Zusammenfassung
- Joseph Langelinck, das Alter Ego des Performance-Künstlers Carl Brandi, bietet als 'Grumpy Guide' ungewöhnliche Führungen im Düsseldorfer Kunstpalast an.
- Oft gibt es harsche Kritik an den Gästen, dem Kunstpalast und den Kuratoren.
- Trotz oder gerade wegen der unkonventionellen Herangehensweise sind die Führungen bis Jahresende ausgebucht.
„Ich bin Langelinck ... ich warte auf niemanden.“ So schnell wie der Herr mit Pferdeschwanz, Brille und salbei-grünem Pullover aus einer Ecke im Düsseldorfer Kunstpalast gekommen ist, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Als Joseph Langelinck auf dem Absatz der braunen Wildleder Schuhe kehrtmacht, bleiben fragende Gesichter bei den Wartenden zurück. Eigentlich haben sie heute eine Führung durch die Sammlung gebucht und ganz uneigentlich haben sie gerade ihren Tourguide kennengelernt.
So langsam setzt sich das Trüppchen in Bewegung – zu langsam – Joseph Langelinck ist schon zwei Räume weiter. Nach und nach bildet sich um den Kunst-Enthusiasten mit der beinahe zu geraden Haltung eine Traube. „Hier ist die Eingangstür zur Sammlung. Wer mir mit dem Endgerät im Gesicht herumfuchtelt, kann direkt hier auch wieder rausgehen“, stellt er mit einer ernsten Stimmlage fest, die jeglichen Ansatz von aufkeimender Diskussionsfreude seitens der Teilnehmer direkt im Keim erstickt.
Beim Grumpy Guide im Kunstpalast kriegt jeder sein Fett weg
Gut, wäre das geklärt. Die Handys bleiben in der Tasche und wer hinter dem Tempo der Führung zurückbleibt, hat Pech gehabt. Joseph Langelinck hat ein straffes Programm und keine Zeit für jegliche Form von Trödeleien. Im Stechschritt und ohne sich auch nur einmal umzudrehen, geht es weiter in den nächsten Raum. So langsam sollten die Teilnehmer die Wahl ihres Tourguides überdenken. Sollten sie? Nein! Der Leidensweg durch den Kunstpalast ist ein selbstbestimmtes Schicksal.

Joseph Langelinck ist der „Grumpy Guide“ – eine Kunstfigur, eine Karikatur und das Alter Ego von Performance-Künstler Carl Brandi. Seine Führungen durch die renommierte Düsseldorfer Einrichtung in Rheinnähe sind über Wochen ausgebucht. Die Menschen stehen Schlange, um sich vom schlechtgelaunten Experten beschimpfen und demütigen zu lassen. Aber keine Sorge, in der etwas anderen Führung bekommen nicht nur die Gäste ihr Fett weg. Auch der Kunstpalast, die Kuratoren sowie die Künstlerinnen und Künstler selbst müssen einiges einstecken. Denn: Langelinck ist ein frustrierter Kunsthistoriker, der davon überzeugt ist, selbst von den Gründern der alten Düsseldorfer Gemäldegalerie abzustammen. Nach seinem persönlichen Empfinden ist das Haus mittlerweile vor die Hunde gegangen.
Wissensabfrage: Gäste scheitern an Kleopatra
„Wer ist die Figur mit dem Schwert?“ fragt Langelinck und zeigt mit den langen Fingern auf die Bildmitte des Altars aus dem 17. Jahrhundert. Bleiernes Schweigen zieht sich durch das kleine Grüppchen. „Michael“, sagt eine ältere Dame im rot-weißen Kleid leise. „Immerhin, es hat ja auch nur eine Aufforderung gebraucht“, quittiert der Miesepeter die richtige Antwort. Von Lob oder Anerkennung fehlt jede Spur. Es wären auch verfrühte Lorbeeren gewesen. Denn schon wenige Meter gibt es die nächste gnadenlose Wissensabfrage und bei der kommt die Gruppe ins Straucheln.
Der Grumpy Guide hat sich vor eine hängende Vitrine mit kleinen Skulpturen gestellt und möchte den Namen des dort ausgestellten Keulenträgers wissen. Erneut bleiernes Schweigen und diesmal eilt auch die ältere Dame nicht zur Rettung. Langelinck wendet niemals den Blick von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen ab – dann platzt es plötzlich lauthals aus ihm heraus: „Herakles“.
