Donald Trump warb vor zwei Jahren um Amerikas Jugend mit Podcasts, Wohlstandsversprechen und dem Ende der Abstiegsangst. Nach seinem Wahlsieg ist von der Romanze kaum etwas übrig. Amerikas Jugend rechnet mit ihm ab. Womöglich schon am 3. November.

Die neue Harvard-Jugendstudie gleicht einem Misstrauensvotum. Unter den 18- bis 29-Jährigen, die definitiv wählen wollen, bevorzugen 63 Prozent demokratische Kongresskandidaten. Nur 26 Prozent setzen auf Republikaner. Zugleich nennen 63 Prozent dieser Wähler als Motiv den Widerstand gegen Trump und seine Politik, lediglich 14 Prozent signalisieren Unterstützung. Zwei identische Zahlen, zwei Fragen – eine Abkehr.

Unter allen registrierten jungen Wählern beträgt der Abstand 45 zu 24 Prozent. Das Pew Research Center ermittelte Anfang Oktober 51 zu 23 Prozent. Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Aber der Rückblick zeigt das Tempo der Verschiebung.

Midterms in den USA: Trump war besonders bei jungen Männern beliebt

2016 entschieden sich laut Jugendwahl-Institut Circle 55 Prozent der unter 30-Jährigen für Hillary Clinton, 37 Prozent für Trump. 2020 gewann Joe Biden diese Gruppe mit 61 zu 37 Prozent. Vier Jahre später war der Vorsprung von Kamala Harris auf vier Punkte geschrumpft: 51 zu 47. Unter jungen Männern siegte Trump sogar mit 56 zu 42 Prozent. Er war in eine demokratische Hochburg vorgedrungen.

US President Donald Trump speaks at campaign rally in Texas
Demonstranten protestieren gegen Donald Trump in Texas.© AFP | Ronaldo Schemidt

Midterms: Junge haben kein Vertrauen in Trumps Wirtschaftskurs

Nun droht der Erfolg zu verfliegen. Wahltagsbefragungen und heutige Wahlabsichten sind nicht deckungsgleich; auch die Altersgruppe verändert sich. Trotzdem sprechen die Erhebungen eine eindeutige Sprache. Aus Hoffnung ist binnen nicht mal 24 Monaten Trump-Regierung Enttäuschung geworden.

Die Gründe stehen nicht auf Wahlplakaten, sondern auf Rechnungen. 77 Prozent missbilligen Trumps Wirtschaftspolitik, darunter ungefähr die Hälfte der jungen Republikaner. 49 Prozent berichten von einer verschlechterten Finanzlage seit Trumps Amtsantritt. 79 Prozent fürchten die hohen Lebenshaltungskosten als Gefahr für ihre Zukunft. Wer Studienkredite zurückzahlt oder ein Haus finanzieren will, begegnet dem amerikanischen Traum vor allem als Preisetikett.

Hinzu kommt die Angst vor Künstlicher Intelligenz (KI), die gerade jene Einstiegsjobs verdrängen könnte, über die Berufsanfänger Fuß fassen. 64 Prozent halten Arbeitsplatzverluste durch KI für eine ernste Gefahr. Im September trauten unter 30-Jährige laut Times/Siena den Demokraten beim Umgang mit KI um 32 Punkte mehr zu. Landesweit lag Trumps Partei hier noch knapp vorn. Sein Pakt mit Tech-Milliardären wirkt längst nicht auf alle verheißungsvoll.

Junge Amerikaner verlieren den Glauben an wirtschaftlichen Aufstieg

Nur neun Prozent glauben noch, Amerika bewege sich in die richtige Richtung. 69 Prozent blicken eher ängstlich als hoffnungsvoll nach vorn. Erstmals erwarten mehr junge Amerikaner, wirtschaftlich schlechter als ihre Eltern dazustehen, als mit einem besseren Leben zu rechnen: 27 zu 25 Prozent. Statistisch ein enger Abstand, historisch eine Zäsur.

John Della Volpe, Leiter der Harvard-Erhebung, fragt: „Junge Menschen sollten erkennen können, wie aus harter Arbeit ein sicheres Leben wird. Gilt dieses Versprechen noch?“ Sophia Robertson vom studentischen Umfrageprojekt beobachtet eine Hinwendung zu „populistischen wirtschaftspolitischen Ideen und Kandidaten, die auf ihre Krisen reagieren“.

Doch die Demokraten dürfen sich nicht zu früh freuen. Auch ihnen misstraut die Jugend. Rund zwei Drittel bewerten ihre Arbeit im Kongress negativ; bei den Republikanern sind es 74 Prozent. Die Zustimmung zu demokratischen Kandidaten ist deshalb weniger eine Liebeserklärung als eine politische Abrechnung mit Trump.

Wahlbereitschaft junger Republikaner sinkt deutlich

Entscheidend wird sein, ob die Wut die jungen Leute tatsächlich in die Wahllokale treibt. 2018 gingen nach den später bereinigten Berechnungen des Forschungsinstituts Circle an der Tufts University 28 Prozent der Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren wählen. 2022 waren es 23 Prozent. Beide Werte lagen deutlich über dem Tief von 2014 mit gerade 13 Prozent.

Die aktuelle Harvard-Umfrage liefert ausgerechnet hier ein Warnsignal: Nur etwa jeder dritte junge Erwachsene erklärt, am 3. November definitiv wählen zu wollen. 2022 waren es in einer vergleichbaren Befragung noch 40 Prozent. 

Die nachlassende Bereitschaft konzentriert sich allerdings auf Trumps Lager. Unter jungen Republikanern sank sie von 46 auf 34 Prozent. Bei jungen Demokraten bleibt sie mit 50 Prozent ungefähr konstant.

Junge Wähler könnten Wahlausgang in Schlüsselstaaten entscheiden

Das könnte am 3. November zum entscheidenden Unterschied werden. Nicht nur, weil mehr junge Menschen demokratisch wählen wollen. Sondern weil junge Republikaner zunehmend zu Hause bleiben könnten. In knappen Rennen um Senatssitze in Michigan, Pennsylvania, Georgia oder North Carolina können schon wenige tausend zusätzliche Stimmen über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Wie groß das Gewicht der Jugend sein kann, zeigte sich 2022. Damals entschieden sich nach Wahltagsbefragungen 62 Prozent der jungen Wähler für demokratische Kandidaten zum Repräsentantenhaus, nur 35 Prozent für Republikaner. Eine vergleichbare oder noch stärkere Verschiebung bei ausreichender Beteiligung würde Trumps Partei erheblich schaden.

News aus den USA

2024 hatte Trump vielen Jungen eingeredet, der amerikanische Aufstieg trage seinen Namen. Heute verbinden zahlreiche Befragte mit seiner Präsidentschaft die Angst vor dem eigenen Abstieg. Eine Generation ist politisch nicht für immer verloren. Doch das Versprechen, mit dem Trump sie gewinnen wollte, glaubt ihm ein erheblicher Teil nicht mehr.