Vor der Hauptversammlung des angeschlagenen Essener Stahl- und Industriegüterkonzerns Thyssenkrupp rückt die geplante Dividendenzahlung von insgesamt rund 93 Millionen Euro an die Aktionäre des Unternehmens in den Fokus. Brisant ist dabei, dass Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm im Zusammenhang mit der Dividenden-Entscheidung dem Vernehmen nach erneut seine Doppelstimme eingesetzt hat, um die Arbeitnehmerseite zu übertrumpfen.

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Der Einsatz der Doppelstimme gilt als ein selten eingesetztes Instrument in Deutschlands Industrie. Zur Einordnung: Der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp ist mit jeweils zehn Anteilseigner- und Arbeitnehmervertretern besetzt. Bei Stimmengleichheit kann der Vorsitzende mit seinem Doppelstimmrecht den Ausschlag geben.

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Am Abgrund – Die Thyssenkrupp-Story
 

Dass der frühere BDI-Präsident Russwurm bei strittigen Entscheidungen schon mehrfach seine Doppelstimme einsetzen musste, ist Ausdruck tiefer Konflikte beim Essener Traditionskonzern. So hatte der Aufsichtsrat unter der Leitung von Russwurm im Frühjahr 2024 trotz einer ablehnenden Haltung der Arbeitnehmervertreter einem Einstieg des tschechischen Geschäftsmanns Daniel Kretinsky bei der Thyssenkrupp-Stahlsparte zugestimmt. Der Deal mit Kretinsky ist mittlerweile rückabgewickelt worden. Russwurm hatte die Arbeitnehmervertreter auch bei einer Erweiterung des Thyssenkrupp-Vorstands überstimmt.

Hauptversammlung ThyssenKrupp
Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm: Als Vorsitzender des Kontrollgremiums leitet der Manager die Hauptversammlungen des Konzerns.© Fabian Strauch | Fabian Strauch

Auf Anfrage unserer Redaktion wollte sich ein Thyssenkrupp-Sprecher nicht zum Abstimmungsverhalten des Aufsichtsrats im Zusammenhang mit der aktuellen Dividende äußern. „Die Sitzungen des Aufsichtsrates der Thyssenkrupp AG unterliegen grundsätzlich der Vertraulichkeit“, erklärte er. Russwurms Doppelstimme ist auch Thema einer neuen Podcast-Folge von „Am Abgrund – die Thyssenkrupp-Story“. Der Podcast wird am 6. Januar veröffentlicht.

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Formal entscheidet die Hauptversammlung am 30. Januar in Bochum über die Dividende. Die Thyssenkrupp-Konzernleitung will den Anteilseignern für das Geschäftsjahr 2024/25 erneut 15 Cent je Aktie überweisen. Das entspricht insgesamt rund 93 Millionen Euro. Das Management setze auf „Dividendenkontinuität“, hieß es in einer Mitteilung des Konzerns. Es wäre die dritte Dividende in dieser Höhe in Folge. Etwa 19,6 Millionen Euro kämen damit der Essener Krupp-Stiftung zu, die rund 21 Prozent der Anteile hält. Für das laufende Geschäftsjahr 2025/26 erwartet der Thyssenkrupp-Vorstand um Miguel López allerdings ein weiteres Verlustjahr. Unter dem Strich wird ein Minus von 400 bis 800 Millionen Euro prognostiziert.

Jürgen Kerner, der Zweite Vorsitzende der IG Metall und Vize-Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp, hatte bereits erklärt, die Arbeitnehmerseite trage „die Empfehlung an die Jahreshauptversammlung zur Auszahlung einer Dividende nicht mit“. Zur Begründung sagte Kerner: „Wir haben in allen Bereichen der Thyssenkrupp AG sehr schmerzhafte Einschnitte bei den Belegschaften: Standortschließungen, Personalabbau im vierstelligen Bereich, teils auch mit Kündigungen, Entgelt-Verzicht und vieles mehr.“ Eine Auszahlung von 93 Millionen Euro entziehe „dem Unternehmen Kapital, während notwendige Investitionen teilweise unter dem Vorbehalt der Finanzierungsfähigkeit des Konzerns stehen“.