- William Kentridge im Folkwang: Tapferer Streiter gegen Rassismus
- Rote Nasen, leere Wand, Auto auf dem Dach: Humor im Kunstpalast
- „Sex Now“-Ausstellung in Düsseldorf kommt zur rechten Zeit
- Köln zeigt, wie und warum Bernd und Hilla Becher fotografierten
- Küppersmühle: Skandalnudel Immendorff im besten Maler-Licht
- Judy Chicago: Pionierin der Feminismus-Kunst in Recklinghausen
- Waltrop zeigt die Wunderwelt der Container von allen Seiten
- Chagall-Ausstellung in Düsseldorf: Augenweiden und Abgründe
Seine Stimme hallt an den Wenden des großen Raumes wider. Eigentlich ein No-Go in den heiligen Hallen, in denen sonst nur geflüstert wird. Viele Gäste stehen nun ein bisschen aufrechter, die Schultern sind angespannt. Die nächste Frage dürfen sie nicht verhauen und tun es schließlich doch. Eine Teilnehmerin identifiziert die Frau mit der Schlange an der Brust als vermeintliche Eva. „Das Wissensspektrum einer Grundschülerin“, kriegt sie darauf hin vom Grumpy Guide um die Ohren gehauen. Ist es doch Kleopatra, die den Freitod durch Schlangengift wählte.
Grumpy Guide lässt die Alten Meister links liegen
Es geht weiter. Die Sohlen seiner Wildleder-Stiefeletten klacken in einem bedrohlichen Staccato auf dem Holzboden des Kunstpalastes. Es geht vorbei an zahllosen Ausstellungsräumen mit wertvollen Gemälden aus den vergangenen Jahrhunderten. Plötzlich findet sich das Grüppchen umringt von meterhohen Kunstwerken wieder. So manch einer staunt nicht schlecht beim Anblick von Peter Paul Rubens „Die Himmelfahrt Mariens“ oder dem im Sonnenlicht so wunderschön glänzenden „Erdtuch“ von El Anatsui, das aus tausenden Kronkorken gemacht wurde. Automatisch werden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen langsamer, weil sie denken, dass der Grumpy Guide ebenfalls in diesem so imposanten Raum stoppt. „Meisterwerke“, sagt er schlicht, würdigt sie jedoch keines Blickes und marschiert schnurstracks wieder aus dem Raum heraus.

Ein weiteres Meisterwerk in den Augen des genervten Kunstkenners stammt aus dem Pinsel von Hermann Freihold Plüddemann. Konradin von Schwaben mit seinem zwischen Schock und Unglauben changierenden Blick hängt eingebettet zwischen vielen weiteren Gemälden aller Art, viele davon sind halb fertig oder nur skizzenhaft umrissen. „Was sagt uns dieses Bild?“, fragt Joseph Langelinck und wartet die Antwort nicht mal mehr ab, „absolut gar nichts! Es ist nur eine Studie, ein Ausschnitt, von der Hinrichtung Konradins. Es ist ein Fetzen der Wirklichkeit. Und das versuchen die Kuratoren Ihnen hier als Petersburger Hängung zu verkaufen. Sie, meine Damen und Herren, werden vom Kunstpalast veralbert.“
„Behelligen Sie mich bitte nie wieder“
Nach gut einer Stunde hat sich Langelinck so in Rage geredet, dass er die Kunstwerke um ihn herum aus den Augen zu verlieren scheint. Ähnlich dürfte es auch den Gästen der Führung gehen, die mittlerweile nur noch an den Lippen des polternden Kunsthistorikers hängen, brav im Stechschritt hinter ihm her trotten und auf den nächsten Ausbruch warten. Und dann bleibt er plötzlich vor einer großen Wendeltreppe stehen, dreht sich zur Gruppe und gibt ihnen selbst auf den letzten Metern noch einen mit: „Behelligen Sie mich bitte nie wieder. Wir sind hier fertig.“
Mit schweren Schritten rauscht er die Treppe hinunter. Was bleibt, ist der Applaus der Kunstfans.
Ticket Info
Online lassen sich keine Tickets für Grumpy Guide Führungen mehr auswählen. Die Termine sind bis zum Ende des Jahres vergriffen. Aber bei dem großen Erfolg bleibt Hoffnung auf weitere Termine. Das ganze Angebot des Kunstpalastes gibt es online.



