• 50 bis 80 Jugendliche bei zweitem Schulstreik in Witten gegen Rückkehr zur Wehrpflicht
  • Demonstriert wurde am 8. Mai, dem Tag der Befreiung von Nazi-Deutschland
  • Schülerinnen und Schüler kritisieren auch die vielen Milliarden für neue Waffen

50 bis 80 junge Menschen haben am erneuten bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht in Witten teilgenommen. Es war zunächst ein kleines Grüppchen, das sich am Freitag (8.5.) um neun auf dem Rathausplatz versammelte. Viel mehr wurden sie auch nicht, als um 9.15 Uhr die große Pause nebenan am „Schiller“ begann. Denn wer auf die Straße ging, machte blau.

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Das trauten sich in einer Klasse offenbar mehr die Mädchen, wie Anuk (15) feststellte. Sie hält ein Schild aus Pappe mit der Aufschrift hoch: „Für Frieden braucht man keine Waffen!“ Ein junges Pärchen läuft Hand in Hand mit. „Ich habe keine Lust, dass mein Freund im Krieg stirbt“, sagt Malu (17) von der Rudolf-Steiner-Schule.

8. Mai als Tag der Befreiung: Friedensforum setzt Zeichen

Die Demonstranten ziehen - begleitet von relativ viel Polizei - weiter zum Ruhr-Gymnasium, wo sie mit Pfiffen auf sich aufmerksam machen. Joachim Schramm vom Friedensform erinnert in der Nähe des Synagogen-Mahnmals an die Bedeutung dieses Tages, dem 8. Mai, als Deutschland von der Nazi-Herrschaft befreit wurde. Der aktuellen Aufrüstung wird eine deutliche Absage erteilt. Gemeinsam ruft die Jugend im Chor: „Nie, nie wieder Wehrpflicht!“

Hand in Hand protestieren Malu (li.) und Talu gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Hand in Hand protestierten Malu (li.) und Talu am Freitag mit.© WAZ | Jürgen Augstein

Der von der Verdi-Jugend angeführte Demo-Zug führt über die Breite Straße weiter zur Bahnhofstraße, wo sie zumindest die Aufmerksamkeit der Passanten erregen. Die Schülerinnen und Schüler sind sich einig, dass eine mögliche neue Wehrpflicht und die vielen Milliarden für die Bundeswehr der falsche Weg sind, um auf eine Bedrohung durch Russland zu reagieren.

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„Gerade wir jungen Leute haben die Pflicht, die Beschlüsse der Regierung zu hinterfragen, wenn Krieg, Aufrüstung und ein Rechtsruck wieder salonfähig sind“, ruft Jurek Macher (27) von der Verdi-Jugend Südwestfalen. Er hat plakative Vergleiche im Gepäck. „Ein Leopard-2-Panzer kostet sechs Millionen Euro. Dafür könnte man 111 Lehrer im Jahr einstellen.“

„Armut“ für 17-Jährigen das wichtigere Thema

David, Zwölftklässler vom Schiller-Gymnasium, glaubt im Übrigen nicht an eine Bedrohung durch Feinde von außen. Putin habe gar kein Interesse daran, Deutschland anzugreifen, sagt der 17-Jährige, weil er mit diesem reichen Land noch Geschäfte machen wolle. „Die echten Themen sind für mich Armut und die sinkende Lebensqualität.“

Warum sich nur relativ wenige ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler an dem zweiten Wittener Schulstreik gegen eine Wehrpflicht beteiligen, erklärt Davids Begleiterin: „Es wird zwar viel über das Thema geredet. Aber viele haben Angst, schlechte Noten zu bekommen.“ Denn „frei“ gibt es fürs Streiken wie gesagt nicht.

Schülerinnen demonstrieren für Zusammenhalt

Doch die dem Aufruf von Verdi, Friedensgesellschaft und Linksjugend gefolgt sind, tun es furchtlos und lautstark. „Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr“, rufen sie. Auf einem großen weißen Transparent konnte sich jeder, der wollte, verewigen. „Lasst euch nicht verheizen“, steht da in Lila. Oder: „Hände weg von unserer Zukunft!“

Schulstreik gegen Wehrpflicht
Der kleine Demonstrationszug formierte sich am Rathausplatz. Von dort ging es weiter zum Ruhr-Gymnasium und über die Breite Straße in die Bahnhofstraße.© FUNKE Foto Services | Olaf Fuhrmann

Aus einer Lautsprecherbox dröhnt laute Musik: „Komm, wir singen im Atomschutzbunker. Hurra, diese Welt geht unter“, tönt es. Ein junger Mann namens Niklas fordert die Schülerinnen und Schüler per Mikro zum Zusammenhalten auf. „Ich werde weiter gegen die Wehrpflicht kämpfen.“ Auch der Kanzler kriegt sein Fett weg. „Friedrich Merz, das ist nicht die Zeit für Großmachtpolitik.“

Schüler streiken während des Unterrichts

Tatsächlich beteiligen sich auffallend viele Mädchen an dem zweiten Schulstreik in Witten. Sie zeigen Flagge, halten Plakate hoch. Ihre Mutter habe gesagt, sie sollten doch lieber in ihrer Freizeit demonstrieren, sagt Anuk, die 15-Jährige vom Schiller. Sie selbst findet aber, dass die Unterrichtszeit dafür passender ist. „Wenn keiner in der Schule ist, kriegt das vielleicht auch die Regierung mit.“