Die rührenden Bilder vom kleinen Affen Punch und seinem Stofftier lösten weltweit eine Welle des Mitgefühls aus. Viele Nutzer äußerten den Wunsch, ihn „adoptieren“ zu wollen, ihn zu „trösten“, zu „kuscheln“ oder als Haustier zu halten. Das geht Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft zu weit. Sie erklärt im Interview mit dieser Redaktion, welche traurigen Entwicklungen hinter dem Social-Media-Hype stehen.
Die Videos des Affen Punch wurden tausendfach kommentiert. Was finden Sie bedenklich daran?
Wiebke Plasse: Zunächst möchte ich einmal betonen: Wir wollen keine Spielverderber sein. Es ist schön zu sehen, wie viel Mitgefühl und Empathie ein einzelnes Tier auslösen kann. Leider ist das ganz schnell in eine schwierige Richtung umgeschwenkt. Die Leute wollten das Tier dann retten, bei sich aufnehmen. Das ist ein häufiges Phänomen, das wir auf Social Media beobachten: Die Grenzen zwischen Haus- und Wildtier verschwimmen zunehmend. Dabei ist „Punch“ ein Wildtier, und ein Wildtier gehört nicht in Menschenhand.
Auch interessant
Haltung von Wildtieren befördert illegalen Handel
Welche Probleme stecken hinter solchen Videos?
Das Problem ist, dass wir auf Social Media immer nur kurze Videosequenzen oder Fotos sehen, die das Leid, das für das Tier damit einhergeht, überhaupt nicht darstellen. Wildtiere haben ganz anspruchsvolle, komplexe Bedürfnisse, die nicht einem Hund oder einer Katze gleichkommen. Sie können nicht artgerecht als Haustier gehalten werden.
Und: Diese Haustierhaltung von Wildtieren befördert am Ende auch den illegalen Wildtierhandel. Gerade Affen und Makaken werden sehr gerne als Haustiere gehalten. Sie werden dafür der Wildnis entnommen, den Muttertieren entrissen – und oft werden die Mütter auch getötet, damit sie die Jungen überhaupt freigeben.
Also befördert Social Media Tierleid?
Absolut. Im Rahmen unserer Kampagne „Stoppt Tierleid in sozialen Netzwerken“ dokumentieren wir sehr umfangreich die verschiedenen Formen von Tierleid, die auf Social Media zu sehen sind. Da ist die Haustierhaltung von Wildtieren nur ein Beispiel – es geht hin bis zu ganz grausamen Gewalttätigkeiten für Likes und Reichweite. Leider ist Social Media ein großer Treiber für Tierleid. Tier-Content läuft gut, das wissen wir. Aber der Algorithmus sortiert leider nicht zwischen tierschutzförderlichen Inhalten und Tierleid-Content.
Auch interessant
Wie äußert sich dieser besorgniserregende Trend in der Realität – im Wildtierhandel zum Beispiel?
Es ist leider nicht wirklich mit Zahlen zu bemessen, weil sich vieles im Illegalen abspielt. Gerade was das Thema von Affen in Haustierhaltung, über die wir sprachen, angeht, Makaken wie Punch sind traurig erschwinglich – auf den Straßen und Tiermärkten in Indonesien bekommt man sie aktuell für umgerechnet rund 40 Euro. Online sind es nicht mal 30 Euro.
Und wir sehen auch hierzulande seit Jahren, dass immer mehr Suchanfragen im Netz kommen: „Affe als Haustier“, „Faultier als Haustier“, „Igel als Haustier“. Das hat auch der Affe Punch jetzt wieder ausgelöst. Wir konnten nach diesem Viralgehen eine starke Nachfrage nach Affen als Haustieren verzeichnen. Und wir wissen leider auch, dass es Wege gibt, sich die Tiere anzuschaffen und in Deutschland zu halten. Das ist extrem bedenklich.
Social Media verschleiert Gefahren der Wildtierhaltung
Inwiefern ist dieses Verschwimmen der Grenzen zwischen Haustier und Wildtier auch für den Menschen problematisch?
