Politische Beobachter in Witten glaubten, ihren Augen und Ohren nicht zu trauen. Noch nie ist ein Kandidat im ersten Wahlgang bei einer Kanzler-Wahl im Bundestag durchgefallen. Am Dienstagvormittag (6.5.) war es soweit. Was sagen Wittener Passanten und Kommunalpolitiker zum Scheitern von Friedrich Merz im ersten Anlauf?

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„Wir finden das gut. Nicht mal die eigene Partei mag ihn“, sagen Sarah (27), Fabian (28) und Jason-Dee (22), denen wir am Dienstagmittag in der Bahnhofstraße begegnen. Und welche Schlüsse lassen sich aus der zunächst misslungenen Kanzler-Wahl ziehen? „Die Parteien sollten vielleicht mal darüber nachdenken, wie sie die Politiker auswählen. Sie sind viel zu wirtschaftlich orientiert, zu wenig menschlich“, sagt Sarah.

Auch Marieke (33) und Georgia (42), die gerade mit ihren Kinderwagen unterwegs sind, halten nicht allzu viel von Merz. „Aber wir haben nichts davon, wenn es keinen Kanzler gibt. Regierungschaos gibt es schon genug.“ Man müsse auch die aushalten, „die man nicht unbedingt wollte“. Deshalb plädieren sie dafür, der neuen Regierung zumindest eine Chance zu geben. Gerhard hingegen wäre froh gewesen, wäre Merz auch im zweiten Wahldurchgang gescheitert. „Wer ihn wählt, wählt den Krieg.“ Damit spielt der 80-Jährige auf das unbegrenzte Sondervermögen für Aufrüstung an. Und was sagen die Kommunalpolitiker?
Wittener SPD-Fraktionsvize: „Das spielt nur Extremisten in die Karten“
„Ich bin schockiert“, kommentiert SPD-Fraktionsvize Christoph Malz den verlorenen ersten Wahlgang. „Das war kein gutes Ergebnis. Man kann zu Friedrich Merz stehen, wie man will. Aber das hier spielte letztlich nur den Extremisten in die Karten. Weil sich die AfD wieder darauf zurückziehen konnte, dass die demokratische Mitte keine Mehrheit zustande bringt, also nicht funktioniert.“ Mit dem zweiten Wahlgang wurde dieser Beweis dann aber doch noch erbracht - Friedrich Merz ist bekanntlich zum neuen Kanzler gewählt worden.

Wittener CDU-Fraktionschef: „Der Dax ist sofort gefallen“
Aus welchen Reihen die Abweichler in der ersten Runde kamen, darüber will der 56-jährige Malz nicht spekulieren. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie sowohl aus unseren Reihen als auch denen der CDU/CSU kommen.“ Dass es Merz erst im zweiten Durchgang geschafft hat, hält der Genosse für eine „zusätzliche Hypothek der neuen Regierung“. Wäre er erneut gescheitert, wäre das eine Situation gewesen, so Malz, „die wir uns als Demokraten nicht wünschen können“. Nach dem „klaren Mitgliedervotum in der SPD“ pro Koalitionsvertrag ging der stellvertretende Wittener SPD-Fraktionsvorsitzende aber davon aus, dass die Reihen seiner Fraktion beim zweiten Wahlgang geschlossen sind.
CDU-Fraktionschef Volker Pompetzki (59) hat fest daran geglaubt, dass es Merz im zweiten Durchgang schaffen würde. „Was gibt‘s denn für Alternativen?“ Schön sei die Situation nach dem verlorenen ersten Wahlgang aber nicht gewesen. Der Christdemokrat denkt zum Beispiel an die Auswirkungen auf die Wirtschaft. „Der Dax ist sofort gefallen.“ Wie dieses erste, aus Unionssicht verheerende Ergebnis zustande kam? Dass es innerhalb der eigenen CDU-Fraktion Abweichler gab, kann oder will sich Volker Pompetzki nicht vorstellen.

CDU-Parteivorsitzender aus Witten: „Ich bin entsetzt“
„Ich bin entsetzt und weiß nicht, was in manchen Köpfen vorgeht“, kommentiert CDU-Parteichef Ulrich Oberste-Padtberg (57) das Verhalten jener in der SPD oder/und CDU, die Friedrich Merz ihre Stimme im ersten Wahlgang vermutlich verweigert haben. „Natürlich ist es keine Wunschkoalition, aber eine Koalition der Vernunft und Verantwortung.“ Er könne es nicht fassen, wenn einige „ihre Eitelkeiten und Psychosen auf Kosten des Landes ausleben“. Oberste-Padtberg auf die Frage nach den Abweichlern: „Wir wissen nicht, wo sie herkommen.“ Jetzt sei aber höchste Eile geboten.
„Deutschland muss eine handlungsfähige Regierung bekommen“, sagt der Wittener CDU-Stadtverbandsvorsitzende. Der noch amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz sei schließlich am Montagabend verabschiedet worden. Und wie groß ist der Schaden für die Union und für Friedrich Merz persönlich? Der bekennende Merz-Fan erinnert daran, dass auch schon so mancher Ministerpräsident erst nach mehreren Wahlgängen gewählt worden sei. Am Ende hat es der Sauerländer dann ja doch noch geschafft. Ulrich Oberste-Padtberg kann auf seinen neuen Kanzler anstoßen.




