Zeitgeschichte macht sich manchmal klein. In einem Gebäude am Südrand des Ruhrgebiets, in einem engen Tal an der Lenneuferstraße 33 in Hohenlimburg, führt eine vielleicht gerade 20 mal 30 Zentimeter große Erinnerungstafel auf eine spannende Spur. Von einem „alten Fachwerkhaus an dieser Stelle“ ist darauf die Rede. Ein Wilhelm Böing sei hier geboren wurde. 1846 sei das gewesen. Er sei 1868 in die USA ausgewandert. Dann der entscheidende Satz: „Sein Sohn William Boeing gründete 1916 dort die Boeing-Flugzeugwerke“.

Deutsche Wurzeln. Der Ort an der Lenne steht für ein gewaltiges Kapitel technischen Fortschritts – und für eine der größten Migrationswellen der letzten Jahrhunderte. Der riesige Luftfahrtkonzern hat deutsche Wurzeln. Er ist bei Weitem nicht der einzige. Die transatlantische Reise des 22-jährigen Wilhelm im Jahr 1868 war nur eine unter den millionenfachen Übersiedlungen, die damals Europa und Deutschland erfassten.

Viele bekannte Nachkommen: Die Vorfahren von Trump kommen aus Deutschland

Viele, die in den letzten Jahrhunderten in Deutschland ihre Sachen packten, bekamen sehr bekannte und erfolgreiche Nachkommen, die in den Staaten geboren wurden. Die Autobauer der Familie Chrysler, die im Rheinland einst Kreussler hießen. Die Geldmagnaten Rockefeller aus Neuwied, Bankgründer wie Goldman und der 1806 geborene geniale Ingenieur August Roebling aus dem thüringischen Mühlhausen, der die Brooklynbridge über den East River in New York spannte. Auch die Eisenhauers. Abkömmling Dwight wurde zweimal US-Präsident. Zuvor hat er, 1945, als Vier-Sterne-General Nazideutschland besiegt.

Die Massenflucht. Alleine zwischen 1800 und 1900 setzten sich in drei Wellen 19 Millionen Menschen vom alten Kontinent in die „Neue Welt“ ab. Unter ihnen waren 5,3 Millionen aus deutschen Landschaften. Als vor 25 Jahren die Millenium-Volkszählung unter der 340 Millionen Köpfe starken US-Bevölkerung stattfand, erklärten 43 Millionen Amerikaner, ihre Vorfahren seien ursprünglich Deutsche. In der Statistik liegen sie damit weit auf Platz 1 vor den Irischstämmigen.

In Amerika entwickelten sich die Hauptsiedlungsräume im „German Belt“: New York, Virgina, Pennsylvania, Illinois, Ohio, Michigan. Auch auf der deutschen Landkarte gibt es auffällige Schwerpunkte der Auswanderung. Das bekannteste Dorf ist Kallstadt in Rheinland-Pfalz. Der 1000-Einwohner-Ort bei Bad Dürkheim war Heimat von Friedrich Drump – später: Trump – und seinem Verwandten Heinrich Heinz. Beide zogen über den Atlantik. Heinz’ Sohn Henry wurde Gründer des Ketchup-Imperiums. Drump/Trumps Enkel ist der aktuelle US-Präsident.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) überreicht im Oval Office im Weißen Haus ein Faksimile der Geburtsurkunde (oben deutsche, unten englische Fassung) von Friedrich (später Frederick) Trump, Großvater von US-Präsident Donald Trump als Gastgeschenk.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) überreicht im Oval Office im Weißen Haus ein Faksimile der Geburtsurkunde (oben deutsche, unten englische Fassung) von Friedrich (später Frederick) Trump, Großvater von US-Präsident Donald Trump als Gastgeschenk.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Einer seiner Vorgänger, George H. W. Bush, hat bei seinem Deutschland-Besuch 1983 in Krefeld daran erinnert, dass aus dieser Stadt 300 Jahre zuvor die ersten emigrierten Deutschen stammten. 13 Familien verließen den Niederrhein auf dem Segler „Concord“. Das war 1683. Sie wollten Religionsfreiheit und gründeten Germantown, heute ein Stadtteil der US-Metropole Philadelphia. Anfang des 18. Jahrhunderts folgten 10.000 Pfälzer, mit dabei die Rockefellers.

Von Hunger und Armut getrieben: Die Gründe für den Migrationsdruck waren vielseitig

Ein Mix aus Ereignissen und Entwicklungen hat den Migrationsdruck bewirkt. Hunger gehörte dazu. Der Ausbruch des Tamboro-Vulkans in Asien 1815 machte in Deutschland 1816 zum „Jahr ohne Sommer“ und sorgte für Missernten und Lebensmittelknappheit. Aber auch eine verbreitete Armut trieb Menschen aus Europa fort. „Im düstern Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne. Deutschland, wir weben dein Leichentuch“, umschreibt Gerhard Hauptmann in seinem Sozialdrama „Die Weber“ die Situation der Arbeitnehmer in den Textilwerken des schlesischen Eulengebirges. Das Weberlied steht für das Leid großer Bevölkerungskreise vor der Reichsgründung von 1871.