Die Menschen verstehen oft infolge der unkritischen Darstellung auf Social Media nicht mehr, wie gefährlich das eigentlich ist. Wenn es zum Beispiel um Wildtier-Selfies geht. Zum einen die möglichen Angriffe durch das Tier. Zum anderen Krankheitsübertragungen, Zoonosen, vom Menschen auf Tiere oder andersherum.
Die Grenzen zwischen Wildnis und Mensch sind schon zu Recht da. Die sollten wir nicht überschreiten für ein Foto, das man posten möchte, um Reichweite zu gewinnen. Das ist einfach nicht unser Lebensraum. Das tut am Ende weder dem Menschen noch dem Tier gut.
Lesen Sie auch
Was sind aus Ihrer Sicht Lösungsansätze? Wer steht hier in der Verpflichtung?
An erster Stelle sind natürlich die sozialen Netzwerke in der Verantwortung. Sie brauchen eine Hausordnung und müssen dafür sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden. Das beruht zurzeit viel auf Freiwilligkeit. Da kommt die zweite Ebene – hier stehen die Gesetzgeber in der Verantwortung. Da die sozialen Netzwerke freiwillig zu wenig machen, muss hier gesetzlich nachgesteuert werden. Die dritte Verantwortungsebene sind wir alle.
Wir alle haben Macht darüber, wie der Algorithmus gefüttert wird. Daher: keine Likes für Tierleid, nicht teilen, nicht kommentieren. Beiträge, die Tierleid darstellen und verharmlosen, bitte nur melden.
SMACC-Report zum Leiden der Makaken
Die Social Media Animal Cruelty Coalition (SMACC), der auch die Welttierschutzgesellschaft angehört, veröffentlichte 2023 einen Report unter dem Titel „Das Leiden von Makaken für Social-Media-Content“. Nach der Analyse von insgesamt 1266 Fotos und Videos in sozialen Netzwerken waren das die Haupterkenntnisse:
- Insgesamt wurden mehr als 2800 Vorfälle von Missbrauch festgestellt, was bedeutet: Im Durchschnitt wurde jeder Inhalt mehr als zwei Missbrauchskategorien wie z.B. „grober Umgang“ oder „Futterentzug“ zugeordnet.
- Zwei der häufigsten Formen des Missbrauchs waren bewusster psychischer sowie körperlicher Missbrauch der Makaken.
- Dutzende Fälle wurden entdeckt, in denen Makaken offenbar unter Einfluss von Drogen standen, sexuell missbraucht wurden oder ihr Tod herbeigeführt oder bewusst in die Länge gezogen wurde.


![Raubtierdompteur Christian Walliser schmust am 10.05.2013 in seinem Wohnwagen in Landsberg am Lech (Bayern) mit dem drei Wochen alten Tigerbaby Yarisha. Drei Tage nach ihrer Geburt wurde die kleine Tigerin von ihrer Mutter abgelehnt. Seitdem zieht Christian Walliser die Kleine deren Name bersetzt "die K mpferische" heißt mit der Flasche auf. Foto: Karl Josef Hildenbrand dpa/lby [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit usage worldwide ] Raubtierdompteur Christian Walliser schmust am 10.05.2013 in seinem Wohnwagen in Landsberg am Lech (Bayern) mit dem drei Wochen alten Tigerbaby Yarisha. Drei Tage nach ihrer Geburt wurde die kleine Tigerin von ihrer Mutter abgelehnt. Seitdem zieht Christian Walliser die Kleine deren Name bersetzt "die K mpferische" heißt mit der Flasche auf. Foto: Karl Josef Hildenbrand dpa/lby [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit usage worldwide ]
Raubtierdompteur Christian Walliser schmust am 10.05.2013 in seinem Wohnwagen in Landsberg am Lech (Bayern) mit dem drei Wochen alten Tigerbaby Yarisha. Drei Tage nach ihrer Geburt wurde die kleine Tigerin von ihrer Mutter abgelehnt. Seitdem zieht Christian Walliser die Kleine deren Name bersetzt "die K mpferische" heißt mit der Flasche auf. Foto: Karl Josef Hildenbrand dpa/lby [ Rechtehinweis: Verwendung weltweit usage worldwide ] Dompteur zieht Tigerbaby mit Flasche auf](https://img.sparknews.funkemedien.de/412577028/412577028_1784031668_v16_9_1200.jpeg)




