Jedes Jahrzehnt nach dem Krieg brauchte sein eigenes Heldenbild, wie Historikerin Satjukow erforscht hat. Nach Ende der Nazi-Herrschaft 1945 seien antifaschistische Widerstandshelden wie Ernst Thälmann gefragt gewesen, zudem Arbeitshelden à la Adolf Hennecke, um das darniederliegende Land aufzubauen. In den Fünfzigern dagegen brauchte der Sozialismus „Wir sind wieder wer“-Typen: „Helden wie den Radrennfahrer Gustav-Adolf ,Täve‘ Schur“. Und die Sechzigerjahre wiederum seien „die große Zeit der Kosmoshelden“ gewesen: In der Sowjetunion Juri Gagarin, der 1961 der erste Mensch im Weltraum war und Walentina Tereschkowa, die ihm 1963 als erste Frau nachfolgte. Satjukow: „Sie wurden verehrt wie Superstars.“

Solche Erfolge freuten die Partei: Der 28-jährige Leipziger Student Gustav-Adolf Schur 1959 mit dem Siegerkranz des Straßenweltmeisters der Radamateure. (Archivbild)
Solche Erfolge freuten die Partei: Der 28-jährige Leipziger Student Gustav-Adolf Schur 1959 mit dem Siegerkranz des Straßenweltmeisters der Radamateure. (Archivbild)© dpa | --

Ab den Siebzigerjahren dünnte die Reihe der Helden aus, so die Historikerin. Wenn man von Sigmund Jähn absieht, der 1978 als erster Deutscher ins All flog. Die Menschen – vor allem die jungen Generationen – hätten immer weniger an die Zukunft des Sozialismus geglaubt, „deshalb konnte man ihnen nicht mehr mit neuen Heldenfiguren kommen“.

Adolf Hennecke etwa bekam noch Gedichte und körbeweise Briefe geschickt, wurde für seine Höchstleistung jedoch auch gehasst. Die Reifen seines Wagens wurden zerstochen, in seinem Haus die Scheiben eingeworfen. Weil er die Verachtung der Kumpel – offenbar nicht zu Unrecht – fürchtete, wollte er zunächst auch gar kein Held werden und weigerte sich, als „Held“ aufzutreten. Doch am Ende musste Hennecke mitmachen, als Genossen hatten ihn die Funktionäre fest an der Angel.

Die Helden der Arbeit

Weit über 3000 Männer und Frauen wurden in der 40-jährigen Geschichte der DDR als „Held der Arbeit“ ausgezeichnet. Darunter Bergleute wie Adolf Hennecke, Ringspinnerinnen wie Edith Pempel oder Chemiker wie Joachim Birr.

Mit der Zeit erhielten aber auch hohe DDR-Politiker die Medaille, die vom SED-Staat verliehen wurde. Dazu gehörte Erich Mielke, der maßgeblich für den Aufbau des staatlichen Überwachungs- und Bespitzlungssystem der Stasi in der DDR zuständig war. Die gleiche Ehre wurde Markus Wolf zuteil, der die DDR-Auslandsspionage leitete. Auch Margot Honecker, Ehefrau des späteren Staats- und Parteichefs Erich Honecker, wurde eine „Heldin der Arbeit“.

Und sie sorgten dafür, dass Henneckes inszenierte Super-Schicht gelingen würde: Hennecke fand beste Bedingungen vor. Das Kohleflöz erwies sich als äußerst ergiebig. Der Gebirgsdruck war so groß, dass die Kollegen vorher das Flöz mit Spreizen sichern mussten. In den ersten zwei Stunden, so erzählten es später andere Kumpel, habe Hennecke nur die Spreizen wegschlagen müssen. Die Kohle sei quasi von selbst herausgefallen.

„Ich hoffe, dass schon in den nächsten Tagen meine Kameraden meine heute noch einmalige Leistung zu überbieten imstande sind“, erklärte der tapfere Hennecke nach Schichtschluss. Tatsächlich berichteten in den folgenden Wochen die Zeitungen von immer neuen Großtaten. So bezwangen zwei Arbeiter aus der Schwefelkiesgrube in Elbingerode gar die magische Hürde von 1000 Prozent Normerfüllung.

Erst Helden, dann Fünf-Jahres-Plan: Der Beginn der staatlichen Planwirtschaft

Abgeguckt hatte sich die junge DDR die Helden-Geschichte – wie so vieles – vom großen Bruder Sowjetunion. Als Vorbild zur Steigerung der Produktivität, ohne große Investitionen zu tätigen, diente die sowjetische Stachonow-Bewegung, die bereits in den 30er-Jahren entstanden war. Der Bergmann Alexei Grigorjewitsch Stachanow hatte am 31. August 1935 in einem russischen Bergwerk in einer Schicht die gültige Arbeitsnorm um 1457 Prozent übererfüllt und war daraufhin als Held der sozialistischen Arbeit ausgezeichnet worden.

Der Hintergrund: In der noch werdenden DDR war der Produktionsdruck enorm. Die ostdeutsche Wirtschaft kam nach dem Zweiten Weltkrieg nur langsam auf die Beine. Der Dollar-Segen des amerikanischen „Marshall-Plans“ ging an der sowjetischen Besatzungszone vorbei. Mit der Demontage von Betrieben als Reparationszahlung hatten die Sowjets die Ost-Industrie sogar weiter geschwächt. Stalins Land – vom Krieg selbst arg in Mitleidenschaft gezogen – kam als Geldgeber nicht in Frage.

Die Arbeiterhelden konnten die Wirtschaft natürlich nicht allein in Schwung bringen. Deshalb beschloss die SED im Sommer 1950 den ersten Fünf-Jahres-Plan, der ein Jahr später in Kraft trat. Damit begann die zentrale staatliche Planwirtschaft im Arbeiter- und Bauernstaat. Die Industrieproduktion sollte verdoppelt, die Arbeitsproduktivität noch darüber hinaus gesteigert werden. Vor allem die Grundstoff- und Schwerindustrie mit Walz- und Stahlwerken, der Maschinen- und Schiffbau sowie das neue Eisenhüttenkombinat Ost sollten gefördert werden.

Die SED wollte die sozialistischen Produktionsverhältnisse durch „Feldzüge für strengste Sparsamkeit“ und den Wettstreit um den inzwischen ausgerufenen Titel „Brigade der ausgezeichneten Qualität“ verbessern. Der Planerfüllung nach sowjetischem Vorbild dienten sogenannte Betriebskollektiv-Verträge zwischen Werks- und Betriebsgewerkschaftsleitungen sowie „freiwillige“ Rationalisatoren- und Aktivistenarbeit.

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Und Adolf Hennecke? Von SED-Seite wurde er mit Auszeichnungen förmlich überschüttet, er erhielt den Vaterländischen Verdienstorden, den Nationalpreis der DDR I. Klasse und den Karl-Marx-Orden. Als einfacher Bergmann musste er freilich nicht mehr arbeiten, 1950 bekam er einen Sitz in der Volkskammer, danach arbeitete er in der Staatlichen Plankommission der DDR, wurde Mitglied im Zentralkomitee der SED. Hennecke war bereits zu Lebzeiten zum Denkmal geworden. Der Spruch „Arbeiten wie Hennecke“ wurde in der DDR zum geflügelten Wort. Nach Hennecke wurden Straßen, Schulen und Betriebe benannt. Am 22. Februar 1975 starb der „Held der Arbeit“. Ein Held, ein bisschen auch wider Willen.