Sie sind alle „made in Germany“

Wer würde schon auf Anhieb Leonardo di Caprio als Abkömmling einer Familie aus Oer-Erkenschwick bei Recklinghausen sehen und Doris Day für eine geborene Doris Kappelhoff halten? Die Liste deutschstämmiger US-Künstlerprominenz ist noch viel länger. So hat Hugh Hefner, der „Playboy“-Macher, deutsche Ahnen. Grace Kellys Familie stammt aus Württemberg, Kirsten Dunsts Vater aus Hamburg und Elvis Presley hat Vorfahren in den pfälzischen Weinbergen, wo der Opa Trauben pflückte. Sandra Bullocks Mutter lebte in Nürnberg, als sie ihren amerikanischen Vater, einen US-Soldaten, kennenlernte. Diana Kruger stammt aus Hildesheim. Uma Thurmann, die Filmschauspielerin, ist sogar mit adligen Wurzeln ihres Großvaters aus Schlesien ausgestattet.

Neben Dwight D. Eisenhower (Eisenhauer) und Donald Trump haben auch andere bekannte Politiker der US-Administration deutsche Abstammung. Donald Rumsfeld zum Beispiel, der von 1975 bis 1977 und 2001 bis 2006 Verteidigungsminister war. Sein Großvater kam aus Bremen.

Vor allem aber Heinrich Alfred Kissinger aus Fürth, der sich später Henry Kissinger nannte und Friedensnobelpreisträger wurde. Der Politiker hat als republikanischer Außenminister der USA Geschichte geschrieben. 1938 war er, jüdischer Abstammung, durch den Nazi-Terror zur Ausreise über den Atlantik gezwungen. 30 seiner Verwandten sollen in den Konzentrationslagern umgekommen sein. In Amerika machte er Washingtoner Karriere, war verantwortlich für manches aggressive Vorgehen der Vereinigten Staaten, aber auch für das Friedensabkommen am Ende des Vietnamkrieges. Die Entspannung im Kalten Krieg und die Öffnung gegenüber China standen auf seiner Agenda. 2023 starb er in Connecticut im Alter von 100 Jahren.

Lockung und Strapazen. Schnelle Industrialisierung, eine sprunghaft wachsende Einwohnerzahl und fehlende Jobs bestimmten den Alltag. In Südwestdeutschland, zunächst besonders häufig die Herkunftsregion, galt die Erbteilung. Bauernkinder mussten sich das Land der verstorbenen Eltern teilen. So schrumpften Einkommen von Generation zu Generation. In Amerika dagegen brauchten Einwanderer den zugeteilten Boden nur einige Jahre zu bearbeiten, um eine Chance auf mehr Acres (englisches und nordamerikanisches Flächenmaß, 1 Acre = etwa 4047 m2) zu erhalten.

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Die Aussicht lockte – wie auch der Wunsch nach politischer Freiheit, der nach dem Scheitern der Revolution von 1848 zusammengebrochen war. Oder ganz einfach Aufbruchsgefühle und Abenteurertum waren Motive dafür, die Strapazen und Risiken der Atlantik-Überquerung zu wagen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren Amsterdam oder Le Havre dafür Einschiffungshäfen, danach bot in Deutschland mit Bremerhaven eine rascher erreichbare Möglichkeit.

Eine Überfahrt dauerte bis zu 100 Tage: Jeder zehnte Passagier überlebte die Fahrten nicht

Eine Segler-Überfahrt dauerte 45 bis 100 Tage. Je nach Wetter. Über die Zustände an Bord berichtet ein anonymer deutscher Reisender aus dem Jahr 1849, dem ein Heft des früheren Essener Verlages Thales gewidmet ist. Er erzählt von der Seekrankheit, der Cholera und fast jeden Tag von toten Frauen und Kindern, die im Seesack im Atlantik bestattet werden mussten. Jeder zehnte Passagier hat solche Fahrten nicht überlebt.

Die Verpflegung? „Da essen sie morgens früh rohen, stark gesalzenen Speck, trinken Schnaps und geben sich zu den vielen unverdaulichen Speisen keine Bewegung“, schreibt der Anonymus. Nur wenige der Passagiere konnten sich Bettraum mit ausreichend Platz zum Schlafen sichern – per Bestechung („10 Franc Trinkgeld“). Das Verdeck wurde zum Lazarett. In seinem 1818 erschienenen Buch schreibt Moritz von Fürstenwärther vom preußischen Kapitän, der sich „Misshandlungen“ und „den Missbrauch des anderen Geschlechts“ hatte zuschulden kommen lassen. Unmenschlich sei die Behandlung an Bord „fast durchgängig“ gewesen. Mit Aufkommen der Dampfschifffahrt setzten sich schließlich Besserungen durch.

Das deutsches Auswandererschiff „Germania“ landet im Hafen von New York City (Stich aus dem Jahr 1887). Kleines Bild: Werbung für die Überfahrt nach New York von 1867.
Das deutsches Auswandererschiff „Germania“ landet im Hafen von New York City (Stich aus dem Jahr 1887). Kleines Bild: Werbung für die Überfahrt nach New York von 1867.© ullstein bild - histopics | ullstein bild - histopics

Krieg und Frieden. „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure zusammengekauerten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen“, versprach nach 1900 die New Yorker Freiheitsstatue in der Aufschrift. Einmal angekommen, war eine Einreiseerlaubnis recht sicher. Nach etwa fünfstündigen Befragungen der Einwanderungsbehörde auf der im New Yorker Hafen liegenden Ellis Island mussten nur zwei bis drei Prozent der Bewerber zurück nach Europa. Der große Rest stürzte sich in das nächste Abenteuer. Wer nicht im Osten der Staaten bleiben wollte, begab sich auf die nicht selten gefährliche Westwanderung in Trecks, um ein Ziel in der Prärie oder jenseits der Rocky Mountains zu erreichen.

Schwierigkeiten, Querelen und Proteste blieben in der neuen Heimat nicht aus. Frieden, Freiheit und Wohlstand waren nicht immer Dauerzustand. Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1775 bis 1783 stürzte der Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd in den 1860ern die USA ins Chaos. Feldzüge gegen Indianerstämme hielten bis in die 1890er an. Schon 1688 hatten die eingetroffenen Krefelder Front gegen die Sklaverei gemacht.

Einführung des Deutschen als zweite Gesetzessprache scheiterte nur knapp

Nach 1700 wechselten manche Deutsche ins Lager der „Integrationsverweigerer“. Englischsprachige Schulen? Für ihre Kinder nicht akzeptabel. Deutschamerikaner in Pennsylvania entwickelten eine eigene Sprache, das „Pennsylvania Dutch“. Weiter im Westen entstand „Texasdeutsch“. Immer wieder ein Streitthema: Das unter den US-Puritanern geltende Alkoholverbot an Sonntagen. Welche politische Macht die deutsche Menschenmasse dennoch hatte, zeigte sich im Repräsentantenhaus von Virginia. Die Einführung des Deutschen als zweite Gesetzessprache scheiterte 1794 nur knapp, mit 42 zu 41 Stimmen.

Treibstoff. Die letzten Einwanderungswellen in die USA folgten im 20. Jahrhundert als Folge der Verfolgungen im Dritten Reich und der schweren unmittelbaren Nachkriegsjahre. Am Ende blieb der gute Ruf der Ankömmlinge bis heute: Deutschstämmige waren im Ganzen integrationsbereit und standen für die Ideen der amerikanischen Nation. Wie Friedrich-Wilhelm von Steuben. Drillen von Soldaten hatte der Preuße beim Alten Fritz gelernt. Im Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht und ihrer 5000 angeheuerten hessischen Söldnern schulte der Preuße dann US-Kämpfer. New York feiert ihn dafür noch heute mit der Steubenparade.

Im Zweiten Weltkrieg mussten sich viele Deutsche, gerade aus dem Osten, eine neue Heimat suchen. Mütter machten sich mit ihren Kindern auf gefährliche Fußmärsche, nur mit dem Nötigsten.
Im Zweiten Weltkrieg mussten sich viele Deutsche, gerade aus dem Osten, eine neue Heimat suchen. Mütter machten sich mit ihren Kindern auf gefährliche Fußmärsche, nur mit dem Nötigsten. © imago images / Photo12 | imago stock

Die deutsche Auswanderung war Treibstoff für Amerikas wirtschaftliche und militärische Stärke. Vor 25 Jahren hat die Journalistin Susanna Ray einen Besuch in der Ur-Heimat der Boeings am Rand des Ruhrgebiets gemacht. Sie fragte sich hinterher, ob die bekanntesten Flugzeuge der modernen Welt nicht auch in Deutschland hätten entstehen können, wäre der Bergbauingenieur daheimgeblieben und hier zum Vater seines genialen Sohnes geworden. Ray: „Manchmal wünschen sich die Bewohner von Hohenlimburg, Böing hätte seine Heimatstadt nie verlassen“.